Wien. Groß geworden ist YouTube mit kurzen, wackeligen Amateurvideos seiner Nutzer. Reich werden will die Plattform nun aber mit professionellen Inhalten. Noch im Oktober bringt die Google-Tochter 60 eigene Spartenkanäle aus Europa an den Start. Elf davon in deutscher Sprache.
Ganz neu ist die Idee nicht. In den USA hat YouTube den Angriff auf den Fernsehmarkt schon vor einem Jahr gestartet. Hundert sogenannte „Original Channels“ sollen die Zuseher dort von den klassischen TV-Kanälen auf die Online-Plattform lotsen – und den Werbekunden damit ein passendes Umfeld bieten. Die potenzielle Zahl der Seher ist angesichts von vier Milliarden Seitenaufrufen täglich enorm. Nun soll das Premium-Angebot um 60 Kanäle aus Europa erweitert werden. Gefüllt werden sie einerseits von TV-Größen wie der BBC, Endemol oder dem britischen Koch Jamie Oliver. Andererseits haben auch junge Filmemacher Deals mit YouTube geschlossen. So steuert etwa die Berliner Band „Onkel Bertie“ eine eigene Late Night Show bei.
Die Zeit für den Sprung auf den Fernsehschirm war für YouTube nie besser. Mittlerweile sind fast alle handelsüblichen TV-Geräte internetfähig, das Programm kann also wie gehabt von der Wohnzimmer-Couch aus konsumiert werden. Und: Dank der digitalen Filmtechnik ist es heute so günstig wie nie, professionelle Videos zu produzieren.
Weiße Flecken auf TV-Landkarte
Google sucht nun nach „weißen Flecken“ auf der TV-Landkarte, um diese mit eigens produzierten Inhalten zu besetzen – und nebenbei endlich Geld aus den Millionen an Nutzern zu schlagen. Der Internetkonzern hat YouTube 2006 um 1,6 Mrd. Dollar gekauft und seitdem keinen Cent verdient. Stattdessen investierte Google in Summe hundert Millionen Dollar, um YouTube mit den „Original Channels“ den entscheidenden Schub nach vorn zu verschaffen. Die ersten beiden Jahre greift der Internetriese den Videoproduzenten finanziell unter die Arme. Dann müssen auch sie auf eigenen Beinen stehen.
YouTube kommt allerdings schon relativ spät auf den digitalen Fernsehmarkt. Mittlerweile bieten alle möglichen Firmen, von Kabelnetzbetreibern über Mobilfunkanbieter bis zu Hardwareherstellern, eigene Online-Videotheken an. In den USA sorgt der Platzhirsch Netflix allein für ein Fünftel des gesamten Datenaufkommens im Internet. Im Gegensatz zur Konkurrenz will YouTube seine Premium-Inhalte auch künftig kostenlos anbieten. Geld verdient die Plattform mit vorgeschalteten Werbeclips, die Nutzer auch überspringen können. Der Vorteil für die Werber: Anders als im Fernsehen kann die Zielgruppe treffsicherer bearbeitet werden. Nach einer GfK-Studie – im Auftrag von Google – wirkt Werbung auf YouTube tatsächlich stärker als herkömmliche TV-Clips.
Darauf müssen auch die neuen Produzenten bauen. Denn nach zwei Jahren ist die Anschubfinanzierung durch YouTube vorbei. Dann zieht das Portal, das 2011 zwar einen Milliardenumsatz, aber keinen Gewinn erzielt haben soll, Bilanz: Wer bis dahin genug Abonnenten hat, kassiert mehr als die Hälfte der Werbeeinnahmen und braucht keine Unterstützung mehr aus den USA, so die Rechnung. Für alle anderen ist dann Endstation.
Pro Minute füllen YouTube-Nutzer die Plattform derzeit mit 72 Stunden (Amateur-)Videomaterial.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)
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