Das weltmeisterliche Lachen der Norweger

24.02.2013 | 18:50 |  MARKKU DATLER (Die Presse)

Norwegen-Trainer Alexander Stöckl genießt WM-Gold, er amüsiert sich über den „Anlaufpoker“ und andere Kuriositäten.

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Predazzo. Fans jubeln nach weiten Sprüngen. Athleten machen triumphierende Gesten, Trainer ebenso – und trotzdem gewinnt nicht immer der Weiteste. Mit der Einführung der Wind- und Anlaufregel vor zwei Jahren durch den Internationalen Skiverband wurde Skispringen endgültig zu einem komplizierten Konstrukt für Zuschauer. Auch die Springer selbst müssen auf die Computerdaten warten, je nach Anlauf und Windbedingungen erhalten sie Bonuspunkte oder Abzüge. Im Mix mit den Haltungsnoten wird erst der Sieger gekürt.

Seit Saisonbeginn ist die Verwirrung rund um den Schanzentisch um noch eine Kuriosität reicher: Nach Kalkül können Trainer den Anlauf gesondert verkürzen. Man drückt dafür auf den „roten Knopf“ eines Displays auf dem Trainerturm. Der Springer erhält somit zusätzliche Bonuspunkte, die den Sieg bedeuten können.

Genau dieser Schritt sorgt nun bei der nordischen WM im Val di Fiemme für Debatten. Aber nicht, weil Gregor Schlierenzauer kein Gold, sondern nur Silber auf der Normalschanze erbeutet hat.

 

Risiko oder Kalkül?

Cheftrainer Alexander Pointner ließ den Anlauf bei Schlierenzauers Versuchen jeweils um zwei Luken verringern. Dadurch verlor der 23-jährige Top-Favorit insgesamt 2,4 Meter an Anlauflänge und wertvolle Geschwindigkeit, die bessere Weiten in Aussicht gestellt hätte. Dieses Glücksspiel klappte aber nicht. Bei Weltmeister Anders Bardal wurde auf diese Option bewusst verzichtet. Sein Trainer, der Tiroler Alexander Stöckl, sagt: „Man konnte auch so sehr weit springen. Und: Ich verkürze nur aus Sicherheitsgründen.“

Dafür ist diese Regel auch gedacht und installiert worden – damit Topstars nicht zu weit springen und in Gefahr geraten. Schlierenzauer aber behauptet, dass derjenige, der eine Medaille gewinnen will, „auch riskieren muss“. Vom Ansatz her ein vollkommen legitimer Gedanke, der nicht nur im Spitzensport Gültigkeit besitzt. Mit dieser Methode wählt jedoch der Computer den Weltmeister...

 

Dauer-Party in Cavalese

Alexander Stöckl lassen diese Diskussionen so richtig kalt. Er gewann in seiner Premierensaison als Cheftrainer durch Bardal den Gesamtweltcup. Mit der Erfindung der „Stöckelschuhe“ – Anders Jacobsen trug bei der Tournee selbst gebastelte Einlagen – ließ er ebenso aufhorchen und nun hat der Tiroler Bardal zu WM-Gold geführt. Norwegen freute sich über eine weitere, feuchtfröhliche Medaillenfeier im „Norgehus“ in Cavalese. Knapp 1000 Fans, davon etliche als Wikinger verkleidet, strömten in das Partyzelt. „Wir haben ein tolles Umfeld“, freut sich der Tiroler über den Zuspruch in Skandinavien, „Skispringen ist aber nicht mit dem Status des Langlaufs zu vergleichen, dieser Sport ist die klare Nummereins.“

Björgen, Sundby, Northug und Co. genießen im hohen Norden enormes Ansehen. Er reiche auch weit über die Glorifizierung der Alpinstars in Österreich hinaus. Darob haben sie auch alle „Rechte“, was etwa die Extra-Ausstattung im WM-Hotel anbelangt. Beim Betreten muss sich jeder Gast die Hände waschen, alle Teppiche werden täglich zwei- bis dreimal gesaugt oder mit aus Norwegen importierten Plastikfolien abgedeckt. Alles nur, damit Keime und Bakterien keine Chance haben und den Langläufern nicht zu nahe rücken. Diese Idee hat Biathlon-Superstar Ole-Einar Björndalen eingeführt – er tingelt seit Jahrzehnten durch den Weltcup und hat immer seinen eigenen Staubsauger dabei.

Angesichts dieser taktischen Maßnahmen kann Alexander Stöckl über die in Österreich entfachten Diskussionen über Anlauf oder Formkrisen nur lachen. Der 39-Jährige, dessen Vertrag vom norwegischen Skiverband bereits vorzeitig bis 2015 verlängert worden ist, genießt diese Situation. „Wir wollen und werden in jedem Bewerb eine Medaille gewinnen.“ Ohne Diskussion, Schnoferl, Keim oder den „roten Knopf“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2013)

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