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US-Herrschaft über das Internet in der Kritik

21.02.2008 | 13:51 |   (DiePresse.com)

Bei der Vergabe von Top Level Domains wie ".com" oder ".at" geht ohne die USA nichts. Obwohl sie das nie missbraucht haben, wollen Chinesen oder Russen die US-Kontrolle nicht länger hinnehmen.

Auf Knopfdruck alle Webseiten mit der Endung ".at" abzuschalten, ist ein Problem. Allerdings nur für Hacker, nicht für die US-Regierung, kritisieren Experten die derzeitige Verwaltung des weltweiten Computernetzes durch die von den Vereinigten Staaten kontrollierte Organisation ICANN.

"Als erst ein bis zwei Millionen Menschen im Internet gesurft sind, zeigten die Regierungen noch wenig Interesse. Aber die USA haben nicht zugeschaut und mit ICANN für einen institutionellen Rahmen gesorgt. Jetzt ist das ein Thema mit viel Sprengstoff", erklärte Wolfgang Kleinwächter, Professor für Internetpolitik und Mitglied des Internet Governance Forum (IGF) der Vereinten Nationen, gestern, Mittwochabend, bei einem Pressegespräch.

Der Streit seit Jahren

Der Streit um die Kontrolle über die Internet-Verwaltung zieht sich schon seit Jahren. Auf dem Weltinformationsgipfel in Tunesien im November 2005 wurde dennoch beschlossen, dass die ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) ihre Kernaufgaben weiter erfüllen soll.

"Die Chinesen und Russen waren allerdings anderer Ansicht", berichtete der Professor. Seitdem habe sich nicht viel getan. In der aktuellen Situation könnte beispielsweise niemand Einspruch erheben, wenn der Kosovo eine eigene Domain beantragen würde, so Kleinwächter im Vorfeld des Internet-Kongresses "Domain pulse", der von 21. bis 22. Februar in Wien stattfindet.

Zwar könnten die Vereinigten Staaten eine Störung oder Modifizierung der Internet-Adressen auslösen, die USA hätten dies aber noch nie missbraucht - weder bei Konflikten mit Afghanistan oder dem Irak. Ob beispielsweise Indien darauf verzichten würde, Druck auf Pakistan auszuüben, sei fraglich.

ICANN: Gegen einen Domain-Basar

Ein politischer Basar wäre eine Katastrophe. Darum sagen viele: Besser die Kontrolle geht von den USA aus als von anderswo", erklärte Kleinwächter die Position der ICANN-Befürworter.

Der Vorschlag der EU-Kommission, auf ein Kooperationsmodell umzustellen, sei "in die Hose gegangen". Vor der Wahl eines neuen Präsidenten in den USA wäre es aber ohnehin zwecklos, auf Veränderungen zu drängen. Kleinwächter geht davon aus, dass die "omnipotente Rolle" der Vereinigten Staaten durch eine neue Regierung zumindest abgeschwächt wird; eine harte Haltung könnte Gegenreaktionen provozieren.

Probleme der Zukunft...

Zwei anstehende Veränderungen würden dieses Thema noch brisanter machen und massive Auswirkungen auf die Internet-Welt haben: Die Zahl der sogenannten Top Level Domains (TLDs) wie ".com" könnte explodieren, weil mittelfristig Tausende neue TLDs - etwa ".asia" oder ".wien" - eingeführt werden sollen. Außerdem sind Internet-Adressen auch in chinesischer, arabischer oder persischer Schrift geplant.

Dadurch würden sich aber politische Schwierigkeiten ergeben, glaubt Kleinwächter. "Über Internet-Adressen mit chinesischen Buchstaben entscheiden dann die Vereinigten Staaten, da die Server unter Kontrolle der US-Regierung stehen." Sollten einzelne Länder die Sache selbst in die Hand nehmen und ein eigenes System einführen, könnte das Internet in verschiedene Sprachräume zerfallen. Außerdem würde dadurch einer möglichen Zensur Tür und Tor geöffnet.

