Die Presse: Eine Studie hat gezeigt, dass man alles Wissen der Welt auf einer Ein-Terabyte-Festplatte (1000 Gigabyte) speichern könnte. Also ist der Rest auf all unseren Drei- und Vier-TB-Platten nur „Mist“, wie Bill Watkins einst meinte, der Exchef des Festplattenherstellers Seagate.
Tim Leyden: Schauen Sie einmal in eine Garage oder in einen Keller, was da alles liegt. Die Menschen häufen einfach gerne Dinge an. Nach unseren Berechnungen wird sich der weltweite Speicherbedarf bis 2015 auf 1630 Exabyte (etwa 1700 Millionen Terabyte) mehr als verdoppeln.
Und von kaum einem dieser 1700 Millionen Terabyte gibt es ein Back-up, (eine Sicherungskopie, Anm.).
Das ist das große Problem, das stimmt. Untersuchungen haben ergeben, dass nur 25 bis 30 Prozent der Privatpersonen ein Back-up von ihren Daten haben. Wenn die weg sind, sind alle Erinnerungen weg.
Können nicht die Festplattenhersteller mit Lösungen kommen, damit man überhaupt keine Datenkopien mehr benötigt; damit es nie zu einem Crash kommt, etwa durch die neuen Solid-State-Drive-Discs (SSD)?
Man täuscht sich, wenn man glaubt, dass SSD sicherer sind. Auf einer Festplatte gibt es immer noch Möglichkeiten, die Daten irgendwie zu retten und wieder herzustellen. Auf einer SSD geht das nicht. Wenn die nicht mehr funktioniert, dann kann man auf die Daten nicht mehr zugreifen.
Wir halten derzeit bei Festplatten mit einer Kapazität von 4 TB. Wo werden wir in zwei, drei Jahren sein?
Das ist wie bei der Rechenleistung der PCs: Alle zwei Jahre verdoppelt sich durch neue Technologien die Speicherkapazität. Aktuell sind wir bei den 3,5-Inch-Festplatten (von einem Desktop-PC) bei einem Terabyte pro Magnetplatte, also vier insgesamt. In zwei Jahren könnten es also theoretisch acht TB sein.
Praktisch auch?
Man wird sehen. Wir machen grundsätzlich keine Angaben darüber, an welchen Technologien wir gerade arbeiten.
Immer mehr Daten werden nicht mehr lokal auf dem Computer gespeichert, sondern in der Cloud, im Internet. Muss Western Digital diese Entwicklung fürchten?
Es mag sein, dass der Speicherbedarf im Konsumentenbereich sinkt. Aber dafür brauchen die Anbieter von Cloud-Speichern immer mehr Festplatten. Bei Facebook wird beispielsweise jedes Foto, das man hochlädt, in vier verschiedenen Größen gespeichert und das in drei verschiedenen Datenzentren. Damit werden aus jedem einzelnen Bild am Ende zwölf. Das muss man erst einmal speichern. Auf die Veränderungen im Konsumentenbereich reagieren wir dadurch, dass wir auf kleinere und leichtere – also tragbare – Speicherprodukte setzen.
Der steigende Verkauf von Tablets, wie dem iPad, nagt am PC-Markt. Auch dadurch verlieren die Festplattenhersteller Anteile.
Es gibt gewisse Auswirkungen, ja. Es gibt Daten, wonach der Markt für Laptops um 25 Prozent schrumpfen wird, das sind etwa 15 bis 17 Millionen weniger Festplatten, die man verkaufen wird. Aber auch hier geht der Speicher in die Cloud oder in private Netzwerkspeicher.
Aber an Unternehmen verdienen sie nicht so viel, nehme ich an.
Unterschätzen sie das nicht. An Festplatten für Firmen verdienen wir mehr als bei Konsumenten, da sind die Margen sehr, sehr knapp.
Sie haben überall auf der Welt Fabriken, auch in Nordamerika, aber keine einzige in Europa. Weshalb?
Wie gesagt, die Margen sind sehr knapp. Die Industrie steht unter einem großen Preisdruck. Europa ist einfach zu teuer, um hier zu produzieren. Wäre der ASP („average selling price“, der durchschnittliche Verkaufspreis, Anm.) höher, würden wir auch in Europa produzieren. Aber zurzeit passen die Arbeitskosten nicht zum ASP.
Welche Auswirkungen hatte die Flut in Thailand auf die Festplattenhersteller? Sie verloren zwar einerseits viele Fabriken, andererseits verdreifachten sich teils die Preise für Festplatten – und die Menschen kauften sie trotzdem immer noch.
Wir waren von der Flut weitaus stärker betroffen als unser größter Mitbewerber (Seagate, Anm.). Es gab Engpässe und deswegen sind die Preise gestiegen. Für ein PC-Komplettsystem war das nicht so dramatisch, weil das im Gesamtpreis aufging. Aber jemand, der eine Festplatte um 50 Dollar kaufen wollte und plötzlich 75 Dollar oder mehr bezahlen musste, hielt sich zurück. Menschen kauften weniger Markenfestplatten und stiegen auf andere Festplatten um.
Werden die Preise für Festplatten jemals wieder auf das Niveau sinken, das wir vor der Flut in Thailand hatten?
Ich denke nicht. Die Zeit der sehr billigen Festplatten ist vorbei, weil die Hersteller das Risiko nach den verheerenden Auswirkungen der Flut in Thailand auf mehr Länder aufgeteilt haben. Es gibt neue Produktionsstätten in neuen, teureren Ländern, und deswegen ist der Preis für die Herstellung nach oben gegangen.
Tim Leyden ist seit 2010 Chief Operating Officer (COO) von Western Digital. In der Firma ist er seit 1983 in verschiedenen Funktionen tätig, unterbrochen nur von 2000 bis 2007, als Leyden als Unternehmensberater und Finanzchef eines Softwareherstellers arbeitete. 2007 kehrte der 60-Jährige als Finanzchef zum weltweit größten Festplattenhersteller zurück, drei Jahre später machte ihn Western Digital CEO John Coyne zum zweiten Geschäftsführer. [Die Presse]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)
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