Netzprosa: Hier schreibt die Generation Twitter

02.04.2013 | 18:29 |  ANNA-MARIA WALLNER (Die Presse)

Die Bloggerin Clara Hitzel erzählt als Ada Blitzkrieg von ihrer Kindheit in den Neunzigern. Ihr Text „Dackelkrieg“ offenbart Gespür für erzählerische Raffinesse und Zynismus, vor allem aber bedingungslose Egozentrik.

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Ihre Katze heißt Alf – und das verrät schon einiges: Wir befinden uns in der Lebenswelt einer Endzwanzigerin, die irgendwo zwischen Frankfurt und Köln, jedenfalls aber mit TV-Anschluss, aufgewachsen ist und ihre Katze mehr aus Zynismus denn aus Nostalgie nach ihrem einstigen Serienhelden benannt hat. Zur Erinnerung: Alf, so hieß das zottelige, aber liebenswürdige Monster, das bei den Tanners in der Garage lebte und Katzen zum Fressen gern hatte.

Fuchuraus Michael Endes „Unendlicher Geschichte“, die TKKG-Detektive, die Tiere aus Disneys „König der Löwen“ – das waren die Identifikationsfiguren aus Ada Blitzkriegs Kindheit. Darauf folgte eine Jugend mit zu viel Konsum von RTL und Saurem Apfel sowie „Sturmfreipartys in den Häusern unserer nichts ahnenden Eltern, die gerade auf Mallorca oder in Kenia irgendwas mit Erholung und Halbpension durchzogen“. Heute ist Ada Blitzkrieg 27, lebt in Berlin, und auch wenn sie nicht mehr zu den Digital Natives gehört, bewegt sie sich wendig in der digitalen Welt. Lustig macht sie sich natürlich trotzdem über sich und ihre Generation. So muss sie ständig auf ihr „Unsmartphone“ starren, außer sie will „den Anschein erwecken, irgendwie auch in diesem geselligen Real Life zu existieren“. Und eine Generation, die wie ihre mit dem Internet groß geworden ist und schon einmal die Kommentare auf „Spiegel Online“gelesen hat, könne nicht an einen Gott glauben.

 

„Blitzkrieg der Worte“ – ungefiltert

Ada Blitzkrieg heißt eigentlich Clara Hitzel. Den Vornamen ihres Pseudonyms hat die Bloggerin und Texterin von ihrem Bruder übernommen, der sie als Kleinkind so nannte. Der Nachname, so erklärt Hitzel per E-Mail selbst, beziehe sich „selbstverständlich nicht auf deutsche Untaten im Dritten Reich, sondern auf den Blitzkrieg der Worte. Ungefiltert und schnell.“ Ungefiltert, so liest sich auch ihr 80 Seiten langer Text „Dackelkrieg – Rouladen und Rap“, den sie kürzlich im Eigenverlag veröffentlicht hat. Dass sie schon davor laut Eigenbeschreibung „eine der bekanntesten deutschen Twitterinnen“ war, hätte uns auch ihre Schreibe verraten. Viele ihrer Sätze lesen sich wie sorgfältig komponierte Tweets, also pointierte, aber nicht besonders relevante Beobachtungen mit 140 Zeichen: „Ich fürchte nichts mehr als die Leere. Das Internet scheint mich immer füllen zu können.“ Eine Melone, die auf einem schwarzen Kassaband liegt, erscheint ihr „wie ein kleiner Catwalk aus Gummi für Lebensmittel“. Dabei drehen sich die elf kurzen Kapitel in „Dackelkrieg“ um nichts anderes als die Person Ada Blitzkrieg. Einen Erzählstrang gibt es nicht. Am Ende bleibt das Gefühl, man war Zuhörer einer therapeutischen Sitzung, in der unzählige Assoziationen und Beobachtungen aneinandergereiht wurden. Warum das dennoch lesenswert ist? Weil Ada Blitzkrieg bei all der Egozentrik ein Gespür für sprachliche Feinheiten und Beobachtungsgabe hat.

Kein Wunder, dass die deutsche Autorin Sibylle Berg eine Wortspende zu Blitzkriegs Roman „Dackelkrieg“ auf der Homepage beisteuerte. In manchen Passagen kommt die junge Autorin der erfahrenen Schreiberin mit ihrem bitteren Blick auf den Alltag sehr nahe. Wenn Hände „kadaverartige Tiefkühlware in den dicken Bäuchen der Kühltruhen“ befühlen und es „dackelförmige Hagelkörner in Kleinwagengröße auf Ameisen und Tulpen der Kleinstadthölle“ regnet. So verändert sich das Autorendasein: Bei Sibylle Berg waren die Bücher lang vor den 28.000 Followern, bei Ada Blitzkrieg und ihren 17.000 Folgsamen ist das umgekehrt.

Erhältlich auf textkrieg.de um 3,99 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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1 Kommentare

Oh Gott, …

… dass klingt ja schon beim Lesen der Rezension total langweilig und nach reiner Zeitverschwendung.

Wenn wir uns leer fühlt, dann weil uns die Medien zu dröhnen und uns die uns eigene innere Fülle austreiben. Diese Leere mit noch mehr Informationsüberfluss füllen zu wollen ist Realitätsverlust.

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