Man hat es immer dabei, die meisten von uns benutzen es viele Male jeden Tag. Kaum jemand kann sich ein Leben ohne es vorstellen, zumindest nicht ohne schwierige Umstellungen. Die Rede ist vom Mobiltelefon, bei uns meist „Handy“ genannt, ein englischer Ausdruck, der „handlich“ bedeutet und ironischerweise nur im deutschen Sprachraum so verwendet wird. Im Englischen heißt es „mobile phone“ oder „cell phone“. Es gibt davon weltweit doppelt so viele wie Fernseher und dreimal so viele wie Computer. Inzwischen können wir damit weit mehr tun als nur telefonieren – wir können Musik hören, im Internet surfen, E-Mails lesen, Computerspiele spielen oder auch fernsehen. Dennoch sind noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Mit der Erforschung neuer Wege zur Nutzung der Mobilfunktechnologie beschäftigt sich das Forschungsunternehmen Evolaris in Graz.
Eine interessante Möglichkeit ist die „Interaktivierung“ klassischer Medien. Zeitung und Fernsehen sind üblicherweise nicht interaktiv. Es gibt kein „Lesen Sie mehr“ zum Weiterklicken. Das Handy kann hier als Schnittstelle ins Netz dienen. Wer zum Beispiel in einem Artikel über das Wiener Derby das spielentscheidende Tor ansehen will, muss üblicherweise den Fernseher einschalten und auf die Nachrichten warten. In Zukunft könnte in der Zeitung ein kleiner Code abgedruckt sein, der mit dem Handy abfotografiert wird. Eine Bilderkennungssoftware identifiziert den Code. Danach kommt automatisch ein Video des Tors aufs Telefon. Auf ähnliche Weise wurden bereits Kochsendungen „interaktiviert“: Wer das Gericht nachkochen will, sendet eine SMS und bekommt nicht nur das Rezept auf seine E-Mail-Adresse, sondern gleich auch die Einkaufsliste aufs Handy geschickt.
Lernsoftware statt Auswendiglernen
Auch mit Lernsoftware auf dem Mobiltelefon beschäftigt man sich bei Evolaris. Im Rahmen eines EU-Projekts soll das Grazer Unternehmen die Voraussetzungen für Lernspiele bei Jugendlichen untersuchen. Solche Spiele sind eine interessante Alternative zum klassischen Auswendiglernen, weil sie Entscheidungsfindung in kritischen Situationen erfordern – und das in einer emotionalen Umgebung. Das Mobiltelefon dafür zu nutzen ist naheliegend: Gerade Jugendliche beschäftigen sich ohnehin viel mit dem Handy.
In einem anderen EU-Projekt namens „KeyToNature“ geht es um die Beschreibung und Identifizierung von biologischen Organismen. Hier soll ein vereinheitlichtes System geschaffen werden, das Computer und Handys nutzt und etwa im Biologieunterricht verwendet werden kann.
Ohne Herauskramen von Kundenkarten
Ein besonderer Schwerpunkt von Evolaris sind Kundenbindungsprogramme, die mit dem Handy arbeiten. Für die Gewinnung von Stammkunden ist das Handy ein interessantes, weil sehr persönliches Medium. „Dabei geht es aber nicht um unerwünschte Werbe-SMS“, sagt Otto Petrovic, Vorstandsvorsitzender von Evolaris. Es wird nichts aufgedrängt – der Konsument muss den ersten Schritt tun. Und das Konzept geht auf: Ein solches Programm, das mit der Raiffeisen Landesbank entwickelt wurde, zählt nach drei Monaten bereits 111.000 Kunden.
Ein weiteres Projekt ist die Nutzung des Handys als Ersatz für Kundenkarten. Im Vorbeigehen kann festgestellt werden, ob der Kunde Teil eines Bonusprogramms ist – das Herauskramen verschiedener Karten an der Kassa entfällt. So geht es bei Evolaris – einem Kompetenzzentrum im Rahmen des Comet-Programms – weniger um Grundlagenforschung als um die Verbindung zwischen Forschung und Entwicklung mit der marktgerechten Umsetzung.
■Evolaris ist eine unabhängige Forschungseinrichtung für interaktive Medien mit Sitz in Graz (gegründet 2000 von Otto Petrovic als Privatstiftung). Über fünf Millionen Euro werden jährlich in Forschung und Entwicklung investiert. Mehr als die Hälfte davon kommt aus der Wirtschaft. Seit 2007 ist Evolaris eines der Comet-K1-Kompetenzzentren (Fördervolumen über 16 Mio. Euro).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2008)

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