Im Herbst soll Windows 8 auf den Markt kommen, aber noch weiß keiner so genau, was man wirklich damit anfangen soll. Bisherige Erfahrungsberichte weisen dem neuen Microsoft-Betriebssystem brauchbare Qualitäten auf Tablets aus, kritisieren aber seine Fähigkeiten als Produktivsystem am Arbeitsplatz. DiePresse.com hat die Probe aufs Exempel gemacht und die „Release Preview", die letzte Vorschauversion von Windows 8 vor seiner Fertigstellung, mehrere Wochen als Hauptrechner im Dauereinsatz gehabt.
Microsoft will selbst Tablets auf den Markt bringen, die besonders gut mit seiner neuen Software funktionieren. Aber schon jetzt gibt es brauchbare Flachcomputer, die eigentlich für Windows 7 ausgelegt sind, auf denen der Nachfolger problemlos läuft. Für diesen Test wurde das Samsung-Tablet XE700T1A in Verbindung mit einer Docking Station eingesetzt. Über diese kann das 11,6-Zoll-Gerät auch mit Maus, Tastatur und einem zweiten, größeren Bildschirm verbunden werden. Dadurch erhält man einen vollwertigen Arbeitsplatz im klassischen PC-Sinn. Für unterwegs nimmt man das Tablet einfach aus dem Dock und hat dennoch alle Daten mit dabei.
Der Installationsvorgang verlief problemlos, nach rund 20 Minuten war der Massenspeicher formatiert, das Betriebssystem aufgespielt und das Benutzerkonto eingerichtet. Wer noch Windows-Installationen in den Neunziger-Jahren erlebt hat, wird sich noch mit Schaudern zurück erinnern, dass ein Neuaufsetzen des Systems früher weit nicht so reibungslos geklappt hat.
Zwei Welten
Als reines Tablet-System macht Windows 8 dann auch jede Menge Sinn. Die großflächigen Kacheln des Startbildschirms starten nicht nur Programme (Neudeutsch „Apps"), sondern zeigen auch Informationen, etwa über eingegangene E-Mails oder das Wetter an. Wichtige Funktionen, wie die Einstellungen oder die Suche sind nur durch Wischgesten erreichbar. Welche das sind erklärt Windows 8 leider nicht von selbst. Die Lernkurve ist zu Beginn also etwas steil und könnte einige Nutzer abschrecken. Menüs mit zusätzlichen Funktionen innerhalb von Apps, die für die neue Touchscreen-Oberfläche entwickelt wurde, öffnen sich, indem man von unten nach oben oder von oben nach unten wischt. Die zuletzt geöffnete Anwendung holt man mit einem Wischer von links wieder zurück.
Als Bindeglied zur klassischen Windows-Oberfläche dient die Desktop-Ansicht. Hier betritt man vertrautes Territorium, obwohl Microsoft auch hier einiges umgebaut hat. So gibt es etwa kein Startmenü mehr. Drückt man auf der Tastatur die Windows-Taste oder über das „Charms"-Menü auf der rechten Seite, öffnet sich der großflächige Startbildschirm. Dieser lässt sich zwar auch über Maus und Tastatur bedienen, allerdings deutlich unangenehmer als per Touchscreen.
Unerwartet stabil
Sobald man sich an das neue Bedienkonzept gewöhnt hat, geht das Arbeiten mit Windows 8 erstaunlich problemlos. Es gab keinerlei Abstürze, Treiberprobleme oder ähnliche Kinderkrankheiten. Für eine Vorschauversion ist das System schon recht ausgereift. Allerdings sollen sich noch ein paar Dinge bis zur Fertigstellung ändern, wie etwa die optische Gestaltung des Desktops. Am Arbeitsplatz mit einem großen Bildschirm geht die Arbeit bald genauso schnell von der Hand, wie wenn man Windows 7 einsetzt. Der kleinere Touchscreen des Tablets ist angenehm als Zweitbildschirm, auf dem etwa immer das E-Mail-Programm geöffnet sein kann, oder nebenbei Videos angeschaut werden können.
Touch ist Trumpf
Wenn man längere Zeit mit Windows 8 arbeitet, erkennt man die Vorteile, die Touch-Hybridgeräte bringen werden. Hersteller wie Acer und Asus haben bereits entsprechende Laptops mit Touchscreen für Microsofts neues Betriebssystem angekündigt. Dank der Fingersteuerung könnten diese Modelle sogar angenehmer zu bedienen sein als aktuelle Geräte, die nur über Tastatur und Trackpad verfügen. Allerdings stößt die Touch-Steuerung bald an ihre Grenzen, wenn es um feine Strukturen wie bei der Bildbearbeitung geht. Ein Stylus hilft dabei. Dieser empfiehlt sich generell auch für Anwendungen, die noch nicht für die Fingerbedienung optimiert wurden, hat die Erfahrung mit Windows 8 gezeigt.
