Wenn Thomas Gottschalk Samstagabend um 20.15 Uhr zum letzten Mal die „Wetten, dass . . ?“-Bühne betritt, wird sich die durchschnittliche österreichische Familie vor dem Fernsehapparat versammeln. Vielleicht. Vielleicht lädt der 16-jährige Sohn seine Abendunterhaltung aber auch lieber aus dem Internet herunter, während seine Schwester am Handy Justin-Bieber-Videos auf YouTube ansieht und die Mutter am iPad den „Tatort“ vom vorigen Sonntag nachholt.
Bei seinem letzten Auftritt lockte Quotengarant Gottschalk noch zehn Millionen an das „Lagerfeuer der Nation“. Ist sein Abschied das Startsignal für das schleichende Ende des klassischen Fernsehens?
Fernsehen, was und wann man will
Immerhin sehen Nutzer schon heute jede zehnte Minute nicht mehr lineares Programmfernsehen, sondern laden Filme, Serien und Nachrichten „on demand“, also nach Bedarf, aus dem Internet herunter. Noch landen die meisten dieser Videos auf Smartphones oder Computern, doch die versprochene Verschmelzung zwischen Fernsehen und Internet steht bereits vor der Tür.
Internetfähige TV-Geräte sind die Hoffnung der Hersteller im heurigen Weihnachtsgeschäft. Ein Großteil der Geräte, die in den Geschäften ab 500 Euro zu finden sind, verheißen bereits die „smarte“ Zukunft des bewegten Bildes. Wer sich ein derartiges „Smart-TV“ zulegt, braucht künftig in keinem Fernsehprogramm mehr zu blättern. Inhalte werden aus dem Netz auf das Fernsehgerät geladen – und ganz ohne Werbeunterbrechungen konsumiert. Auch die meisten TV-Sender haben Online-Mediatheken, in denen die Inhalte sieben Tage oder länger abrufbar sind.
Marktforscher versprechen der jungen Branche ein Umsatzpotenzial von 120 Milliarden Euro allein in Deutschland. Kein Wunder, dass Internetgrößen wie Google und Apple um ihr Stück vom Kuchen ringen. Während Google am Betriebssystem für Smart-TV tüftelt, machen sich die Apple-Ingenieure an die Neuerfindung des Fernsehapparats.
„Noch ist der Smart-TV-Markt in einem ähnlichen Stadium wie der mobile Datenmarkt vor der Erfindung des iPhones“, sagt Thomas Künstner, Partner der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton. Technisch sind die Geräte zwar zu allem fähig, die Bedienung lässt allerdings zu wünschen übrig. So erklärt sich auch, warum nur zehn Prozent aller Besitzer von internetfähigen TV-Geräten das Angebot tatsächlich nutzen. Wird also erst Apples iTV den Abschied vom alten Flimmerkasten und von seinem Ökosystem aus mächtigen Sendern markieren? Oder dürfen die TV-Programmdirektoren ihre Jobs auch danach mit Recht behalten?
Junge bevorzugen „on demand“
„Ich teile den Abgesang auf das lineare Fernsehen nicht“, sagt Künstner. Schließlich würden heute 90 Prozent aller Fernsehminuten wie eh und je nach Programm im Wohnzimmer konsumiert. Auch in fünf Jahren werde dieser Anteil noch bei 70 Prozent liegen, schätzt er – was auf der anderen Seite eine Verdreifachung der On-demand-Nutzung bedeutet.
Dennoch spricht vieles dafür, dass die angekündigte Revolution langsamer als erwartet vonstatten gehen wird. Denn anders als bei Handys wechseln Konsumenten ihre TV-Geräte nur alle sieben Jahre. Es wird also noch einige Zeit dauern, bis alle – vor allem auch alle Zweit- und Drittgeräte – umgerüstet sind. Der Erfolg des Fernsehens hat zudem auch damit zu tun, dass es als klassisches „Lean-back-Medium“ gilt. Der Zuseher will sich berieseln lassen und „nicht ständig eine Selektionsentscheidung treffen, wie etwa im Internet“, sagt Rezeptionsforscher Sascha Hölig von der Leuphana-Uni in Lüneburg. Für die Generation der „Digital Natives“, die mit dem Internet aufgewachsen sind, stimmt das nicht.
Im Jahr 2015, schätzt Booz Allen Hamilton, füllen die Jungen schon die Hälfte ihrer „Fernsehzeit“ mit Inhalten aus dem Web. Diese Aussichten rufen neue Inhaltslieferanten auf den Plan, Fernsehsender bekommen Konkurrenz von Handynetzbetreibern, Internetanbietern und Medienkonzernen. „Klassische TV-Sender haben erheblichen Innovationsdruck“, sagt Künstner. Mediatheken und neu gegründete Spartensender wie ORF III und ZDFneo allein werden wohl nicht reichen.
TV-Lagerfeuer in der Hosentasche
Das Ende der gemeinsamen Fernseherlebnisse muss das aber nicht bedeuten. Auch wenn sich Sehergewohnheiten ändern, bleiben gewisse Mechanismen gleich. Menschen werden weiterhin das Bedürfnis haben, TV-Ereignisse zu teilen, glaubt Sascha Hölig. Und Fernsehinhalte werden nach wie vor für Gesprächsstoff in der Gesellschaft sorgen, dazu tragen auch klassische Medien wie Radio und Zeitung bei. Das Fernsehlagerfeuer brennt bloß nicht mehr nur im Wohnzimmer, sondern auf jedem digitalen Gerät, auf dem die TV-Sendungen abspielbar sind.
Und sollte Thomas Gottschalk bei seinem Abschiedsauftritt heute Abend seinen Gast Karl Lagerfeld küssen oder die Zuseher mit anderen Kunststücken verblüffen, wird auch der fernsehverweigernde Sohn tags darauf am Frühstückstisch mitreden können. Denn bis dahin hat er die besten Szenen vermutlich schon oft genug auf YouTube angesehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 3. Dezember 2011)














