Wien. Der weltweit größte Internethändler Amazon greift mit neuen Tablet-Computern seinen Rivalen Apple frontal an. In der Nacht auf Freitag präsentierte Amazon in den USA die mit Spannung erwarteten neuen Versionen des „Kindle Fire“. Anders als bei den bisherigen Lesegeräte von Amazon kann man damit nicht nur elektronische Bücher herunterladen, sondern auch Filme sehen, im Internet surfen, E-Mails beantworten und über die eingebaute Kamera Fotos machen.
Der neue „Kindle Fire HD“ hat fast die gleichen Funktionen wie das iPad von Apple, er ist aber wesentlich billiger. Denn im Gegensatz zu Apple verzichtet Amazon darauf, mit dem Verkauf der neuen Geräte viel Geld zu verdienen. Dem Konzern geht es darum, den Kunden später Inhalte wie elektronische Bücher, Filme und Musikstücke gewinnbringend zu verkaufen. Amazon hofft, dass nun viele iPad-Nutzer auf den Kindle umsteigen.
Österreich: Bitte warten
Interessierte in einigen europäischen Ländern können die Amazon-Tablets im Internet bereits bestellen, die Auslieferung soll ab 25. Oktober erfolgen. In Deutschland werden seit Freitag Bestellungen entgegengenommen. Kunden in Österreich haben dagegen das Nachsehen. Wer eine österreichische Versandadresse angibt, erhält die Meldung: „Kindle Fire HD kann nicht an die ausgewählte Adresse versandt werden.“ Österreicher können weiterhin nur die alten Amazon-Lesegeräte mit dem Schwarz-Weiß-Display kaufen. Ob und wann die neuen Produkte auch nach Österreich verschickt werden, ist unklar.
Amazon ist kein Einzelfall. Im August startete die Internetsuchmaschine Google in Deutschland mit einem Filmangebot. Über den Google Playstore besteht in Deutschland nun die Möglichkeit, Spielfilme in voller Länge anzusehen. Dies gilt als Vorstufe für den neuen „Google TV“-Dienst. Im Herbst sollen dafür eigene Geräte auf den Markt kommen. Schließt man diese an den Fernseher an, kann man damit im Internet surfen, Filme ansehen und verschiedene Apps herunterladen.
Später sind auch Fernsehgeräte geplant, die „Google TV“ direkt integriert haben. Doch ähnlich wie beim neuen Amazon-Kindle müssen sich Kunden in Österreich in Geduld üben. Denn das Google-Filmangebot ist bei uns vorerst nicht verfügbar.
Große Länder haben Priorität
Dies hängt mit der komplizierten Lizenzvergabe für Filme und Musikstücke zusammen. Anders als in den USA ist man in Europa von einem einheitlichen Lizenzsystem weit entfernt. Derzeit gilt die Regel, dass Hollywood-Studios für jedes europäische Land eine eigene Lizenz vergeben. Auch die Preise sind unterschiedlich.
Daher konzentrieren sich internationale Konzerne wie Amazon zunächst auf große Länder wie Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Kleine Länder wie Österreich haben für sie keine Priorität. In der Vergangenheit hat es relativ lange gedauert, bis solche Angebote auch in Österreich erhältlich waren. Eine Ausnahme ist Apple. Über den iTunes-Store von Apple können Kunden in Österreich schon jetzt Filme ansehen. Allerdings ist das Angebot von Apple in Österreich nicht so groß wie in anderen Ländern.
In der EU gibt es seit Längerem Bemühungen, ein einheitliches Lizenzsystem zu schaffen. Doch die Behörden in Brüssel stoßen hier auf erbitterten Widerstand der Filmindustrie. „Ich glaube nicht, dass sich hier bald etwas ändern wird“, sagt Medienrechtsexperte Thomas Höhne von der Kanzlei Höhne, In der Maur und Partner, zur „Presse“. Würde Brüssel beispielsweise vorschreiben, dass nur noch paneuropäische Lizenzen vergeben werden dürfen, wäre das ein massiver Eingriff in die Rechte der Filmindustrie.
Von paneuropäischen Lizenzen würden in erster Linie große internationale Konzerne wie Amazon und Google profitieren. Daneben gibt es auch kleinere Anbieter wie beispielsweise den TV-Kabelnetzbetreiber UPC, der nur in einigen europäischen Ländern wie in Österreich tätig ist. Über „Video on Demand“ können UPC-Kunden auch Filme abrufen. UPC hat eine eigene Lizenzabteilung in London, die mit allen wichtigen Filmstudios Verträge aushandelt. In weiterer Folge werden dann Länderverträge geschlossen, die speziell auf die verschiedenen UPC-Märkte zugeschnitten sind.
Amazon bringt neue Tablet-Computer auf den Markt und macht damit Apple Konkurrenz. Im Gegensatz zu den bisherigen elektronischen Lesegeräten von Amazon verfügt der neue „Kindle Fire HD“ über deutlich mehr Funktionen. Die Amazon-Geräte sind auch billiger als das iPad von Apple. Anders als in Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind die Amazon-Geräte in Österreich vorerst nicht verfügbar. Dies hängt mit dem Lizenzsystem für elektronische Inhalte zusammen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)
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