Wir geben den Controller nicht ab!

07.12.2012 | 18:24 |  von Nikolaus Jilch (Die Presse)

Zwanzig Jahre lang missverstanden zu werden, ist genug: Computerspiele sind Kultur – wie Bücher oder Filme auch. Plädoyer eines Vollblutzockers erster Generation.

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Gerade erst hat das Museum of Modern Art in New York Computerspiele zu Kunst erklärt: 40 Titel – darunter Evergreens wie „Pac Man“ und „Tetris“ – will das MoMA in seine Sammlung aufnehmen. Ebenfalls auf der Liste: „Sim City 2000“, ein Spiel ohne Waffen, Gewalt oder Gegner, in dem man eine besonders tolle Stadt bauen muss. Immer noch ist es eine Wonne, dieses 18 Jahre alte Spiel anzuzocken – vor allem, nachdem man fast ein Jahr mit Herumprobieren verbracht hat, wie das Uraltding auf dem lässigen, aber für Spiele nicht ausgelegten MacBook laufen könnte. Dass Computerspiele Kunst sind, wissen wir seit Langem.

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Wir, das sind die erwachsenen Vollblutzocker erster Generation. Geboren in den 1980ern, als in den Wohnzimmerkästen noch „FS1“, „FS2“ und sonst nichts lief. Ja, wir können uns noch erinnern an die Zeit ohne Handy und Internet. Aber eben auch an den Aufstieg dieser Wunderkisten in eierschalenfarbenem Plastik, die der Kreativität plötzlich ganz neue Outlets boten. Wir mussten mit unseren Eltern keine Debatten über Ballerspiele führen, weil die eh nie kapiert hätten, was man bei „Doom“ oder „Half Life“ so zu tun hatte. Außerdem haben sie uns dringend gebraucht, wenn wieder einmal irgendwas zu installieren war.

Als die Spiele noch den PC sprengten

Im Gegenzug kam zu Weihnachten oft auch ein neuer Computer ins Haus. Nicht, weil Papa immer größere Excel-Sheets zu bearbeiten hatte. Nein, weil neue Computerspiele wie „Fifa“ damals jedes Jahr verlässlich die rapide alternden PCs überforderten. Und wer seinen Kindern einmal ein Computerspiel unter den Christbaum gelegt hat, das dann nicht funktioniert hat – der riskiert das nie wieder.

Wir haben in den vergangenen zwanzig Jahren Dinge erlebt, die glaubt ihr uns nie. Wir haben zehntausende Monster abgeschlachtet und die Wiener Austria zum Champions-League-Titel geführt (mehrmals!). Bei „Civilization“ haben wir Weltreiche erschaffen, nur um sie wieder kollabieren zu sehen. Bei „Super Mario Cart“ sind wir jede Menge fiese Manöver gefahren und bei „Tony Hawk“ öfter vom Skateboard gefallen als im echten Leben. Wir haben unzählige Tastaturen, Mäuse und Controller ruiniert in unserer Wut, und in innovativen Laptopklassen stundenlang gezockt, ohne dass der Lehrer es gemerkt hat. Wir wissen dank „Command and Conquer“ um die Wichtigkeit von Ressourcen in der Wirtschaft und haben die Rohstoffe bei „Transport Tycoon“ ohne Sinn und Ziel durch die Gegend geschippert. Bei „Counter Strike“ haben wir aber immer und jedes Mal gegen den einen Wahnsinnigen verloren, der seinen Prozessor vierfach übertaktet hatte und nur mit selbstgebastelter Wasserkühlung am Leben hielt. Und manche unserer lieben Freunde verloren wir tatsächlich: an Massive-Multiplayer-Onlinespiele wie „World of Warcraft“, die im schlimmsten Fall kein „echtes“ Leben mehr erlauben.

Auch Amokläufer lesen Bücher

Ja ja, wir kennen all die Argumente: Wir verschwenden unsere Zeit, ruinieren unsere Augen, heute ist das Wetter „sooooo schön“ und wer Killerspiele spielt, wird automatisch Amokläufer. Aber wenn das liebe Töchterlein bei „The Sims“ ihre Charaktere qualvoll im Pool ersaufen ließ, war das immer irgendwie o.k. Klar, dass wir nach jahrelanger „Call of Duty“-Erfahrung alle gängigen Sturmgewehrmodelle erkennen, ist bedenklich, aber selbst wenn wir so ein Ding einmal in die Hand bekämen, wir könnten es nicht einmal entsichern. Also lasst uns in Ruhe mit dem Unsinn, sonst schreiben wir nach dem nächsten Amoklauf Riesen-Feuilleton-Artikel über die Tatsache, dass der Täter Bücher gelesen hat und Bücher eindeutig Gewalt fördern und verboten werden müssen!

