Wir geben den Controller nicht ab!

Zwanzig Jahre lang missverstanden zu werden, ist genug: Computerspiele sind Kultur – wie Bücher oder Filme auch. Plädoyer eines Vollblutzockers erster Generation.

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Computerspiele – dpa/Peter Steffen

Gerade erst hat das Museum of Modern Art in New York Computerspiele zu Kunst erklärt: 40 Titel – darunter Evergreens wie „Pac Man“ und „Tetris“ – will das MoMA in seine Sammlung aufnehmen. Ebenfalls auf der Liste: „Sim City 2000“, ein Spiel ohne Waffen, Gewalt oder Gegner, in dem man eine besonders tolle Stadt bauen muss. Immer noch ist es eine Wonne, dieses 18 Jahre alte Spiel anzuzocken – vor allem, nachdem man fast ein Jahr mit Herumprobieren verbracht hat, wie das Uraltding auf dem lässigen, aber für Spiele nicht ausgelegten MacBook laufen könnte. Dass Computerspiele Kunst sind, wissen wir seit Langem.

Wir, das sind die erwachsenen Vollblutzocker erster Generation. Geboren in den 1980ern, als in den Wohnzimmerkästen noch „FS1“, „FS2“ und sonst nichts lief. Ja, wir können uns noch erinnern an die Zeit ohne Handy und Internet. Aber eben auch an den Aufstieg dieser Wunderkisten in eierschalenfarbenem Plastik, die der Kreativität plötzlich ganz neue Outlets boten. Wir mussten mit unseren Eltern keine Debatten über Ballerspiele führen, weil die eh nie kapiert hätten, was man bei „Doom“ oder „Half Life“ so zu tun hatte. Außerdem haben sie uns dringend gebraucht, wenn wieder einmal irgendwas zu installieren war.

Als die Spiele noch den PC sprengten

Im Gegenzug kam zu Weihnachten oft auch ein neuer Computer ins Haus. Nicht, weil Papa immer größere Excel-Sheets zu bearbeiten hatte. Nein, weil neue Computerspiele wie „Fifa“ damals jedes Jahr verlässlich die rapide alternden PCs überforderten. Und wer seinen Kindern einmal ein Computerspiel unter den Christbaum gelegt hat, das dann nicht funktioniert hat – der riskiert das nie wieder.

Wir haben in den vergangenen zwanzig Jahren Dinge erlebt, die glaubt ihr uns nie. Wir haben zehntausende Monster abgeschlachtet und die Wiener Austria zum Champions-League-Titel geführt (mehrmals!). Bei „Civilization“ haben wir Weltreiche erschaffen, nur um sie wieder kollabieren zu sehen. Bei „Super Mario Cart“ sind wir jede Menge fiese Manöver gefahren und bei „Tony Hawk“ öfter vom Skateboard gefallen als im echten Leben. Wir haben unzählige Tastaturen, Mäuse und Controller ruiniert in unserer Wut, und in innovativen Laptopklassen stundenlang gezockt, ohne dass der Lehrer es gemerkt hat. Wir wissen dank „Command and Conquer“ um die Wichtigkeit von Ressourcen in der Wirtschaft und haben die Rohstoffe bei „Transport Tycoon“ ohne Sinn und Ziel durch die Gegend geschippert. Bei „Counter Strike“ haben wir aber immer und jedes Mal gegen den einen Wahnsinnigen verloren, der seinen Prozessor vierfach übertaktet hatte und nur mit selbstgebastelter Wasserkühlung am Leben hielt. Und manche unserer lieben Freunde verloren wir tatsächlich: an Massive-Multiplayer-Onlinespiele wie „World of Warcraft“, die im schlimmsten Fall kein „echtes“ Leben mehr erlauben.

Auch Amokläufer lesen Bücher

Ja ja, wir kennen all die Argumente: Wir verschwenden unsere Zeit, ruinieren unsere Augen, heute ist das Wetter „sooooo schön“ und wer Killerspiele spielt, wird automatisch Amokläufer. Aber wenn das liebe Töchterlein bei „The Sims“ ihre Charaktere qualvoll im Pool ersaufen ließ, war das immer irgendwie o.k. Klar, dass wir nach jahrelanger „Call of Duty“-Erfahrung alle gängigen Sturmgewehrmodelle erkennen, ist bedenklich, aber selbst wenn wir so ein Ding einmal in die Hand bekämen, wir könnten es nicht einmal entsichern. Also lasst uns in Ruhe mit dem Unsinn, sonst schreiben wir nach dem nächsten Amoklauf Riesen-Feuilleton-Artikel über die Tatsache, dass der Täter Bücher gelesen hat und Bücher eindeutig Gewalt fördern und verboten werden müssen!

