Machen, auch wenn es eigentlich nicht geht

Parkinson-Medikamente, DNA für den Hausgebrauch: Für Start-ups im Bereich Biotechnologie ist Österreich ein fruchtbarer Boden. Das Klima unter den Gründern ist kollegial, die Fördertöpfe sind gut gefüllt.

Bernhard Tittelbacher und Martin Jost (v. l.) haben den Kilobaser entwickelt.Reformideen für das Land.
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Bernhard Tittelbacher und Martin Jost (v. l.) haben den Kilobaser entwickelt.Reformideen für das Land.
Bernhard Tittelbacher und Martin Jost (v. l.) haben den Kilobaser entwickelt. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Ende Juli konnte die von Hollywoodstar Michael J. Fox ins Leben gerufene Parkinson-Stiftung in New York von einer mittleren Sensation berichten. Mit dem Geld aus dem Wohltätigkeitsfonds und dem Know-how einer jungen Wiener Firma könnte es gelingen, ein Medikament herzustellen, das den Verlauf der bislang als unheilbar geltenden Nervenkrankheit aufhält. PD01A heißt der gentechnisch hergestellte Wirkstoff, der den körpereigenen Abwehrkräften beibringen soll, die Parkinson-auslösenden Lewy-Körperchen in die Flucht zu schlagen. Bis zur Marktreife werden noch Jahre vergehen. Aber ein Durchbruch scheint gelungen. 1,5 Millionen Dollar (1,1 Millionen Euro) war das der Stiftung des an Parkinson erkrankten Schauspielers wert.

Affiris-Chef Walter Schmidt war sichtlich aufgekratzt, als er seine Forschungsergebnisse präsentierte. „Man gibt nicht jeden Tag eine Pressekonferenz in New York“, sagt er. Aber so sei das, „wenn man in der ganz großen Liga mitspielt“.

Vor elf Jahren hat der gebürtige Deutsche in Wien Affiris als Biotechnologie-Start-up gegründet. Mit dem Parkinson-Medikament ist dem Unternehmen der zweite Coup in kurzer Zeit gelungen. Schon im Frühling überraschte Affiris mit einem Wirkstoff, der den Verlauf der Alzheimer-Krankheit um bis zu 18 Monate aufhalten soll.

Eine Zufallsfund, denn eigentlich wurde das Mittel als Placebo verwendet, um die Wirkung eines anderen Medikaments einzuordnen. Dann stellte sich heraus, dass die scheinbar sinnlose Therapie anschlug. Ein Glücksfall, meint Schmidt, wenn auch einer, der bezeichnenderweise in Österreich passiert. Die Mentalität der heimischen Forscher sei ungezwungener und kreativer als anderswo: Das Motto laute: „Es geht eigentlich nicht, also machen wir es.“

Nicht alle österreichischen Biotechnologiefirmen können so spektakuläre Ergebnisse präsentieren. Doch im Windschatten von Firmen wie Affiris entwickelt sich hierzulande seit einiger Zeit eine junge, vernetzte Start-up-Szene. „Es gibt einen guten informellen Austausch“, sagt Schmidt. „Man trifft sich zum Mittagessen und informiert sich, wo etwas weitergeht.“ Kooperation statt Konkurrenz lautet das Motto. Die Forscher würden sich gegenseitig inspirieren. Auch seien die Fördertöpfe für neue Projekte im Bereich der Medizintechnik üppiger gefüllt als in Deutschland, sagt Schmidt. „Österreich ist ein sehr guter Ort, um etwas zu bewegen.“

Mehr Unternehmer als früher. So steigt die Zahl der Molekularwissenschaftler, die sich gegen eine akademische Karriere entscheiden und den Sprung in die Selbstständigkeit wagen.

Das mikroskopisch kleine Rohmaterial, mit dem sie arbeiten: Desoxyribonukleinsäure (DNA), die Erbinformation jeder Zelle. Wer die Codierung knackt, kann in die Steuerungsabläufe im Körper eingreifen und Krankheiten an der Wurzel bekämpfen.

Das Grundprinzip der Molekularbiologie hat Ähnlichkeiten mit dem Programmieren in der Informatik. Es ist kein Zufall, dass sich in dieser Gründerszene Biologen oft mit Softwareentwicklern und Technikern zusammenschließen.

„Die DNA ist nichts anderes als die Programmierung der Zelle“, sagt der Grazer Informatiker Bernhard Tittelbacher (34). Mit den Mikrobiologiestudenten Martin Jost (25) und Alexander Murer (26) tüftelt er an einem Gerät, das anderen Forschern die Arbeit erleichtern soll. Ihr „Kilobaser“ stellt in einem einfachen und innovativen Verfahren künstliche DNA her. Derzeit müssen Labors künstliche DNA bei externen Firmen bestellen; die Herstellung ist teuer und kann bis zu drei Monate dauern.