Computer- und Videospiele sind längst ein Bestandteil unserer Kultur. Für die Kids von heute ist das nichts Neues. Aber unsere Generation plagt noch immer das schlechte Gewissen, wenn wir uns die Nacht vor dem Bildschirm um die Ohren hauen, obwohl die Hausaufgaben noch nicht gemacht sind. Im Büro erzählen wir lieber von den samstäglichen Eskapaden im Club, weil Besinnungslossaufen offenbar gesellschaftlich akzeptierter ist, als seine Zeit mit den besten Freunden und ein, zwei Runden „Black Ops“ zu verbringen. O.k., eher 60 Runden – aber trotzdem: höchste Zeit, dass sich da was tut im gesellschaftlichen Kontext. Immerhin ist die Spiele-Industrie inzwischen größer als Hollywood. Und die guten Spieler sind längst Superstars. YouTuber wie „Hutch“ oder „Sandy Ravage“ sind Legenden einer immer noch in sich geschlossenen Welt. Im technikverrückten Südkorea ist man schon zwei Schritte weiter. Dort stehen die richtig guten „Starcraft“-Spieler auf einer Stufe mit Justin Bieber – und werden von kreischenden Teenie-Girls belagert.

So weit muss es bei uns nicht kommen, aber eines sollten auch Nichtzocker wissen: Wir stehen jetzt mit beiden Beinen im Leben – wir sind Ärzte, Biologen, Designer oder Journalisten – auch wenn wir uns noch immer aus dem Stand mit jedem 13-Jährigen über die Feinheiten einer bestimmten Handgranate bei „Call of Duty“ unterhalten können. Wir geben den Controller nicht mehr ab – habt ihr eine Ahnung was in 45 Jahren in den Altersheimen abgehen wird! Dazwischen werden wir unsere Pionierrolle ausbauen und als generationenübergreifende Eltern-Kind-Teams an der Playstation antreten.

Dumme Facebook-Spiele

Aber keine Sorge, von Douglas Adams wissen wir: „Alles, was es in der Welt gibt, wenn du geboren wirst, ist normal und natürlich. Alles, was erfunden wird, während du 15 bis 35 Jahre alt bist, ist neu und revolutionär und du kannst wahrscheinlich eine Karriere draus machen. Aber alles, was erfunden wird, nachdem du 35 bist, widerspricht der natürlichen Ordnung der Dinge.“ Wir werden schon was finden, um unsere Kinder durch Unverständnis zur Weißglut zu treiben. Die dummen kleinen Facebook-Spiele, zum Beispiel, die halten wir doch jetzt schon für Zeitverschwendung – das wäre doch ein Ansatz.

Wer spielt was?

Wenn Call of Duty im November jedes Jahres erscheint, steht die Gamer-Welt still. Der Chef-Shooter auf dem Markt spielt mehr Geld ein als die wichtigsten Blockbuster-Filme. Andere Titel wie Halo oder Battlefield haben auch hunderttausende Fans, kommen aber an die Popularität von CoD nicht heran.
Wenn es um Fußball geht, ist die Spielerwelt gespalten: FIFA von EA Sports hat in Europa mehr Abnehmer, Pro Evolution Soccer von Konami vor allem in Asien. Die Fan-Camps stehen einander in Ablehnung gegenüber. PES-Spieler schätzen den Realismus der Reihe, FIFA-Fans die vielen Originallizenzen.

Der Markt für Familien- und Partyspiele wächst stetig. Favoriten sind Sing- und Tanz-Games wie Just Dance 3. Keine schlechte Sache, bringen sie doch Bewegung ins Leben, das sonst völlig statisch verlaufen würden. Ebenfalls beliebt: die Lego-Spiele, lustig und gut gemacht, von Harry Potter bis Batman.