Computer- und Videospiele sind längst ein Bestandteil unserer Kultur. Für die Kids von heute ist das nichts Neues. Aber unsere Generation plagt noch immer das schlechte Gewissen, wenn wir uns die Nacht vor dem Bildschirm um die Ohren hauen, obwohl die Hausaufgaben noch nicht gemacht sind. Im Büro erzählen wir lieber von den samstäglichen Eskapaden im Club, weil Besinnungslossaufen offenbar gesellschaftlich akzeptierter ist, als seine Zeit mit den besten Freunden und ein, zwei Runden „Black Ops“ zu verbringen. O.k., eher 60 Runden – aber trotzdem: höchste Zeit, dass sich da was tut im gesellschaftlichen Kontext. Immerhin ist die Spiele-Industrie inzwischen größer als Hollywood. Und die guten Spieler sind längst Superstars. YouTuber wie „Hutch“ oder „Sandy Ravage“ sind Legenden einer immer noch in sich geschlossenen Welt. Im technikverrückten Südkorea ist man schon zwei Schritte weiter. Dort stehen die richtig guten „Starcraft“-Spieler auf einer Stufe mit Justin Bieber – und werden von kreischenden Teenie-Girls belagert.

So weit muss es bei uns nicht kommen, aber eines sollten auch Nichtzocker wissen: Wir stehen jetzt mit beiden Beinen im Leben – wir sind Ärzte, Biologen, Designer oder Journalisten – auch wenn wir uns noch immer aus dem Stand mit jedem 13-Jährigen über die Feinheiten einer bestimmten Handgranate bei „Call of Duty“ unterhalten können. Wir geben den Controller nicht mehr ab – habt ihr eine Ahnung was in 45 Jahren in den Altersheimen abgehen wird! Dazwischen werden wir unsere Pionierrolle ausbauen und als generationenübergreifende Eltern-Kind-Teams an der Playstation antreten.

Dumme Facebook-Spiele

Aber keine Sorge, von Douglas Adams wissen wir: „Alles, was es in der Welt gibt, wenn du geboren wirst, ist normal und natürlich. Alles, was erfunden wird, während du 15 bis 35 Jahre alt bist, ist neu und revolutionär und du kannst wahrscheinlich eine Karriere draus machen. Aber alles, was erfunden wird, nachdem du 35 bist, widerspricht der natürlichen Ordnung der Dinge.“ Wir werden schon was finden, um unsere Kinder durch Unverständnis zur Weißglut zu treiben. Die dummen kleinen Facebook-Spiele, zum Beispiel, die halten wir doch jetzt schon für Zeitverschwendung – das wäre doch ein Ansatz.

Wer spielt was?

Wenn Call of Duty im November jedes Jahres erscheint, steht die Gamer-Welt still. Der Chef-Shooter auf dem Markt spielt mehr Geld ein als die wichtigsten Blockbuster-Filme. Andere Titel wie Halo oder Battlefield haben auch hunderttausende Fans, kommen aber an die Popularität von CoD nicht heran.
Wenn es um Fußball geht, ist die Spielerwelt gespalten: FIFA von EA Sports hat in Europa mehr Abnehmer, Pro Evolution Soccer von Konami vor allem in Asien. Die Fan-Camps stehen einander in Ablehnung gegenüber. PES-Spieler schätzen den Realismus der Reihe, FIFA-Fans die vielen Originallizenzen.

Der Markt für Familien- und Partyspiele wächst stetig. Favoriten sind Sing- und Tanz-Games wie Just Dance 3. Keine schlechte Sache, bringen sie doch Bewegung ins Leben, das sonst völlig statisch verlaufen würden. Ebenfalls beliebt: die Lego-Spiele, lustig und gut gemacht, von Harry Potter bis Batman.

Das Massive-Online-Multiplayer-Spiel World of Warcraft birgt sicher das größte Suchtpotenzial aller Titel, weil man dort Freunde und sogar eine Familie finden kann. Rund zehn Millionen Spieler versammeln sich in der virtuellen Welt, um Bösewichte zu bekämpfen – und zahlen dafür bereitwillig eine monatliche Gebühr an Blizzard.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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