22.11.2009 12:51 | Meine Presse Merkliste0

Das Fernsehen übersiedelt ins Internet

29.04.2009 | 17:42 |  ANDREAS TANZER (Die Presse)

Anlässlich eines Symposiums des Publizistik-Instituts der Uni Wien diskutierten internationale Experten über die Zukunft des Fernsehens im Internet-Zeitalter.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Das Internet läuft dem klassischen TV den Rang ab. Kürzlich prognostizierte Microsoft, dass ab 2010 mehr gesurft als ferngesehen wird. Nun stützt auch eine Studie von Deloitte diese These: In Deutschland geben 55 Prozent dem PC als Unterhaltungsgerät gegenüber dem TV-Apparat den Vorzug – bei den 14- bis 19-Jährigen sind es sogar 72 Prozent. Was nicht heißt, dass fernsehen an sich passé ist. Rund 60 Prozent sehen am PC auch Videos – sowohl YouTube-Clips als auch professionelle Beiträge.

Diese und weitere Ergebnisse der Studie wurden im Rahmen des dritten Wiener Symposiums zu Fernsehen und Medienwandel „TVienna 2009“ präsentiert, das vergangenen Dienstag vom Publizistik-Institut der Uni Wien in den Räumlichkeiten der Telekom Austria abgehalten wurde.

 

Was ist „Fernsehen“?

Dass Web-TV eine zunehmende Rolle spielt, ist unbestritten. Nicht nur die um Exaktheit bemühten Wissenschaftler, auch die Experten aus der Praxis beschäftigte aber die Frage, was genau unter Web-TV zu verstehen ist. Dabei ging es weniger um die Unterscheidung zwischen Internet-TV und IPTV (siehe Infokasten), sondern vielmehr um die Definition des Begriffes „Fernsehen“ an sich, dessen Bedeutung angesichts von Video on Demand und YouTube-Kurzclips nicht mehr selbstverständlich ist. Ob alle bewegten Bilder automatisch auch Fernsehcharakter haben, da scheiden sich die Geister. Für die Mehrheit der von Publizistik-Studenten der Uni Wien im Rahmen einer (nicht repräsentativen) Studie befragten Nutzer zählen YouTube & Co. eher nicht dazu, Filme und Serien im Internet sehr wohl. Allerdings sind die YouTube-Videos die mit Abstand am meisten gesehenen Bewegtbilder im Web. Typische Inhalte sind etwa Anleitungen zum Fliegenfischen. Video-Gamer und angehende Mediziner studierten Aufnahmen anderer Spieler beziehungsweise OP-Mitschnitte, um ihre jeweiligen Techniken zu verbessern, und Jamie Oliver wurde in der Küche live nachgekocht. Letzteres ist ein gutes Beispiel für einen Vorteil von Web-TV, nämlich der Möglichkeit, sich die Inhalte und vor allem auch Zeit und Ort der Übertragung selbst auszusuchen. Diese Zeitautonomie wurde nach der Unterhaltung allgemein als wichtigster Vorteil von Web-TV genannt.

 

Empfehlungen und Exklusivität

Generell sind laut der Erkenntnisse der Wiener Studenten Empfehlungen von Freunden und Exklusivität des Contents für die Auswahl der Inhalte entscheidend, die Bildqualität nur dann, wenn derselbe Inhalt auf mehreren Plattformen verfügbar ist. Bei den selbst gedrehten Clips geht es um Schadenfreude, Authentizität und die Identifikation mit den Protagonisten. Als Hürden beim Web-TV empfinden die Befragten vor allem Werbung. Auch eine verpflichtende Registrierung hält die Nutzer ab – nach eigenen Angaben sogar noch mehr als geringe Kosten. Last but not least werden auch TV-Serien online konsumiert. Wie Robert Hadzetovic von Deloitte berichtet, ist die Teenieserie „Gossip Girl“ zwar kommerziell erfolgreich, hat aber in den USA schlechte Einschaltquoten, weil das Zielpublikum die Folgen vorab im Web abruft.

Video on Demand ist auch der Fokus der etablierten TV-Sender. Der ORF will demnächst sein diesbezügliches Angebot deutlich ausweiten. Laut Klaus Bitschi, Leiter Sonderwerbeformen und Interactive bei ATV, soll die derzeit als „Public Beta“ verfügbare ATV-Plattform neben den Sendungen selbst auch für das Internet produzierte Zusammenschnitte enthalten. Bei den Nachrichten kündigt Bitschi einen Paradigmenwechsel an: Die News-Beiträge werden aus Aktualitätsgründen für das Internet produziert und zuerst dort gezeigt. User der ATV-Plattform sollen auch eigene Videos hochladen und in einer facebook-ähnlichen Community miteinander interagieren können, wobei die User-Profile mit „Geotags“, den geografischen Koordinaten, versehen sind, um den regionalen Bezug zu stärken.

Relativ nahe am klassischen Fernsehen sind die IPTV-Services, die etwa Telekom Austria oder UPC anbieten. Hier werden herkömmliche Programme digital per Internet in die Haushalte geliefert „Meist wird bei IPTV der Rückkanal über die Settop-Box als Vorteil genannt“, berichtet Manfred Moormann, der für das Produktmarketing von aonTV verantwortlich ist. Für Moormann ist aber nicht der Rückkanal via Fernbedienung entscheidend – Votings und Teleshopping können ebenso gut mittels Handy durchgeführt werden –, sondern das Verbesserte Angebot im Vorwärtskanal. So ermöglicht IPTV Video on Demand und zeitversetztes Fernsehen, in Zukunft kann etwa bei Sportübertragungen der Kamerawinkel selbst gewählt werden.

 

Rechte: Erst tun, dann fragen

Ohne abschließende Antwort wurde beim Web-TV-Symposium immer wieder die Rechte-Problematik angesprochen. „Der Zugang im Netz ist, es zu machen und sich erst danach um die Rechte zu kümmern“, beschreibt die ARD-Online-Koordinatorin Heidi Schmidt den Status quo. Nachsatz: „Oft ist es auch gar nicht möglich, mit vertretbarem Aufwand die Rechte für die Internetnutzung zu erwerben.“ Georg Serentschy, Chef der Regulierungsbehörde RTR, verweist auf die Konvergenz der Netze und Endgeräte, die horizontale Regulierungsmodelle notwendig machen. Da immer öfter die gleichen Inhalte über verschiedene Netze verbreitet werden und Endgeräte wie Fernseher mit Internetzugang die Grenzen weiter verwischen, plädiert Serentschy dafür, Inhalt und Netze zu trennen und die Content-Rechte netzunabhängig zu gestalten.

GRUNDLAGEN: INTERNET-TV

Internet-TV wird via Browser am PC betrachtet. Die Inhalte sind meist eigens für die Webplattform produzierte Beiträge.

Bei IPTV wird das Internetprotokoll (IP) zur Übertragung herkömmlicher TV-Sendungen genutzt, die über eine Settop-Box auf den Fernseher gebracht werden. Neben der digitalen Übertragung eröffnet IPTV Möglichkeiten wie Video on Demand, zeitversetztes Fernsehen und interaktive Dienste.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2009)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen