Wir werden in der digitalen Welt nie wirklich Frieden haben“, sagte Andreas Bereczky am Mittwoch bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Smart-TV in Berlin. Bereczky ist Produktionsleiter des ZDF, sitzt im Vorstand des Branchenverbands „Deutsche TV-Plattform“ und gehört damit zu jenen, die hoffen müssen, dass die alte Rundfunkwelt von der smarten Internetzukunft nicht einfach überrollt wird – jene „alte“ Rundfunkwelt, die jahrzehntelang den großen Bildschirm im Wohnzimmer beherrscht hat. Diese goldenen Zeiten könnten bald vorüber sein. Schon jetzt nutzen laut GFK drei Viertel der Zuseher auch andere Geräte, um Videos oder Filme zu sehen, und die Inhalte kommen immer häufiger „on demand“, also quasi jederzeit nach Bedarf, aus dem Internet. Die Hersteller reagieren auf diesen Trend, indem sie die TV-Geräte an das Internet anschließen und neuen Anbietern und Geschäftsmodellen Tür und Tor öffnen. Neue Firmen übernehmen langsam das Steuer, vergleichbar mit dem Umbruch, den die Smartphone- und App-Welt für das Geschäft mit Mobiltelefonen bedeutete: Heute kämpfen alte Titanen wie Nokia ums Überleben, während neue Player wie Google die Vormachtstellung übernommen haben.
Wie Parasiten? Die Rundfunkanstalten fürchten um ihre Herrschaft über den größten Bildschirm im Haushalt, und zu verlieren gibt es einiges. „Die neuen Geschäftsmodelle können nicht sein, dass man parasitär an unseren Inhalten mitverdient“, meinte Jürgen Doetz vom deutschen Verband Privater Rundfunk und Telemedien. Klare Worte findet auch ZDF-Produktionsdirektor Andreas Bereczky: „Der Bildschirm gehört uns, wenn der Zuseher den Fernseher einschaltet.“ Einblendungen anderer während des Programms seien nicht gern gesehen. Zudem prallt die stark regulierte Rundfunkwelt auf die offene Internetwelt. Seit etwa drei Jahren wird nun schon die Werbetrommel für internetfähige Smart-TVs gerührt, Lösungen gibt es aber so viele wie Anbieter. „Wir haben einfach noch zu wenig Erfahrung, was die Zuseher von Smart-TV wollen“, erklärt Bereczky. Die klassischen TV-Sender versuchen ihr Glück unter dem sperrigen Titel Hbb-TV (Hybrid Broadcast Broadband TV). Während einer Sendung können Zusatzinhalte eingeblendet werden. Meist geht es dabei um Material aus den Mediatheken der Sender. HbbTV wird bereits von vielen deutschen Sendern unterstützt, der ORF will heuer nachziehen. Allein, die Nutzung ist noch sehr gering und laut Umfragen können noch die wenigsten mit dem Begriff etwas anfangen. Es gibt aber auch ein anderes Problem mit Hbb-TV als alleinigem Zukunftsszenario: „Gerade bei Hollywood-Filmen stößt Hbb-TV an seine Grenzen“, erklärt Volker Blume vom TV-Hersteller Philips. Neue Anbieter wie Hulu, Lovelyfilm oder viele andere bieten Videos, Filme, Serien teilweise gratis, teilweise kostenpflichtig, zeitunabhängig und auf Knopfdruck. Selbst Google und Apple drängen mit ähnlichen Angeboten auf die TV-Bildschirme. Neben Hbb-TV ist es derzeit aber Sache der Gerätehersteller, welche Dienste auf ihren TVs Einzug halten. Auf einmal sitzen Philips, Samsung, LG, Sharp und Co. nicht nur an den technischen Schalthebeln, sondern dürfen auch die Inhalte mitbestimmen. Noch kocht fast jeder hier sein eigenes Süppchen. Meist wird YouTube kombiniert mit einigen Nachrichten-Apps und Online-Videoportalen, und jeder Hersteller muss Entwickler von der hausgemachten Plattform überzeugen.
Angst vor Google. Bei den Rundfunkanstalten sorgt dabei Google-TV für das größte Entsetzen. Die Furcht ist, dass Google während beliebter Sendungen Zusatzinhalte einblenden lässt und diese dann auch mit Werbeanzeigen versehen könnte – also genau das, was Doetz als „parasitär“ bezeichnet. Anders verhält es sich mit den Smart-TV-Angeboten der Hersteller, bei denen es sich in der Regel um vom klassischen TV-Programm getrennte Portale handelt, die Nutzer genau deshalb auch bisher eher selten aufrufen. Zudem fehlen Standards, für die nun eine von Philips, LG, Loewe und Sharp getragene Smart-TV-Alliance sorgen soll. Das Ziel: Eine dafür entwickelte App soll auf den Geräten aller Hersteller problemlos laufen. Gespannt wird nun auf einen weiteren Teilnehmer an der Schlacht gewartet. Apple wird schon seit Längerem nachgesagt, an einem smarten Fernseher zu arbeiten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)
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