Das Massive-Online-Multiplayer-Spiel World of Warcraft birgt sicher das größte Suchtpotenzial aller Titel, weil man dort Freunde und sogar eine Familie finden kann. Rund zehn Millionen Spieler versammeln sich in der virtuellen Welt, um Bösewichte zu bekämpfen – und zahlen dafür bereitwillig eine monatliche Gebühr an Blizzard.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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    Computerspiele / Bild: AP Medienbildung für Eltern gibt es hierzulande kaum. Dabei stellen Computer, Games und TV alle Familien vor schwierige Herausforderungen.

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47 Kommentare
 
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Atari vs. Philipps?

Also, 1980 lag ein Atari 2600 VCS unterm Weihnachtsbaum und 4 Videospiele (Video Olympics, Combat, Space Wars, AirSea Battle) - dafür musste mein Vater einen Teilzahlungskredit unterschreiben. Ja, damit hat es - mehr oder weniger - angefangen, die "Zockerei" am TV-Schirm. Die Konsole und die Spiele habe ich noch immer. Gespielt wird nur noch selten, aber wenn, dann intensivst (Diablo II fällt mir da ein).

Guter Artikel

Aber eine Anmerkung habe ich schon:

"Wir, das sind die erwachsenen Vollblutzocker erster Generation. Geboren in den 1980ern, als in den Wohnzimmerkästen noch „FS1“, „FS2“ und sonst nichts lief."

Diese Aussage ist Unsinn. Bin selbst Jahrgang 1967 und ich denke dass wir eher die erste Generation sind. Zugegeben gabs keine PCs als wir Kinder waren, aber in unserer Jugend und Studentenzeit haben wir spielemässig nichts anbrennen lassen und die komplette Entwicklung seit dem amiga mitgemacht.
Meine Kinder sind Jahrgang 88 und 89.

Bezüglich Fernsehen ist die Aussage auch nicht richtig, denn in den 80ern gabs schon Satellit und Kabel. Zumindest in den späten 80ern. Also allzuviele Jahre muss ein Kind der frühen 80er nicht aufs Kabel verzichten.

Ansonsten gefällt mir der Artikel sehr gut.

Neue Generation

Sehr guter Artikel! Man fragt sich doch wirklich weshalb es für die Gesellschaft korrekt ist, wenn man sich als junger Mensch in Clubs die Gehirnzellen wegsäuft und es schlecht und "freakig" ist, wenn man am Wochenende mit seinen Freunden z.B. eine Runde Left 4 Dead oder anderes zockt wo meiner Meinung nach das Gehirn, die Reaktionsfähigkeit, Team-Geist etc. trainiert wird (gerade bei L4D, wenn man da als Team nicht zusammenhält ist man aufgeschmissen). Menschen sind sehr verschieden, man sollte einem leidenschaftlichen Spieler nicht vorwerfen, dass er etwas tut, was ihm/ihr Spaß macht. Sprüche wie "damals war noch alles besser" oder "die Jugend von heute" hat sich doch sowieso jede neue Generation bisher anhören dürfen.

Altersheim

Ich bin auch schon auf die Auswirkungen von Computerspielen in Altersheimen gespannt. Abgesehen von den weiblichen Bewohnern, die sich vermutlich über verminderten sozialen Kontakt beschweren werden, kann ich mir schon vorstellen, dass man damit die geistige Aktivität erhöhen kann. Das Problem ist, dass wir alle noch nicht wissen, wie sich ein langes Leben mit Computer(-spielen) auf den alten Geist auswirkt. das werden wir sicher als erste erfahren.
Aber eins ist sicher: als Arzt kann man jedem alten Menschen, der stundenlang Computerspiele spielt nur eins empfehlen, niedermolekulares Heparin oder Marcoumar, sonst gibts bestimmt eine Thrombose in den Beinen und auf dem Weg zum schnellen Mittagessen zwischendurch die Lungenembolie. ;)

Re: Altersheim

es kommt sicher darauf an, was gespielt wird.

stupides farmville wird dem alzheimerpatienten nix bringen, aber optimierte Spiele wohl schon.

Vielleicht bringen auch die taktikspiele wie C

Danke für diesen Artikel....

...köstlich, und auf den Punkt gebracht! Ich bin zwar noch fast eine Generation älter (sechziger Jahre), hab aber auch lange Nächte mit Quake, Duke Nukem etc. verbracht, oft auch in der Arbeit mit Kollegen und übers Netzwerk. Genial.

Dieser Tage schießt mich mein 9-jähriger Sohn aber bei Nexuiz, Alien Arena etc. so schnell ab, daß das kaum mehr Spaß macht. :)

Re: Danke für diesen Artikel....

