Wenn der Wow-Faktor fehlt

Huawei hat sich innerhalb von drei Jahren zu einem Hersteller von Top-Smartphones gemausert. Das P10 zählt auch dazu. Doch so gut es auch ist, so langweilig ist es auch.

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(c) REUTERS (Paul Hanna)

Als Huawei in Barcelona zur Pressekonferenz lud, folgten diesem Aufruf so viele, dass der Saal bereits vor Beginn der Veranstaltung wegen Überfüllung geschlossen werden musste. Ziemlich viele Journalisten kamen nicht mehr hinein. Einer der Securitys fragte immer wieder ungläubig die vor sich stehenden Menschen, ob „sie alle nur wegen eines Smartphones“ hier wären. Auch nach mehrmaligem Bejahen wollte er es noch immer nicht fassen.

Dabei präsentierte Huawei nicht nur ein Smartphone, sondern auch eine smarte Uhr, die aber erst im Lauf des Jahres auf den Markt kommen soll. Das P10 hingegen wird schon in wenigen Wochen für 599 Euro erhältlich sein. Natürlich reiht sich auch dieses Gerät in die Riege der Topmodelle von LG, Sony und Blackberry ein. Zu diesen zählt auch das Galaxy S8, das Ende März vorgestellt werden wird.

Doch der künstlich erzeugte Hype um dieses oder jedes andere Smartphone zeigt nur, dass den Herstellern die Ideen ausgehen. Das P10 hat alles, was es braucht, um bei den Kunden gut anzukommen: ein schlankes Design, und es liegt gut in der Hand. Damit es nicht ständig aus der Hand rutscht, wurden einige Farben mit dem wohlklingenden Verfahren „Hyper Diamond Cut“ bearbeitet.

Steckenpferd Kamera. Die Kameras von Huawei sind mittlerweile auf iPhone- und Galaxy-Niveau angekommen. Die einzige Schwäche liegt darin, dass bei hellem Umgebungslicht Landschaftsaufnahmen ein wenig überzeichnet wirken. Dafür kann man aber den Auto-Modus in manchen Bereichen korrigieren. Hier greifen die Chinesen mit der eigenen Software ihren Kunden zu sehr unter die Arme.

Wirklich punkten kann die Kamera bei Schwarz-Weiß-Bildern. Hier vertraut das Unternehmen seit geraumer Zeit auf die Expertise von Leica. Mit der Dualkamera schießt man Fotos, die den Werbeversprechen gerecht werden. Das sind aber Qualitäten, die die Modelle der hochpreisigen Konkurrenz ebenfalls erzielen.

Wirklich von der Konkurrenz abheben kann sich Huawei mit dem Fingerprintscanner. Die Hardware ist sehr gut, die Software angenehm übersichtlich und aufgeräumt. Die kitschigen Elemente gehören längst der Vergangenheit an. Ein mehr als solides Gerät, das Huawei auf den Markt schmeißt. Für jene Nutzer, die nicht viel fotografieren, nicht zwingend die erste Wahl.

Der große Zauber fehlt

Doch das LG G6, das Blackberry Mercury und alle anderen in Barcelona präsentierten Geräte haben eines gemeinsam: Es fehlt ihnen die Spannung, das Alleinstellungsmerkmal, das die Geräte voneinander unterscheidet und sie zu etwas Besonderem macht. Zu einem unverzichtbaren Device, das jeder haben will. Eine Strategie, die der große Konkurrent Apple über die Jahre perfektioniert hat. Immerhin ist das Huaweis großes Ziel: Apple vom Thron zu stoßen und die Nummer eins auf dem Smartphonemarkt zu werden.

Den Unternehmen gehen die Ideen aus. Hier noch eine Prise und dort noch eine Prise neuer Mini-Funktionen – das rechtfertigt nicht neue Geräte im gefühlten Stundentakt. Erst recht nicht, wenn die Preise an der 1000-Euro-Marke vorbeischrammen. Der finanzstarke Premiummarkt wird überschwemmt, und Huawei, aber auch Samsung vergessen ihre alte Stärke: gute Geräte zu guten Preisen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2017)

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