Big Brother Awards: Preisträger und Nominierte 2012

Seit 1999 werden in Österreich die Big Brother Awards verliehen. Den Preis erhalten Personen, deren Engagement besonders dazu beiträgt, die Überwachung der Bevölkerung zu stärken und den Datenschutz zu untergraben. Nominiert waren heuer je drei Kandidaten in diesen fünf Kategorien:
  • Weltweiter Datenhunger
  • Kommunikation und Marketing
  • Politik
  • Business und Finanzen
  • Behörden und Verwaltung
Die fünf nicht ganz so begehrten Trophäen wurden am Donnerstagabend bei einer Gala im Rabenhof Theater verliehen.(c) Presse Digital (Günter Felbermayer)

Weltweiter Datenhunger

Was wäre ein Datenschutz-Pranger ohne Google? Larry Page, Chef des Internetriesen, räumte den Preis in der Kategorie "Weltweiter Datenhunger" ab, da Google seit März die Nutzerdaten aller seiner verschiedenen Dienste unter ein Dach sammelt. Für die Organisatoren ist das bedenklich, auch die EU sieht eine Verletzung des Datenschutzes.(c) AP (Paul Sakuma)

Weltweiter Datenhunger

Während die EU-Datenschützer gegen Datensammler kämpfen, will Vize-Kommissionschef Antonio Tajani diesen Kampf untergraben, was ihm eine Nominierung einbrachte. Es scheint jedenfalls Big-Brother-Award-würdig, dass das Überwachungsprojekt INDECT (intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment) von ihm unterstützt wird. Dabei werden alle verfügbaren Daten über EU-Bürger inklusive Videoüberwachungsdaten gesammelt und verknüpft werden. Daraus soll INDECT mögliche Straftaten voraussagen, noch bevor sie begangen werden. Natürlich nur zu unserem Schutz.

Weltweiter Datenhunger

Länder, deren Bürger ohne Visum in die USA einreisen, müssen ein PCSC-Abkommen (Preventing and Combating Serious Crime) unterzeichnen. Österreich ist unter US-Drohungen eingeknickt und hat einen deutlich lascheren Vertrag über den Austausch von Datensätzen mit US-Behörden beschlossen. Diese erhalten Zugriff auf DNA- und Fingerabdruckdatenbanken des Innenministeriums und die Verbrecherkarteien der Polizei. Federführend für die Aushandlung des Abkommens: Außenminister Michael Spindelegger. Daher die Nominierung.(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Kommunikation und Marketing

Die ÖBB spielen "Aktenzeichen XY ungelöst". Seit einiger Zeit werden Steckbriefe und vermisste Personen auf die Infoscreens in Bahnhöfen projiziert. Eine Verbesserung der Fahndungserfolge soll bisher nicht erkennbar sein. Die Veranstalter nominierten daher zunächst die ÖBB, die allerdings die Verantwortung für das Projekt zurückwiesen. Betrieben werden die Screens nämlich von der Firma Digilight, die daher die Nominierung freiwillig übernommen und nun auch den Preis "gewonnen" hat.(c) APA (Roland Schlager)

Kommunikation und Marketing

Früher wurde im Zinshaus an der Bassena über unliebsame Mitbewohner gelästert. Die Plattform "Mietnomadencheck" bietet das gleich für alle Nutzer des Portals einsehbar im Internet. Die Mieter bekommen nicht einmal mit, dass ihre Daten gesammelt werden. Offiziell sollen nur Mieter erfasst werden, die säumige Zahler sind. Dass aber auch welche hinein kommen, die einfach nur Missstände anprangern wollen, ist nicht ausgeschlossen. Daher wurden die Mietnomadencheck-Betreiber Alexander Erhart und Michael Pucher für den Preis nominiert.(c) Presse Print (FABRY Clemens)

Kommunikation und Marketing

Eigentlich meint es Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou ja nur gut. WLAN für alle ist ja auch ein verlockendes Angebot. Allerdings müssen sich alle Nutzer vorher mit ihrer Handynummer registrieren. Damit soll Missbrauch vermieden werden. Damit sind aber auch Surfverhalten, IP-Adresse und Handy-Nummer mit einander verbunden.(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Politik

Eine Abstimmung über Datenschutz zu verpassen, ist für den Vorsitzenden des Datenschutzrates eigentlich ungewöhnlich. Johann Maier (SPÖ), der diesen Posten bekleidet, ist aber genau das passiert. Wegen eines "menschlichen Bedürfnisses", wie es bei den Award-Initiatoren heißt. Die verbliebenen SPÖ- und ÖVP-Abgeordneten stimmten dann für die Vorratsdatenspeicherung. Maiers "menschliche Bedürfnisse" wurden nun mit einem Big Brother Award entlohnt.(c) BKA (Livio Srodic)

