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"Endgame: Syria": Politik und Spiel - ein Gegensatz?

19.01.2013 | 18:40 | von Sara Gross (Die Presse)

Ein Schießspiel der US-Waffenlobby findet Apple in Ordnung. Ein Spiel, das Wissen über einen Bürgerkrieg vermittelt, geht aber zu weit. "Endgame: Syria" ist im Rahmen des Projekts "Game the News" entstanden.

Schießspiele gibt es für iPhone und iPad jede Menge. Seien es actiongeladene Kriegssimulationen wie „Battlefield“ oder – recht neu – ein Schießübungsspiel von der US-Waffenlobby NRA. Ein Strategiespiel zu dem Bürgerkrieg in Syrien ging Apple aber zu weit. Apps, die sich direkt mit einer Ethnie oder Religion auseinandersetzen, sind gemäß der Richtlinien verboten. In „Endgame: Syria“ huscht der Spieler nicht von Deckung zu Deckung und feuert auch nicht mit verschiedenen realistisch nachempfundenen Waffen auf Gegner. Die App ähnelt eher einem Brettspiel, und es geht darum, in der Rolle der Rebellen Ressourcen und Verbündete im Kampf gegen das Regime strategisch einzusetzen. „Wenn du eine Religion kritisieren willst, schreib ein Buch“, heißt es in den Richtlinien von Apple lapidar.


Zu aktuell für ein Spiel?
An aktuellen politischen Konflikten sind auch schon andere Spiele gescheitert. Als 2009 die Nachwehen des Irak-Kriegs die Medien beherrschten, geriet das damals angekündigte Spiel „Six Days in Fallujah“ in harsche Kritik. Der Publisher Konami kehrte dem Spielentwickler den Rücken, und bis heute wurde der Titel nicht veröffentlicht. Das Spiel trivialisiere den Krieg und verhöhne seine Opfer, hieß es 2009 vonseiten der Kritiker. Der Irak-Krieg solle in den Annalen der Geschichte verschwinden und nicht an actionhungrige Videospieler verfüttert werden. Freilich ist die Situation hier eine andere, schließlich handelt es sich bei „Six Days in Fallujah“ um einen historisch nur bedingt korrekten Shooter im Stile von „Battlefield“, und für „Endgame: Syria“ wurden zahlreiche politische Analysen renommierter Magazine ausgewertet. Dennoch konstatiert Tomas Rawlings von Auroch Digital eine deutliche gesellschaftliche Hemmschwelle, Spiele zur Verarbeitung und Aufbereitung aktueller politischer Ereignisse heranzuziehen. Auroch Digital ist ein kleiner britischer Spieleentwickler, der hinter „Endgame: Syria“ steckt. Ein Spiel über den schon länger zurückliegenden Zweiten Weltkrieg hätte wohl kaum jemanden aufgeregt, schreibt er in einem Artikel für gamesindustry.biz.


Argumentieren wie Obama. „Endgame: Syria“ ist im Rahmen des Projekts „Game the News“ entstanden, in dem aktuelle Themen aus den Nachrichten mit den medialen Möglichkeiten eines Videospiels aufgearbeitet werden. Der Spieler wird so Teil des Ereignisses und kann zum Beispiel die Auswirkungen von Entscheidungen selbst erleben, argumentieren die Entwickler. In „My Cotton Picking Life“ wird die Kinderarbeit in Usbekistan thematisiert, indem der Spieler mit seinem iPhone in die Rolle eines jungen Baumwollpflückers schlüpft. Das Spielprinzip ist eintönig – es muss lediglich abwechselnd mit den Daumen auf das iPhone-Display gedrückt werden –, und die Grafik kann mit viel Optimismus als Pixelkunst bezeichnet werden. Aber auf Nachrichten muss eben schnell reagiert werden, und Spiele wie dieses entstehen meist in zwei Tagen. Zu den Kunden von Auroch Digital zählt unter anderem das britische Magazin „Wired“, das zum Beispiel ein Spiel zur Informationsfreiheit beauftragt hat. Für die „Huffington Post“ entstand für die US-Wahlen ein Debattierspiel, in dem man die Rolle von Obama oder Romney einnimmt. Der Spieler tippt gegen den Computer um die Wette, um das Duell für sich zu entscheiden. Ob man beim möglichst schnellen Abtippen der Argumente viel von dem Gesagten aufnimmt, hängt wohl vom Lerntyp ab – aber das gilt schließlich für jedes Medium.


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