Der hat bestimmt Cheats am laufen ;)

Frag mal nach :D

Nur Deppen ...

... spielen als Erwachsene am Computer.

Re: Nur Deppen ...

Die Lebensläufe aller mir bekannten "Zocker" sprechen wohl für sich. Sehr treffender Artikel, danke dafür.
Was arbeiten Sie denn so Pfefferstreuer? Haben Sie studiert? Finden Sie, dass allabendliches Fernsehen (Reality Shows ala Karlich) die bessere Alternative ist?
btw: Es gibt zahlreiche Studien die eine Verbesserung der Intelligenz durch Computerspiele eindeutig belegen.
-> Nur Deppen schreiben von Dingen von denen sie keine Ahnung haben.

Re: Nur Deppen ...

Sagt der Online-Gangster der zwar ständig im Presse-Forum seine sinnbefreiten Kommentare schreibt aber nicht einmal eine Uhr für eine Website schreiben könnte ^^

Diese "Deppen" haben es dir erst ermöglicht über dein(en) Smartphone/Laptop/PC im WWW andere als Deppen zu bezeichnen!

Re: Re: Nur Deppen ...

Lass ihn doch, ich find ihn "liab", so wie einen kleinen Affen

Re: Nur Deppen ...

das zeigt die hohe spielerquote unter Studenten.

oder sind die hackler im Wettbüro intelligenter?

Re: Re: Nur Deppen ...

Studenten sind ja nicht zwangläufig intelligent. Sie habe aber typischerweise viel Zeit.

Re: Re: Re: Nur Deppen ...

einem Studenten unterstelle ich einmal ein Abitur. dies sollte ein Beweis eines gewissen Maßes an Intelligenz zu sein.

Re: Re: Re: Re: Nur Deppen ...

Aha, Sie kommen aus dem Altreich. So sehr dumm, dass man die Matura nicht schafft darf man aber für die attraktiveren Spiele aber auch nciht sein.

Re: Re: Re: Re: Re: Nur Deppen ...

ja, aber würden nur "Deppen" spielen, sollten Menschen mit höherer Schulbildung darunter nicht vertreten sein.

letzten zockerabend waren bei mir:
Dr mont. (mit Auszeichnung), DI
PhD (franz. eliteuni), MSc
DI, MBA
Mag. rer.nat.

nicht, dass ich mir auf Titel etwas einbilde, aber "Deppen"?

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Nur Deppen ...

Ditto. In meiner Runde sind diverse Mag. und Dr. vertreten, auch einige DIs - und wir unterhalten uns in schöner Regelmäßigkeit über Games bzw was es sonst so Neues gibt auf dem Spielemarkt.

Ich war mit meinen fast dreißig als Jurist auch noch auf der Gamescom heuer.

Wenn es gesellscahftlich akzeptabel ist, einem Fussballverein anzuhängen, dann muss Computerspielen ebenfalls akzeptiert werden - oder kann mir rigendwer verraten, weshabl Fusdsballschauen "erwachsener" sein sollte?

Re: Re: Re: Re: Nur Deppen ...

Matura! Abitur gibts zu Hause!

Re: Re: Re: Re: Nur Deppen ...

Studenten STUDIEREN noch um irgendwann ein Abitur zu machen.

Re: Re: Re: Re: Re: Nur Deppen ...

schüler -> Abitur/Matura -> Student

Re: Re: Re: Re: Re: Nur Deppen ...

Matura, oder sagst du auch Quark und Konfitüre?


Kind der 80er...

...pfffff. Anfang der 70er geboren - das waren noch Zeiten mit Amiga und C64!

Re: Kind der 80er...

Bin wie der Name schon sagt zwar 89 geboren, bin aber ebenfalls mit Amiga gross geworden. Damals hatten die Spiele noch auf Disketten gepasst *lach*

Amiga...

Da glänzten die Augen.
Schweineteuer war er damals.

Re: Kind der 80er...

Wie wahr! Stundenlanges Jousten (wobei ich damals nicht gewusst habe, dass das Ritter auf Vögeln sein sollten), Summergames oder Pitstop haben so manchen regnerischen Nachmittag schneller vergehen lassen :-)
Habe vor ein paar Jahren von Freunden einen Competition Pro 2 mit ca. 10 installierten Spielen geschenkt bekommen - am Fernseher anstecken und Nostalgie genießen ist einmal im Jahr Pflicht bei mir :-)

 
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