Gerade ist es zur Normalität geworden, Facebook und Co die Frage „Was denkst du gerade?“ zu beantworten, schon wird die Wissbegierde der Onlinenetzwerke noch dreister. „Wo bist du gerade?“, wollen die Internetplattformen Foursquare und Gowalla wissen. Hunderttausende antworten.
Cafés, Restaurants, Museen oder der eigene Arbeitsplatz werden in diesen Netzwerken nicht mehr besucht – es wird ein „Check-in“ durchgeführt. Um Samstagabends Partypläne zu schmieden, zückt man künftig nicht mehr das Handy. Auf Foursquare kann man einfach nachsehen, in welche Disco die meisten Freunde eingecheckt haben. Umgekehrt: Hat man mittags beim Lieblingsimbiss eingecheckt, ist durchaus mit unangemeldeter Gesellschaft zu rechnen. Kaum auszumalen, was das für heimliche Verehrer, ängstliche Eltern oder gar Stalker bedeutet. Auf Foursquare und Gowalla wird man seinen Freundeskreis also weiser wählen, als das zumeist auf Facebook geschieht, wo 300Freunde und mehr keine Seltenheit sind.
Knackpunkt Datenschutz.Geobasierte Dienste gibt es bereits seit einiger Zeit, die meisten konnten sich jedoch wegen großer Datenschutzängste der Nutzer nicht durchsetzen. Google etwa betreibt mit Latitude einen Dienst, der den aktuellen Aufenthaltsort jederzeit per GPS-Handy mitverfolgt und in Google Maps sichtbar macht. Rund ein Jahr nach dem Start ist es um Latitude jedoch ruhig geworden. Einerseits wird Google ohnehin längst als „Datenkrake“ wahrgenommen, der man seine privaten Infos so gut wie möglich vorenthalten sollte. Andererseits verfolgt Latitude seine Nutzer tatsächlich auf Schritt und Tritt und überträgt in Echtzeit ins Internet. Foursquare und Gowalla nutzen zwar auch GPS-Handys, aber nur um mögliche Aufenthaltsorte in der Umgebung anzuzeigen. Eingecheckt wird vom Nutzer, oder eben nicht. Die Gründer von Foursquare entwickelten übrigens auch den Vorgängerdienst von Latitude, den Google schließlich gekauft hat.
Gratisdrink für den Mayor.Foursquare hat mittlerweile rund 500.000Nutzer angelockt und ist damit etwa fünfmal so groß wie der Konkurrent Gowalla. Beide Dienste wollen besonders aktive Nutzer für ihre Check-ins belohnen – früher oder später soll das wohl helfen, die Dienste gewinnbringend zu monetarisieren. Auf Foursquare wird derjenige mit den meisten Check-ins an einem Ort zum „Mayor“ dieses Orts ernannt. In den USA erhält dieser Mayor in vielen Cafés oder Restaurants ein kostenloses Getränk. Zusätzlich gibt es für jeden Check-in und für jeden Kommentar zu einem Ort (zum Beispiel: „Steak ist hier besonders lecker.“) Punkte. Diese Punkte sollen später in kleine Geschenke umgewandelt werden können – noch fehlen allerdings die Partner. Kritische Stimmen meinen, Foursquare biete nicht genug, um sich gegen Netzwerkgiganten wie Facebook (400Millionen Mitglieder) durchsetzen zu können. Zumal es Hinweise gibt, dass Facebook selbst in den nächsten Monaten einen eigenen Dienst dieser Art einführt. Das ist umso wahrscheinlicher, da der Kurznachrichtendienst Twitter seit Kurzem eine ähnliche Funktion hat. Per Handy geschriebene „Tweets“, kurze Textnachrichten, können dank GPS automatisch mit Standortinformationen versehen werden. In welcher Form auch immer Standortdaten Einzug in Facebook halten – bevor man daran teilnimmt, sollte man gründlich überlegen, wem man wirklich immer mitteilen möchte, wo man gerade seinen Cafè Latte trinkt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2010)

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