Manfred Spitzer: "Unsere Kinder verballern ihre Jugend"

30.08.2012 | 18:21 |  Von Karl Gaulhofer (Die Presse)

Zu frühe Internetnutzung macht dumm, süchtig und psychisch krank: Mit seinem Buch "Digitale Demenz" legt sich der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer mit Medienpädagogen und Politikern an.

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Die Presse: Wie hält es denn ein rabiater Kritiker digitaler Medien privat mit ihrer Nutzung?

Manfred Spitzer: Als unsere fünf kleinen Kinder immer gestritten haben, wer was gucken darf, haben wir den Fernsehapparat abgeschafft. Da gab es nur einen kurzen Zwergenaufstand. Wir haben auch nur einen Computer. Warum man eine PlayStation brauchen soll, hat mir nie eingeleuchtet.

Was ist für einen Hirnforscher so schlimm an der frühen und starken Nutzung digitaler Medien?

Unser Gehirn ändert sich ständig. Milliarden von Verbindungen zwischen Nervenzellen wachsen oder werden weggeräumt, wenn sie nicht gebraucht werden. Die Informationstechnologie nimmt uns geistige Arbeit ab. Das hat Folgen. Wenn man nur noch oberflächlich über Dinge nachdenkt, bleiben sie nicht mehr hängen. Wenn Sie mit dem Navi im Auto fahren, kennen Sie sich irgendwann nicht mehr aus. Je weniger „gebildet“ das Hirn in jungen Jahren wird, desto schneller erfolgt der Abstieg im Alter.

Die Technologie erspart uns stupides Auswendiglernen. Stattdessen trainieren wir komplexes Denken, das die Wissensgesellschaft braucht.

Das ist falsch! Man muss erst einmal das Einfache draufhaben, sonst können wir das Komplexe gar nicht lernen. Wer nicht Kopfrechnen kann, scheitert auch an der höheren Mathematik. Platz machen durch Auslagern: Das ist dummes Geschwätz!

Wir arbeiten die meiste Zeit am Computer. Da sollte doch die sinnvolle Nutzung digitaler Medien schon von früh an gelehrt werden.

Googeln lernt man nicht durch googeln. Nur durch solides Grundwissen können Sie in einer Suchmaschine die Spreu vom Weizen trennen. Stattdessen wird in der Schule Software gepaukt. Das ist völlig unsinnig, weil Microsoft-Produkte in fünf Jahren ganz anders sind. Kinder finden im Netz schnell zu Sex and Crime. Wir haben in Deutschland eine Viertelmillion Internetsüchtige und 1,4 Millionen, die stark gefährdet sind. Ich kenne als Psychiater die schweren Fälle, die 18 Stunden am Tag online spielen. Die verballern ihre Jugend, das ist schrecklich! Spiele wie „World of Warcraft“ werden bewusst so programmiert, dass sie süchtig machen. Da wird Leid erzeugt. Und dann zu sagen: Wir bringen den Kindern schon ganz früh bei, damit kritisch umzugehen – das ist unglaublicher Nonsens. Wir lassen auch keine Sechsjährigen Auto fahren.

 

Aber die Politiker empfehlen doch keine Killerspiele, sondern Lernspiele...

Kein Zehnjähriger will eine PlayStation, um damit Vokabel zu lernen. Damit wird geballert. Aber in einer Empfehlung des Gesundheitsministers zur Mediennutzung von Kindern kommt x-mal „PlayStation“ vor – das ist Werbung für Sony. Und es heißt: Manche machen es, manche nicht, und entsprechend gibt es Unterschiede in der Medienkompetenz. Es gibt null Studien, die so etwas behaupten! Aber Eltern, die das lesen, denken: Ein inkompetentes Kind will ich ja nicht haben, deshalb kaufe ich ihm eine PlayStation. Damit verschenken sie erwiesenermaßen schlechte Noten und Schulprobleme. Das ist skandalös!

Digitale Medien sind besser als Fernsehen. Ich lasse mich nicht berieseln, wähle Inhalte, kommuniziere, bestimme bei Spielen die Handlung.

Richtig: Wenn Sie beim Abknallen aktiver eingreifen, gibt es mehr Punkte. Aktiv Fehlverhalten einüben ist noch schlechter, als es passiv zu betrachten. Multitasking ist nichts anderes als eine Aufmerksamkeitsstörung. Und reale Kommunikation ist nachhaltiger als ihr Abklatsch im Netz. Beim Chatten fehlen Mimik und Gestik des Gegenübers.

Dafür gibt es längst Webcam und Skype...

Da haben Sie immer noch etwas weniger. Warum treffen wir uns in einem Kaffeehaus, statt zu skypen? Das hat doch einen Grund!

Mail, Chat und SMS: Jugendliche schreiben heute vermutlich mehr als je zuvor. Ist das nicht toll?

Manche Sprachforscher sagen, dass die Codes, die Jugendliche da verwenden, durchaus differenziert sind. Ich bin da skeptisch. Man kann zwar per Knopfdruck „Wow“ oder „Autsch“ sagen, aber eine differenzierte Schilderung meines subjektiven Erlebnisstroms ist da nicht geplant.

Schwarmintelligenz hilft, kollektives Wissen gemeinsam effizienter zu verarbeiten.

Ist es effizient? Wenn es darum geht, wie viel ein Ochse wiegt, komme ich mit aggregiertem Wissen weiter als ein einzelner Experte– einverstanden. Aber heute geht es doch um die Erfassung sehr komplexer Probleme. Das kann ein Schwarm, der irgendwann einmal etwas herausblökt, gar nicht leisten.

Träumen Sie von einer Welt ohne TV und Web?

Sicher nicht. Ich bin kein Medienhasser. Ich bediene auch keine ältere Klientel, die Angst vor allem Neuen hat. Aber ich weise als Arzt auf Nebenwirkungen hin. In den USA ist die Hälfte der Medienforscher Pessimisten. Bei uns ist offenbar die Lobby erfolgreicher.

Auf einen Blick

Manfred Spitzer (54) ist ein deutscher Hirnforscher und Psychiater. Bekannt wurde er durch die Fernsehserie „Geist und Gehirn“ und populärwissenschaftliche Bücher. Sein Versuch, aus der Hirnforschung Schlüsse für das richtige Lernen zu ziehen, ist umstritten. Mit seinem neuen Buch, „Digitale Demenz“, zog er sich den Zorn vieler Medienforscher zu. [Droemer]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2012)

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