CD-Technik soll Millionen Tieren das Leben retten

Die Salzburger Sony DADC produziert seit 25 Jahren CDs und DVDs. Das dabei erzielte Know-how soll nun für die Herstellung von Trägerchips für künstliche Organe verwendet werden. Und Tierversuche verhindern.

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Aus Salzburg: Trägerchip für eine künstliche Lunge. – (c) Sony DADC

Wien. Genaue Zahlen gibt es nicht. Nur Schätzungen. Und diese reichen von etwa 60 bis 110 Millionen. So viele Tiere werden jedes Jahr für Tierversuche verwendet. Diese Zahl ist nicht nur ein Schock für Tierfreunde, sie ist auch eine Chance für das Salzburger Unternehmen Sony DADC, dass seit rund 25 Jahren zuerst CDs und in weiterer Folge DVDs sowie Blu-Rays herstellt. Denn die Tochter des japanischen Konzerns hat ein Problem: Die scheibenförmigen Datenträger werden immer stärker von Flash-Speichern und Festplatten verdrängt. Das Unternehmen sucht daher nach neuen Anwendungen für das erworbene Know-how. Und diese hat es jetzt gefunden. So wird Sony DADC künftig die Trägerchips für künstliche Organe herstellen. Und diese sollen mittelfristig Tierversuche ersetzen.

„Der Kunststoffchip fungiert dabei wie ein Skelett, auf dem die menschlichen Zellen wachsen können“, sagt Manfred Koranda von Sony DADC. Sein Unternehmen soll diese Chips künftig an das Wyss Institute – eine gewinnorientierte Tochter der Harvard-University – liefern. Dort werden die menschlichen Zellen eingepflanzt und die Organe quasi zum Leben erweckt. An ihnen können nachher Medikamente getestet oder Infektionen beobachtet werden, ohne dass ein Lebewesen Schmerzen leiden muss.

Was wie Zukunftsmusik klingt, ist im Labor des Wyss Institute bereits Realität. Die Aufgabe für Sony DADC heißt nun, aus den Laborprototypen ein millionenfach produziertes Massenerzeugnis zu machen. Und hier kommt die Erfahrung aus der CD-Produktion ins Spiel. So werden die Tonsignale auf CDs als winzige Erhebungen mit einer Größe von 0,15 Mikrometer (Tausendstelmillimeter) digital (also als 0 = nicht vorhanden und 1 = vorhanden) gespeichert. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar hat eine Dicke von etwa einem halben Millimeter.

Die Trägerchips der künstlichen Organe müssen ebenfalls mit einer nur wenige Mikrometer großen Struktur überzogen sein. Denn nur dann würden sich die menschlichen Zellen auch festsetzen, sagt Koranda. Gleichzeitig muss der Chip auch elastisch sein, da etwa die als Erstes geplante künstliche Lunge per Vakuum mechanisch bewegt wird, damit sie „atmet“. „Mikrostrukturen und Elastizität – das ist in der Fertigung ein Albtraum.“ Schwierig sei vor allem, bei einer Millionenproduktion eine gleichbleibend hohe Qualität zu garantieren.

Dennoch erwartet Koranda, dass die Entwicklung in einem Jahr abgeschlossen ist und die künstlichen Organe in drei Jahren auch sämtliche Genehmigungsverfahren durchlaufen haben.

Helfen soll dabei, dass sich neben der Harvard University auch das US-Gesundheitsministerium sowie die US-Zulassungsbehörde FDA und die Forschungsbehörde des US-Militärs, Darpa, beteiligen. „Das sind starke Partner und das garantiert auch, dass es immer genug Geld gibt“, sagt Koranda.

 

Eins zu eins auf Menschen umlegbar

Die künstlichen Organe sollen schlussendlich aber nicht nur Millionen potenziellen Versuchstieren das Leben retten. Auch für die Menschen soll es Vorteile geben. So verhalten sich tierische Organismen bei Wirkstoffen und Infektionen häufig anders als menschliche. „Zyniker sagen, dass die Maus derzeit der am besten heilbare Organismus ist.“ Die Ergebnisse aus den Versuchen mit den nur wenige Zentimeter großen künstlichen Organen sollen aber eins zu eins auf den Menschen umlegbar sein.

Eine Rettung sollen die neuen Produkte aber nicht zuletzt auch für Sony DADC sein. So musste das Salzburger Unternehmen in den vergangenen Jahren schmerzliche Einbußen hinnehmen und Mitarbeiter abbauen. Jetzt gibt es so etwas wie Entwarnung: „Bei den Biochips gibt es anders als bei Datenträgern noch keinen Preisverfall. Zudem ist es Hochtechnologie, die auch langfristig in einem westlichen Land konkurrenzfähig bleiben kann“, so Koranda.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2013)

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