Leerer Marktplatz
Ein Problem in der aktuellen Fassung der Software ist das Angebot an Apps für die Touchscreen-Oberfläche, auch Metro genannt. Zwar ist der Windows Store deutlich voller als noch in der "Consumer Preview". Viele der verfügbaren Anwendungen sind aber mehr auf Optik als auf Funktionalität ausgelegt. Bis zum Marktstart muss sich hier noch einiges tun, damit Microsoft ein brauchbares Software-Paket für seine Kunden bieten kann. Eine Ausnahme sind Spiele, von denen es schon ein paar scheinbar fertige gibt, wie etwa "Cut the Rope", und der hübsch anzusehende und funktional ansprechende Twitter-Client Tweetro.
Microsoft wettet mit Windows 8 auf einen Trend, der schon seit ein paar Jahren zu beobachten ist. Kunden greifen verstärkt zu fertig konfigurierten Laptops als zu Standrechnern. Die Bildschirmauflösung, mit der Websites am häufigsten besucht werden, ist 1366 x 768, das übliche 16:9-Format der tragbaren Rechner. Denn auf kleineren Bildschirmen macht Metro deutlich mehr Sinn als auf einem großen 24-Zöller mit einer Auflösung von 1920 x 1200 oder sogar mehr. Zwar skaliert Windows 8 die Anzeige so, dass die Schaltflächen nicht monströs groß werden. Die Mauswege sind aber viel zu lang und der bunte Startbildschirm wirkt auf einem solchen Bildschirm einfach fehl am Platz.
Leistung vs. Laufzeit
Windows 8 soll auf zwei verschiedenen Systemen funktionieren. Einmal die übliche x86-Hardware auf Basis von Intel-Technologie. Und einmal mit ARM-Prozessoren, wie sie in aktuellen Tablets und Smartphones eingesetzt werden. Letztere versprechen weniger Stromaufnahme und damit weniger Hitzeentwicklung und mehr Akkulaufzeit. Dass letztere mit x86-Prozessoren sich drastisch verkürzen kann, zeigte auch der Test. Das Samsung-Tablet hielt kaum einen Tag mit durchschnittlicher Nutzung durch, ohne dass es an die Steckdose musste. Derartige Leistungswerte ist man von Laptops gewohnt, allerdings sind sie für ein Tablet unbefriedigend. Und wenn man es genau nimmt, sollten auch die Laptop-Hersteller beziehungsweise Intel sich hier etwas überlegen.
Dennoch bieten Geräte mit Intel-Chips mehr Leistung, insbesondere für Spiele, Videoschnitt und Bildbearbeitung. Und auf dem für ARM ausgelegten Windows RT werden nicht alle Programme laufen, die derzeit für Windows 7 verfügbar sind. Für viele wird die Anschaffung eines Tablet damit wohl die einzige Alternative sein, insbesondere, wenn es als Hauptgerät, so wie in diesem Test, eingesetzt werden soll.
Gewagter Ansatz
Windows 8 ist Chance und Risiko zugleich für Microsoft. Dieser Eindruck, der bereits mit der ersten, frühen "Developer Preview" im Vorjahr entstand, besteht auch in der aktuellen Vorschauversion. Bisher gab es noch kein Betriebssystem, das so konsequenz Standrechner und Tablets vereinen wollte. Die Entwickler in Redmond sollten sich ernsthaft überlegen, mehrere Dinge noch zu integrieren, bevor Windows 8 tatsächlich auf den Markt kommt. Einerseits sollte so etwas wie ein Tutorial her, damit Nutzer lernen, welche Gesten was machen und wie man bestimmte Funktionen aktiviert, die bisher in Windows komplett anders zu erreichen waren. Andererseits müssen noch mehr und bessere Apps für die Touch-Oberfläche her. Und der Desktop muss noch etwas attraktiver gemacht werden. Damit ist aber weniger die Optik gemeint, die sich tatsächlich noch ändern wird, wie Microsoft angekündigt hat, sondern leichter erreichbare Funktionen und Einstellungen, wenn man ein Windows-8-Gerät nur mit Maus und Tastatur bedient.
Ein System für drei Plattformen
Allerdings ist zu erwarten, dass Windows 8 wohl vor allem mit neuen Geräten ausgeliefert werden wird. Die Update-Freudigkeit wird dieses Mal deutlich geringer ausfallen, als bei Windows 7. Das neue Bedienkonzept wird viele Nutzer, die mit der bisherigen Steuerung vertraut sind, wohl auch eher abschrecken. Die neuen Geräte werden aber alle auf irgendeine Weise Touchscreen-Steuerung integrieren. Damit sollten einige der Nachteile, die Windows 8 auf Geräten ohne solche Displays hat, wieder wettgemacht werden. Spannend wird noch, wie Microsoft seine "alles in Einem"-Strategie noch ausbauen wird. Das kommende Smartphone-Betriebssystem Windows Phone 8 basiert auf demselben Code wie Windows 8. Und es wird vermutet, dass die nächste Spielkonsole, die Nachfolgerin der Xbox 360, ebenfalls auf dieser Basis aufsetzt. Damit wird Microsoft seine "Three Screens"-Philosophie (Computer, TV, Mobilgerät) dann komplett umgesetzt haben. Allerdings dauert das noch eine Weile und bis dahin können Google und Apple dem angeschlagenen Softwareriesen noch gehörig die Suppe versalzen.
(db)
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