Schön langsam trudeln die ersten Athleten in London ein, um sich auf die Ende nächster Woche beginnenden Sommerspiele vorzubereiten. Sie müssen auf der Fahrt ins olympische Dorf erst einmal eine Autobahnbaustelle und einen Stau überwinden. Mindestens 24 Haarrisse wies ein Viadukt bei einer Inspektion vor wenigen Wochen auf, seither werden die Londoner mit den Reparaturarbeiten nicht und nicht fertig.
Das ist nur eine der kleineren Pannen vor den besten Spiele aller Zeiten, für die das ehemalige Empire keine Kosten und Mühen scheut. Als Transportmittel und als Ausweis ihrer Tüchtigkeit haben sie eine Seilbahn über die Themse gebaut. Da das Inselwetter jedoch Schwierigkeiten macht, musste die Gondelbahn in ihrem kurzen Leben wegen der Gefahr von Blitzschlägen schon einmal ihren Betrieb einstellen. Um das nationale Repräsentationsbedürfnis zu befriedigen, das derartige internationale Events überhöht, beauftragten die Briten den Künstler Anish Kapoor und den Ingenieur Cecil Balmond, ein postpostmodernes Zitat des Eiffelturms in die Nähe des Olympiastadions zu stellen. Seither ist des Spottes kein Ende. „Godzilla der öffentlichen Kunst“ wird der 30 Millionen Euro teure Aussichtsturm genannt.
Wo so viel Ambition herrscht, ist die Angst nicht weit. Die Rekrutierung und Ausbildung der Sicherheitskräfte dauerte länger als vorgesehen, außerdem stellte sich heraus, dass die vorgesehene Security-Armee von 10.000 Mann nicht ausreicht. Sie wurde verdoppelt und mit rund 7000 Soldaten verstärkt. Wer derzeit in der Nähe von Londons olympischen Wettkampfstätten einen Parkplatz sucht, hat gute Chancen, von einem Veteranen des Afghanistan-Krieges eingewiesen zu werden.
Militärische Präsenz und Olympia pflegen eine lange Beziehung. Als Griechenland noch eine vorbildliche Kultur war, herrschte während der Olympischen Wettkämpfe Waffenstillstand. Man wollte unersetzliche Sportler nicht verlieren, bevor sie die Lorbeeren daheim abgeliefert hatten. Die globale Friedensarbeit der in moralischer und sportlicher Hinsicht führenden Nationen wirkt bis heute.
Insofern sind Sommerspiele ein Nachweis des Fortschritts, wie selbst kritische britische Zeitungen bemerkt haben. Die chinesische Regierungsjunta scheute sich 2008 noch, Soldaten vor die Stadiontore der Sommerspiele zu postieren. Die konservative Regierung Englands unter David Cameron agiert da viel transparenter.
Das Tauschgeschäft Sport für Waffenstillstand haben die Herren Olympias seither perfektioniert. Zwar verfügen sie nicht mehr über die symbolische Macht, in der ganzen Welt die Waffen zum Schweigen zu bringen, aber immerhin klingen auf dem Weltenrund 17 Tage lang mehr Applaus und Anfeuerungsrufe aus den Fernsehern und weniger Krisenberichte. Dafür lassen sie sich gut bezahlen. Allein aus den TV-Rechten nahm das IOC für die Spiele 2010 und 2012 rund 3,1 Milliarden Dollar ein, um 40Prozent mehr als für 2006/ 2008 (2,1 Mio. Euro). Und das ist nur ein Teil des Kuchens.
Das ist nur fair, Tugend ist ein rares Gut, und wenn sie zusammen mit Fairness, Chancengleichheit und Toleranz an einem Ort auftritt, sind rund 500 Mio. Euro für Sicherheit und Soldaten eine intelligente Investition. Die Euro 2012 hat den Sommer eingestimmt, in London schwimmt, läuft und schießt die Blüte der Menschheit um die Wette. Der billige Alltag und die Bundesliga kommen früh genug.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)
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