Der Kilobaser soll DNA für den Hausgebrauch erzeugen. 3500Euro soll das Gerät kosten, das kleinere DNA-Basen innerhalb weniger Stunden produziert. Bis 2016 soll er in Serienproduktion gehen. Die Bedienung sei einfach, sagt Jost: „Man gibt die Basenkombination am Computer ein und drückt Enter.“ Schon jetzt sei das Interesse hoch: „Jeder, dem wir bisher davon erzählt haben, hätte uns das Gerät am liebsten aus der Hand gerissen“, sagt Tittelbacher.

200 Labors beschäftigen sich in Österreich mit Erbgut, mit dem Kilobaser haben die Gründer aber den Weltmarkt im Fokus. Gerade sind sie aus Irland zurückgekommen, wo sie auf Einladung eines Investors vier Monate lang an einem Businessplan getüftelt haben. Nun sind sie auf Investorensuche. Um den Kilobaser zur Marktreife zu bringen, brauchen sie eine halbe Million Euro.

Ihr Unternehmen Briefcase Biotec haben sie in Irland angemeldet – aus Kostengründen. „Hierzulande würde uns die Gründung einer GmbH rund 5000 Euro kosten“, sagt Jost. Das sei die Kehrseite des Standorts Österreich: Zwar gebe es Initiativen, die jungen Unternehmern unter die Arme greifen. Zugleich seien aber die bürokratischen und finanziellen Schwellen für Gründer ohne Eigenkapital höher als anderswo.

Überschaubare Größe.
Dennoch steht für die drei fest, dass ihre Heimatstadt Graz der Firmensitz werden soll. Die Stadt hat sich in den vergangenen zwei Jahren zu einem Hotspot für Biotechnologieunternehmen gemausert. „Graz hat eine überschaubare Größe und eine aktive, interdisziplinär denkende studentische Szene“, sagt Jost.

Auch Eva Sigl will in Graz bleiben. Die 41-Jährige hätte sich noch vor wenigen Jahren nicht träumen lassen, dass sie einmal ein Unternehmen gründen würde. Nach ihrer Dissertation forschte die Mikrobiologin an der TU Graz. Mit der Chemikerin Andrea Heinzle untersuchte sie die bei chronischen Wunden austretende Flüssigkeit.

Vor allem bei gebrechlichen älteren Menschen zieht sich der Heilungsprozess oft über Monate. Die Gefahr: In offenen Wunden tummeln sich Krankheitskeime, die zu Infektionen führen können. Die Wissenschaftlerinnen forschten an einem Frühwarnsystem, das bedrohliche Keime erkennt, bevor sie sich ausbreiten. Das führte zu einem Schnelltest, der so einfach wie ein Schwangerschaftstest durchzuführen ist.

Was unspektakulär klingt, ist in der Hauskrankenpflege ein großes Problem. Denn medizinischen Hilfskräften fehlen die Möglichkeiten, Infektionen in der Anfangsphase zu erkennen. „Die Beurteilung des Zustands einer chronischen Wunde ist selbst für Ärzte schwierig“, sagt Sigl. In der Praxis werden daher bei Wunden aufwendige, silberbeschichtete Verbände verwendet, die alle Keime abtöten. Die Anwendung ist teuer und für die Patienten unangenehm. Die Forschungen der beiden jungen Frauen stießen also auch außerhalb akademischer Zirkel rasch auf Interesse.

Anfragen aus Holland.
2009 wurde der Sciencepark Graz, ein akademisches Gründerzentrum, auf sie aufmerksam. Doch bis die Wissenschaftlerinnen mit ihrem Start-up InFact den Sprung in die Selbstständigkeit wagten, sollten noch Jahre vergehen. „Wir wurden zu unserem Glück gedrängt“, sagt Sigl. Auch für sie spielten die Förderungen eine wichtige Rolle: Als die Forscherinnen 2013 ihr Start-up anmeldeten, gingen sie kein finanzielles Risiko ein. Nun verteilt Sigl Testexemplare in Krankenhäusern; sie hofft, dass die Krankenkasse die Kosten für das 20Euro teure Infektionswarnsystem übernehmen. Dann könnte die Produktion Mitte kommenden Jahres starten. Auch Sigl will sich nicht nur auf den österreichischen Markt beschränken: „Wir haben schon Anfragen aus den Niederlanden.“

Biotechnologie

Briefcase Biotec hat mit dem Kilobaser ein Gerät entwickelt, das künstliche DNA in wenigen Stunden und kostengünstig herstellen kann. briefcasebiotec.net

InFact ist ein Frühwarnsystem für Wundinfektionen. Der Test kann schnell und einfach zuhause durchgeführt werden.

Affiris hat mit dem PD01A einen Wirkstoff hergestellt, der den Verlauf der Parkinson-Krankheit aufhalten könnte. Auch im Kampf gegen Alzheimer gelang der Firma kürzlich ein Durchbruch. www.affiris.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2014)

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