Auch gesunde Zwerge kann man werfen

26.02.2012 | 18:22 |  JOHANN SKOCEK (Die Presse)

Das Problem von Salzburg sind nicht nur charakterschwache Spieler, die Schwäche ist auch eine Folge unklarer Wettbewerbsbedingungen.

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Lassen wir einmal den schlappen, energielosen Eindruck beiseite, den die Mitglieder der von einem Energydrink-Lizenzinhaber geschützten Werkstätte RB Salzburg im internationalen Fußball abgeben. Stellen wir das Problem vom Kopf und der Distanz-Psychologie quasi auf die Beine. In der Bundesliga funktioniert die Vorausverteidigung gegen den Vereinskonkurs – vulgo Lizenzierung – mittlerweile verlässlich, seit neun Jahren musste kein Klub während der laufenden Meisterschaft den Spielbetrieb einstellen. Die Vergangenheitsbewältigung von Sturm Graz (2006) geht nach einem Gerichtsverfahren gegen den Expräsidenten Hannes Kartnig demnächst in die zweite Instanz, gegen vier Expräsidenten des multiplen Konkursanten GAK (erstmals 2007) wird ermittelt. Beide Klubs konnten ihre jeweils letzte Saison freilich zu Ende bringen.

Vor rund einem Jahr wurden erstmals seit 2004 sämtliche (beanstandete) Anträge auf Lizenz in der zweiten Instanz des Begutachtungsverfahrens bewilligt. Die Klubbürokratie und –verwaltung lernt ihr Geschäft, schickt die Lizenzunterlagen (zu mehr als 90 Prozent) pünktlich und vollständig in die Ligazentrale. Aus dem Freibeutertum wird ein seriöses Geschäft, auch wenn sich nach wie vor dort und da Gerüchte (siehe Admira vor einem halben Jahr) um Mehrfachverträge und Schwarzgeldzahlungen halten.

Sogar die Verfassung der an der Schwelle zur Bundesliga – also zum Profifußball – stehenden Regionalligavereine scheint sich nach den Aufzeichnungen der Lizenzierungskommission zu bessern. Die in der ersten Instanz ausgesprochenen Verweigerungen einer Bundeslizenz haben seit 2005 kontinuierlich abgenommen.

Das Immunsystem funktioniert. Aber was nützt das, wenn das Wachstum stockt. Österreichs Vereinsfußball macht den Eindruck eines pumperlgsunden Zwergs, der von den Großen nach Belieben durch die Gegend geworfen wird. Ob er dabei ein armes (Ried) oder ein reiches (Salzburg) Zwergerl ist, wen kümmert's? Lassen wir daher, und sei es nur der Abwechslung halber, neben der Frage nach dem Charakter der Spieler und den Märchen über die Fantasie des Didi Mateschitz eine weitere exegetische Möglichkeit zu: Sind die Umstände der Bundesliga geeignet, Reize für ein geregeltes, nachhaltiges Wachstum zu setzen?

Stellen wir die Kartnig-Sturm-Graz- und die Rudi-Roth-GAK-Erfolge ins Wachsfigurenkabinett der Liga – Abteilung: Spätfeudalismus. Bleibt die Option: Erfolg unter harten, transparenten, fairen Wettbewerbsbedingungen. Sprich Markt. Aus Selbstschutz, und um die Marktteilnehmer vergleichbar zu machen, müsste den Bundesligisten die Auslagerung der Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft vorgeschrieben werden. Wie die Austria das schon getan hat und wie Sturm es vorhat.

Der nächste Schritt wäre der Ausschluss von bestehenden und das Verbot zur Bildung künftiger Quasimonopolisten. Mateschitz dürfte demnach nicht mehr den (Talente-)Markt leer kaufen sowie Preise und Gehälter in für die Konkurrenten ruinöse Höhen treiben. Wohin das führt, hat die Aussage von Stronach im Rahmen des Kartnig-Prozesses gezeigt. Austrias damaliger Betriebsführer Stronach überwies der maroden Sturm zig Millionen und durfte sich dafür aus dem Kader sechs Kicker frei aussuchen.

Und wenn wir schon dabei sind, unfairen Wettbewerb zu eliminieren, sollten auch die öffentlichen Förderungen von Wien bis Vorarlberg gekürzt und einander angepasst werden. Bis dahin wird die Schwäche von Salzburgs Spielern auch die Schwäche seiner Ligagegner sein. Und umgekehrt.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2012)

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