Politik

"Clean IT" klingt eigentlich nach einer eleganten und sauberen Programmierlösung. Es handelt sich aber um ein europaweites Überwachungssystem, bei dem "Regierungen, Strafverfolger, NGOs und Internetprovider "ein "automatisches Ermittlungssystem einsetzen", damit als terroristisch eingestufte Websites automatisch blockiert oder vom Netz genommen werden. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner scheint davon begeistert, genau wie EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström (rechts im Bild).(c) EPA (IMRE FOLDI)

Politik

Und schon wieder Johanna Mikl-Leitner, diesmal im Gespann mit Justizministerin Beatrix Karl. Die Nominierung für den Politik-Big-Brother haben sich die beiden Ministerinnen für die umstrittene Novelle des Sicherheitspolizeigesetzes eingehandelt. Demnach können Überwachungen per Peilsender, verdeckten Ermittlern, Bild- und Tonaufnahmen oder der Analyse von Facebook-aktivitäten durchgeführt werden.(c) REUTERS (LISI NIESNER)

Business und Finanzen

Die elektronische Gesundheitsakte ELGA hat Diskussionen ausgelöst, seit sie angedacht wurde. Der "gläserne Patient" werde nun Wirklichkeit, befürchteten Kritiker. Stimmt, sagen die Big-Brother-Award-Organisatoren. Firmen wie IMS Health würden Gesundheitsdaten von 260 Millionen Patienten auswerten, um damit etwa Pharmakonzernen zu helfen. Der zuständige Österreich zuständige Manager von IMS Health, Frank Wartenberg hat nun einen Big Brother Award in der Tasche.(c) APA/HARALD SCHNEIDER (HARALD SCHNEIDER)

Business und Finanzen

Die International Federation of the Phonographic Industry (IFPI), der Verband der Musikindustrie, ist seit jeher für ihre positive Haltung zu Internetsperren bekannt. Obwohl es inzwischen etliche Hinweise darauf gibt, dass versierte Nutzer Websperren recht einfach aushebeln können, hält die IFPI an der umstrittenen Maßnahme fest, um "Raubkopierern" und "Online-Piraten" das Handwerk zu legen, und lobbyiert eifrig dafür. Daher wurde der österreichische IFPI-Vertreter Franz Medwentisch nominiert.(c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)

Business und Finanzen

Bargeldloses Zahlen ist dank Bankomat und Kreditkarte längst Realität. In Zukunft soll das Handy beide noch ablösen. Die Raiffeisen Bank International hat bereits ein Projekt für Funkbezahlung gestartet. Würdig für den Big Brother wird dabei erachtet, dass Bezahlvorgänge sogar ohne PIN-Eingabe durch reines Berühren des Handys mit der Kassa durchgeführt werden könnten. Da freuen sich technisch versierte Diebe, die mit entsprechenden Gegenstellen in der Hosentasche durch Menschenmengen drängen und so den einen oder anderen Euro abbuchen. Gerhard Kubu ist bei der RBI der Leiter der Sparte CardService und wurde damit für den Big Brother Award nominiert.(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Behörden und Verwaltung

Mehr direkte Demokratie ist etwas Feines. Seit Ende 2011 können Petitionen direkt über die Parlaments-Website unterstützt werden. Allerdings wird dafür ein Dienst von Google eingesetzt. Damit sollen (so die Organisatoren des Awards) alle Daten darüber, wer welche Petition oder Bürgerinitiative unterstützt, in die USA geschickt werden. Das reichte für die Verleihung des Big Brother Awards an Nationalratspräsidentin Barbara Prammer.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Behörden und Verwaltung

Wer ständig gesund ist, kostet weniger als ein chronisch Kranker. Dieser Schlussfolgerung folgte ein Vorschlag, der ein Bonus/Malus-System für SVA-Patienten andachte. Die Maßnahme ist freiwillig, wer aber nicht mitmacht, erhält keine Reduktion der Beiträge. Als Präsident der SVA wurde daher Christoph Leitl nominiert, genauso wie der stellvertretende SVA-Obmann Peter McDonald, der mit der Maßnahme seine Versicherten "zu einem gesünderen Lebensstil" motivieren will.(c) APA/NEUMAYR/MMV (NEUMAYR/MMV)

Behörden und Verwaltung

Smart Meter sollen den Kunden helfen, Strom zu sparen und den Verbrauch besser zu kontrollieren. Für das Big-Brother-Award-Team sind sie aber "Schnüffelzähler". Bis 2019 sollen alle 5,5 Millionen mechanischen Zähler durch Smart Meter ersetzt werden. Verbrauchsdaten können drei Jahre lang auf Vorrat gespeichert werden. Genug für eine Nominierung der E-Control-Vorstände Walter Boltz und Martin Graf. Im Bild zu sehen: Widerstand gegen Smart Meter in den USA.(c) AP (David J. Phillip)

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.