Smart-TV ist und bleibt das Schlagwort, mit dem die Fernsehhersteller ihre Premiummodelle anpreisen. Mit YouTube, Facebook, mehr oder weniger komfortablem Internetzugang sowie je nach Marke und Modellgeneration mit weiteren Apps und Videoportalen solle das TV-Gerät seine Vormachtstellung im Wohnzimmer behaupten. Erst kürzlich haben LG und TP-Vision, Inhaber der Markenrechte für Philips-Fernseher, den Start der Smart-TV-Alliance verkündet, die mit markenübergreifenden Standards die Entwicklung neuer Smart-TV-Apps beschleunigen und billiger machen will. Weitere Hersteller wie Sharp haben bereits Interesse signalisiert.
Der rasche Ausbau des App-Angebots birgt aber Probleme. Ein Fernseher hat eine deutlich längere Lebensdauer als etwa ein Smartphone und ist bezüglich Updates längst nicht so flexibel wie ein PC. Die Folge: Was heute noch ein Smart-TV ist, gilt morgen nur mehr als schlichter Fernseher.
Google-TV in Europa
Eine Lösung für dieses Dilemma sind Settop-Boxen, die auch älteren Fernsehern auf die Sprünge helfen. Einer der prominentesten Vertreter dieses Ansatzes ist Google. Der Internetriese bietet mit Google-TV ein Modul, das Internetdienste auf Fernseher bringt. Der erste Anlauf – mit einer Google-TV-Box von Logitech und einem Sony-Fernseher – war mäßig erfolgreich. Nun kommt eine überarbeitete Version, die in den USA auch in LG-Fernseher integriert ist und in Form einer Settop-Box und eines Blu-ray-Players – beide von Sony – auch außerhalb der USA verfügbar sein soll. Bereits ab Mitte Juli sollen die beiden Google-TV-Produkte von Sony in Großbritannien auf den Markt kommen. Im Herbst sollen die Geräte in Deutschland verfügbar sein, Österreich steht vorerst nicht auf der Agenda. Ein wesentliches Feature der knapp 300 Euro teuren Google-TV-Box ist der mitgelieferte Controller, der neben Touchpad und Volltastatur auch über Bewegungssensoren und ein Mikrofon verfügt.
Im deutschsprachigen Raum bereits seit Längerem verfügbar ist die Settop-Lösung von Videoweb. Die Box für knapp 150 Euro bringt via LAN oder WLAN Internet (ohne Flash) sowie Facebook, Flickr oder die an Fernsehnutzung angepasste „Lean-back“-Variante von YouTube auf jeden Fernseher. Daneben bietet sie Nachrichtenservice- oder Shopping-Apps sowie (in Deutschland) das Video-On-Demand-Service Maxdome. Wichtiger Teil des Videoweb-Angebots sind die Videotheken der deutschen TV-Sender. Via USB können auch Inhalte von Speichersticks abgespielt werden, per WLAN lassen sich Smartphones einbinden.
HDMI-Stick statt störender Box
Wie alle Settop-Boxen werden Google-TV oder Videoweb per HDMI an den Fernseher angeschlossen. Um das meist störende Kästchen neben dem Fernseher zu vermeiden, stecken einige Anbieter die gesamte Technik gleich in einen Stick, der in den HDMI-Eingang gestöpselt wird. Die Stromversorgung erfolgt via (Micro-)USB, mit passendem Kabel ebenfalls direkt vom Fernsehgerät. Bereits im Jänner wurden auf der CES mit Cotton Candy und HDMI Dongle derartige Sticks vorgestellt, mittlerweile springen weitere Unternehmen wie der chinesische Chiphersteller Allwinner mit dem MK802 oder das Start-up Infinitec in Dubai auf den Zug auf.
Im Prinzip handelt es sich bei den HDMI-Sticks um Mini-PC mit WLAN, die unter Android4 laufen. Die Bedienung erfolgt über Funk- oder Bluetooth-Tastaturen. Cotton Candy kann neben Android ebenfalls mit der Linux-Variante Unbutu laufen und dann dieses Betriebssystem auch auf einem PC zur Verfügung stellen. Ebenfalls auf Linux setzt Raspery Pi, der scheckkartengroße Micro-PC ist schon ab 35 Dollar (zzgl. Versand) erhältlich, allerdings primär für Bastler interessant. Bereits auf dem heimischen Markt verfügbar ist der TV-PeeCee, der vom Internethändler Pearl vertrieben wird. Der HDMI-Stick mit USB-Eingang und MicroSD-Slot kostet je nach eingebautem Chip 80 oder 100 Euro.
Abgesehen vom Internet-Browser und von dem damit verbundenen Zugang zu Web-Portalen wie Facebook oder YouTube erlauben HDMI-Sticks per WLAN auch Zugriff auf Inhalte, die auf DLNA-fähigen Smartphones oder PCs gespeichert sind. Dank Android-Betriebssystem steht im Prinzip eine Unzahl weiterer Apps zur Verfügung. Ein Zugang zu Google Play Market ist im HDMI-Stick von Pearl bereits vorinstalliert. Wie viele der Apps auf TV-Schirm und Eingabe via Fernbedienung oder Tastatur angepasst sind, steht auf einem anderen Blatt.
Eine der Unterhaltungselektronik nähere Nachrüstoption sind Blu-ray-Player. Alle großen Hersteller integrieren ihre Smart-TV- Plattformen auch in Player und Heimkinokomplettanlagen. Wie bei den Fernsehern hängt der konkrete Funktionsumfang dabei von Hersteller und Modellreihe ab.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2012)
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