...gegen Strukturen der Vergangenheit

Nach Meinung von Kleinwächter ist eine neue Form der Zusammenarbeit von Internetwirtschaft, Regierungen und Zivilgesellschaft notwendig. "Wir müssen etwas Neues erfinden, das nicht auf Hierarchien, sondern auf Dezentralisierung aufbaut." Denkbar sei die Aufteilung der Zuständigkeiten bei gleichzeitiger Vernetzung der Akteure, wobei die Regierungen Regeln für Notfälle beisteuern. "Die Probleme der Zukunft können nicht mit Strukturen der Vergangenheit gelöst werden. Da müssen manche von ihrem hohen Ross herunter", so der Experte.

Zum Kongress "Domain pulse" werden rund 300 Vertreter von IT-Unternehmen, Internet Service Providern und internationalen Organisationen erwartet. Themen sind neben der Vormachtstellung der USA beispielsweise die Vorratsdatenspeicherung und Internet-Sicherheit. Organisiert wird die Veranstaltung von nic.at, der österreichischen Registrierungsstelle für ".at"-Domains.

(Ag.)

Die ICANN und die Top Level Domains
Von einer Kleinstadt an der Küste Kaliforniens aus agiert eine Organisation, die gelegentlich auch als "Weltregierung des Internets" bezeichnet wird: Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, kurz ICANN. Sie hat die Form einer Non-Profit-Organisation und ist der US-Regierung unterstellt. Die zentrale Aufgabe der ICANN ist die Vergabe und Verwaltung von Top Level Domains, also von Internet-Adresskürzeln wie ".com" oder ".at".

Der Begriff Top Level Domain bedeutet so viel wie "Bereich oberster Ebene". Diese "obersten" Domains sind für die Internet-Adressen ganzer Staaten von herausragender Bedeutung. Allerdings spielt die internationale Staatengemeinschaft in der ICANN und bei der Vergabe der Domains nur eine Randrolle - ein Machtfaktor der USA, der seit Jahren kritisiert wird.


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3 Kommentare
 
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Von Gast: TB am 22.02.2008 um 13:06

Das ist aber lustig..

"..sollten einzelne Länder die Sache selbst in die Hand nehmen und ein eigenes System einführen, könnte das Internet in verschiedene Sprachräume zerfallen. Außerdem würde dadurch einer möglichen Zensur Tür und Tor geöffnet...", und wenn die USA das Monopol haben wird es nie Zensur geben? Wenn die USA auf Knopfdruck z.b. alle .at abschalten können ist das wohl toll?!?
Gerade Staaten oder Regierungen sollen sich aus dem Internet raushalten und alle Anstrengungen in diese Richtung müssen unternommen werden.


Von Peregrin am 21.02.2008 um 17:21

Nicht reden, sondern machen

Jeder kann DNS-Server aufsetzen und beliebige Namen aufloesen. Die muss man nur entsprechend bewerben, damit dort auch jemand anfragt. Es waere natuerlich ein unfreundlicher (und verwirrender) Akt, bereits vorhandene Domaenen nochmals zu vergeben, aber da kann man sich ja einen Claim aus noch nicht vergebenen Domains abstecken. "Russland und China" waeren schon gross genug, um das durchzuziehen, ebenso die EU. Aber da brauechte man halt praktische Menschen am Ruder und nicht inkompetente Schwaetzer, wie sie leider bei uns das Sagen haben.

Antworten Von Oesterreicher am 22.02.2008 um 07:30

eigener DNS-Server

Das stimmt nur eingeschränkt. Natürlich kann jeder einen eigenen DNS-Server aufsetzen (und genügend machen das für private Netze auch), aber jeder DNS-Client geht davon aus, dass alle Nameserver in einem hierarchischen Verband sind. Wenn ich meinen eigenen Nameserver nicht in diesen Verband integriere, komme ich nur noch zu den Adressen, die mein DNS (und die an mich angeschlossenen) definieren. Dann kommt der im Artikel angesprochene Zerfall des Internets in verschiedene Sprachräume, der tatsächlich nicht sinnvoll ist.

Generell ist aber schon bei aller Kritik an den USA festzuhalten, dass das auch geschichtlich begründet ist: Das Internet war ursprünglich das Computernetz der US-Armee. Damit ist klar, dass die USA eine "Vormachtstellung" haben. Und diese der UNO zu überlassen, wäre Augenauswischerei.

Beheben könnte man die Situation nur mit einem neuen DNS-System, aber daran arbeitet imho noch niemand.

 
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