Wien/Ag./Auer. Die Versteigerung von über tausend Patenten des insolventen Fotokonzerns Kodak weckt nicht nur die Begehrlichkeiten vieler Unternehmen. Sie gebiert auch höchst ungewöhnliche Allianzen. Nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ sollen sich just Apple und Google, die beiden erbittertsten Widersacher am globalen Smartphonemarkt, zu einem Bieterkonsortium zusammengefunden haben. Statt – wie bisher üblich – im Wettstreit gegeneinander den Preis nach oben zu treiben, könnten sie die Fotopatente gemeinsam günstig erwerben. Und so dafür sorgen, dass keiner der beiden Konzerne sie in einem der unzähligen Patentstreits vor Gericht gegen den jeweils anderen einsetzen kann.
Hiobsbotschaft für Kodak
Das ist eine radikale Kehrtwende im weltweiten Patentkrieg. Bisher waren hier die Fronten stets klar. Auf der einen Seite stand Google mit seinen Android-Partnern wie Samsung, auf der anderen Seite Apple mit wechselnden Mitstreitern wie etwa Microsoft. Gemeinsam mit dem Blackberry-Hersteller RIM übertrumpften Apple und Microsoft im Vorjahr die Google-Allianz etwa im Bieterwettkampf um die Mobilfunkpatente von Nortel Networks. 4,5 Mrd. Dollar legte der Sieger letztlich auf den Tisch. Ein ähnlich lukratives Gerangel hatte sich auch Kodak erhofft. Das geistige Eigentum des Fotopioniers hat zwar mit Mobilfunk im Grunde wenig zu tun. Da moderne Smartphones aber zunehmend digitale Kompaktkameras verdrängen, haben die Fotopatente das Interesse der Mobilfunkhersteller geweckt.
Für den insolventen Fotokonzern Kodak ist die Nachricht vom plötzlichen Waffenstillstand zwischen den beiden Erzrivalen eine Hiobsbotschaft. Mit den erhofften Versteigerungserlösen von bis zu 2,6 Mrd. Dollar wollte das Unternehmen den Schritt aus der Insolvenz schaffen. Anders als in Europa haben insolvente Unternehmen in den USA unter „Chapter 11“ eine Chance, sich neu zu organisieren. Die Gläubiger müssen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, gerade deswegen kommen Firmen, die unter Chapter 11 reorganisiert wurden, oft stärker als zuvor zurück. Auch die Autokonzerne General Motors und Chrysler meldeten 2009 Insolvenz an und erholten sich danach zum Teil. Kodak wollte mit dem Verkauf der Fotopatente nicht nur Geld in die Kassen spülen, sondern auch den Strategiewechsel markieren: Weg von der Fotografie hin zum Geschäft mit Druckern.
Warten auf US-Kartellwächter
Sollten sich die Gerüchte um die Allianz von Apple und Google bestätigen, kann Kodak nur noch auf die Kartellwächter hoffen. Denn das gemeinsame Angebot dürfte mit kolportierten 500 Mio. Dollar deutlich unter dem erwarteten Verkaufserlös liegen. Kodak reagierte auf jeden Fall schon einmal verschnupft: Die Angebotsfrist werde verlängert, ließ das Unternehmen wissen. Es sei aber gut möglich, dass man letztlich entscheide, gar nichts zu verkaufen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)
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