Kinect: Das Spielzeug wird erwachsen

02.06.2012 | 17:35 |  von Daniel Breuss (Die Presse)

Die Bewegungssteuerung Kinect war eigentlich als Zubehör für eine Spielkonsole gedacht. Nun bahnt sie sich ihren Weg in Forschung, Medizin und Geschäftsleben.

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Es sollte ursprünglich nur eine Cashcow für Microsofts Unterhaltungsbranche werden. Aber großteils ohne Zutun des Herstellers hat sich Kinect, ein Sensorzubehör für die Spielkonsole Xbox 360, zu etwas ganz anderem gemausert. Kurz nach der Veröffentlichung stürzten sich Hobbyentwickler und Forscher auf das Gerät und nutzten es mit hausgemachter Software etwa in der Robotik. Microsoft fasste sich ein Herz und kündigte nach dem überraschenden Erfolg in den unerwarteten Bereichen offizielle Entwicklerwerkzeuge an. Seit Freitag ist „Kinect for Windows“ auch in Österreich erhältlich.

Mehr als 19 Millionen Stück seines Sensors hat Microsoft bisher verkauft. Der Großteil endet trotz der alternativen Anwendungsgebiete in den Wohnzimmern der Käufer. Für Forscher ist Kinect aber aus einem einfachen Grund interessant. Das Gerät erfasst seine Umgebung mit einem Infrarotlaser dreidimensional und kann damit als „Auge“ für Roboter dienen – zu einem Bruchteil des Preises anderer Lösungen. Bei der „Langen Nacht der Roboter“ im Dezember 2011 waren bereits mehrere Kinects zu sehen.


Mit Hand und Fuß. Gedacht war das Zubehör dafür, Bewegungen von Spielern einzufangen und eine Steuerung der Xbox 360 ohne zusätzliche Eingabegeräte zu ermöglichen. Die Kultszene aus „Minority Report“, in der Tom Cruise einen Computer nur mit seinen Fingern steuert, kommt in Erinnerung, wenn man Kinect im Einsatz sieht. Die meiste Zeit, während der man einen PC bedient, sitzt man aber. Die Konsolenvariante des Sensors konnte nur stehende Personen wirklich gut erfassen. Das lag auch an dem nötigen Abstand, den Kinect vom Benutzer einforderte. „Die Kinect für Windows-Hardware zielt derzeit primär auf Entwickler ab“, sagt Microsoft-Produktmanager Thomas Grasslober. Allerdings gebe es vielfältige Anwendungsmöglichkeiten. So gibt es etwa schon Entwickler, die Kinect als Übersetzer für Gebärdensprache einsetzen.

Für kommerzielle Anwendungen werden etwa Analysefunktionen genannt. Dank seiner Software kann der Sensor erkennen, ob ein Mann oder eine Frau vor ihm steht, wie lange das Gerät benutzt wird, und wie die Personen damit interagieren. Daraus lassen sich Schlüsse ziehen, wie ein jeweiliges System verbessert werden könnte. Mehrere Projekte werden von Microsoft direkt gefördert.

Obwohl derzeit ein großer Hype rund um den länglichen schwarzen Block mit den beiden Kameras und integrierten Mikrofonen besteht, dürfte Kinect (egal, ob für Windows oder für Xbox) nicht der Weisheit letzter Schluss für neue Steuerkonzepte sein. Noch ist das Gerät zu klobig, um es etwa in Kombination mit Laptops zu nutzen. Für manche Anwendungen ist die Reichweite zu niedrig. Und das Infrarotsystem versagt im Sonnenlicht.

Kinect war ursprünglich zum Spielen gedacht und in der Tat wird derzeit viel herumgespielt. Manche der daraus entstehenden Projekte besitzen bereits eine Reife, die sie bald auch alltagstauglich machen könnte. Entwickler wünschen sich bereits eine höherauflösende Kamera, um noch feinere Strukturen erkennen zu können. Microsoft hält sich dazu bedeckt. „Wir arbeiten ständig daran“, sagt Grasslober. Spannend wird, ob es im Herbst zu einer Integration mit Windows 8 kommt. Dieses ist vorrangig für Touchscreens ausgelegt, könnte aber vielleicht auch mit Kinect-Gesten gesteuert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)

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