Geschäftsmodelle für Studenten

Gedruckte Studienführer sind völlig veraltet und Facebook für den Austausch mit anderen Studenten nur bedingt geeignet. Studify und UniSpotter zeigen, dass es besser geht.

Auf Facebook gibt es für jedes Studienfach eine eigene Gruppe, meist sogar mehrere. Skripten und Aufnahmen von Vorlesungen tauschen Studenten über Dienste wie Dropbox, kommuniziert wird via WhatsApp.

Warum bieten Universitäten ihren Studenten keine zentrale Plattform, auf der dieser Austausch passieren kann? Gerade technische und wirtschaftswissenschaftliche Hochschulen sollten doch das Know-how dafür haben, könnte man meinen.

„Es gibt diese Lösungen, sie werden aber nicht genutzt“, erklärt Andreas Aigner, der gemeinsam mit Alexander Pöllmann die Plattform Studify gegründet hat. „Ich glaube, es ist schon allein abschreckend, wenn so eine Lösung von der Uni selbst kommt. Unabhängige Anbieter werden lieber genutzt.“ Studify ist direkt aus dem Studentenalltag entstanden: Aigner und Pöllmann haben sich auf der Uni kennengelernt. Beide haben Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau studiert.

„Da gab es eine Facebook-Gruppe, die mehr als 3000 Mitglieder hatte“, erinnert sich Aigner. Speziell zu Prüfungszeiten hätte da völliges Chaos geherrscht und es sei schwer gewesen, den Überblick zu behalten. 2014 starteten die beiden Studienkollegen Studify als geordnetes Forum neu.


Garagen-Start-up. Mittlerweile ist Studify zu einem großen Netzwerk angewachsen, das 15.000 aktive Nutzer zählt, obwohl es derzeit nur an der WU Wien und der TU Wien aktiv ist. Geleitet wird das junge Start-up ganz standesgemäß aus einer Garage heraus.

Für den richtigen Silicon-Valley-Spirit sind die beiden Gründer im Keller der Firma von Pöllmanns Vater untergekommen und nutzen eine Garage als Studio für Videokurse. Seit vergangener Woche ist die Plattform in einer komplett überarbeiteten Form online, und zwar mit einem eigenen Bereich für Onlinenachhilfe, für den die zunächst selbstständig gestartete App Lecturize integriert wurde.

Kurse, etwa für große WU-Prüfungen, dürfen von erfahrenen Studenten, Lehrern oder Professoren angeboten werden. Studenten bezahlen je nach Kurs bis zu 25 Euro, die „Trainer“ werden als Motivation an dem Umsatz beteiligt.

Studify soll aber viel mehr werden als ein Forum mit Nachhilfekursen. Das Studentennetzwerk soll seine Nutzer durch das ganze Studium begleiten und auch in das Berufsleben führen. Herzstück der Plattform wird ein Feed sein, der den Nutzer über anstehende Prüfungen und Kurse informiert und über die Semester lernfähig sein soll. Hat ein Kurs schon einmal stattgefunden, merkt sich Studify beispielsweise, wann Hausübungen zu erledigen waren und worauf dabei Wert gelegt wurde.

„Diese Erfahrung geben wir dann an die jüngeren Studenten weiter“, so Aigner. Das nächste Ziel ist ein Start an der Universität Wien: „Wenn das gut funktioniert, wollen wir in die DACH-Region expandieren.“ Investoren wollen die beiden erst später an Bord holen. „Wir sind ein sehr kleines Team und wollen jetzt einmal jeden Handgriff selbst machen und genau lernen“, so Aigner.


Studienauswahl soll Spaß machen.Auch UniSpotter, einem weiteren Studi-Start-up aus Wien, steht die Investorenfrage noch bevor. Die App, die die Studienwahl erleichtern soll, wird im November verfügbar sein und finanziert sich bisher nur über eigenes Kapital und über die Universitätsgründerförderung Inits.

Die Idee zu UniSpotter ist ebenfalls direkt aus dem Studentenleben gegriffen: „Ich bin die Erste aus meiner Familie, die studiert“, erzählt Mitgründerin Verena Mai. „Ich hatte ganz falsche Vorstellungen vom Studium und kannte auch niemanden, der schon studiert.“ Aus diesem Problem heraus hat Mai gemeinsam mit Christoph Trost und Roger Kerse eine Geschäftsidee entwickelt und UniSpotter gegründet. Kennengelernt hat sich das internationale Team in Frankreich im Rahmen der European Innovation Academy, bei der jedes Jahr 500 Studenten aus aller Welt bei der Entwicklung von Start-up-Ideen unterstützt werden.


Persönliche Gespräche. „Bisher funktioniert die Studienorientierung meist über Google“, erklärt Mai. „Man muss da schon recht genau wissen, wonach man sucht beziehungsweise welche Fragen man stellen muss.“ Im UniSpotter, der als App umgesetzt wird, sind diese Fragen bereits vorgegeben. „Wir haben in vielen persönlichen Gesprächen neun Faktoren identifiziert, die für die Studienwahl entscheidend sind“, so Mai.

Die App startet mit einem Fragebogen: Hat man Interesse an einem Auslandssemester, einer großen oder kleinen Uni, will man nebenbei Arbeiten, ist man bereit, für das Studium etwas zu bezahlen?

Das Ergebnis ist dann eine Auswahl von 50 Studienprogrammen aus derzeit 2000. „Uns war wichtig, dass der Prozess nicht nur einfach ist, sondern auch Spaß macht“, sagt Mai. Deshalb erfolgt die weitere Einschränkung nach dem Prinzip der Dating-App Tinder: Je nachdem, in welche Richtung man wischt, gefällt oder missfällt der Vorschlag. Das Lieblingsfeature der Gründerin ist die Instagram-Integration: „So können wir ein aktuelles Bild von der jeweiligen Uni vermitteln“, sagt Mai.


Kooperationen mit Unis. Mit einigen Unis und Fachhochschulen gibt es bereits Gespräche zu möglichen Kooperationen. Zunächst wird sich die Zusammenarbeit auf das Zur-Verfügung-Stellen von Daten beschränken. Später sollen sich Unis über die App aber auch passende Studenten aussuchen können – quasi ein neuer Zugang zum Thema Auswahlverfahren.

„Da gibt es großes Interesse“, sagt Mai, „etwa von der Lancaster University.“ Die App wird von Beginn an nur auf Englisch zur Verfügung stehen, zunächst sind aber nur österreichische Studienprogramme enthalten. Der nächste Markt wird wahrscheinlich Deutschland sein, verrät Mai. „Da sprechen wir dann plötzlich nicht von 2000 Programmen, sondern von 20.000.“ Das Ziel ist es, die App nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern zumindest europaweit anzubieten.

Zahlen

15.000 aktive Nutzer zählt die Plattform Studify. Derzeit ist sie an der WU und der TU Wien aktiv.

2000
Studienprogramme werden von UniSpotter nach einem Fragebogen gefiltert, zum Schluss stehen für die Studienwahl noch 50 zur Auswahl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2015)

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