Suche nach der Moral des WWW

Tim Berners-Lee erfand das World Wide Web und hatte die Vision des Semantic Web. Es war eine moralische Vision. Wie es mit der Moral in der Realität des Internet steht, wurde der Philosoph Herbert Hrachovec gefragt.

Zersplitterung in Frankreich und der Schweiz viele miteinander inkompatible Netze, die es dem englischen Physiker Timothy John Berners-Lee angetan hatten. 1989 schlug er daher ein Projekt vor, das den weltweiten Austausch von Informationen zwischen Wissenschaftlern vereinfachen sollte. Für dieses Projekt "erfand" Berners-Lee die Seitenbeschreibungssprache HTML, den ersten Browser, den er World Wide Web nannte, und den ersten Webserver – das war die Geburtsstunde des damals noch gar nicht weltweiten Web.

Keine Patente

Entscheidend war für Berners-Lee, die Ideen und technischen Umsetzungen nicht paten­tieren zu lassen, sondern frei weiterzugeben. Damit ebnete er den Weg zum Prinzip des World Wide Web Consortium (W3C), dessen Direktor er heute ist. In seinem Buch "Weaving The Web" (deutsch: "Der Web-Report", 1999) hob er Dinge hervor, die inzwischen als Regeln akzeptiert sind: Das Web editieren zu können, ist genauso wichtig, wie durch das Web zu browsen (Beispiele dafür sind Wikis). Die Bereiche des Internets sollten eher ­eine Netz- denn ­eine Baumstruktur haben. Ausnahmen sind das System der Domain-Namen, DNS, und die Regeln für deren Vergabe durch die Internet-"Behörde" ICANN. Die wichtigste Regel: Informatiker tragen nicht nur ­eine technische, sondern auch ­eine moralische Verantwortung.

Mensch und Maschine

Mit dieser und mit vielen anderen Fragen rund um die neuen Medien beschäftigt sich seit langem auch Herbert Hrachovec, heute stellvertretender Vorstand des Instituts für Philosophie an der Universität Wien. Vor mehr als zwei Jahrzehnten entstand sein Artikel "Man And Semantic Machines". Hrachovec erinnert sich: "Damals war die Künstliche-Intelligenz-Forschung sehr prominent. Man fragte sich, ob (oder wann) es möglich sei, die menschliche Fähigkeit, sinnvolle Sätze zu produzieren, maschinell nachzubilden." Die Ausrichtung sei prinzipiell gewesen. Durch die Internetentwicklung seien andere Aspekte der Mensch-Maschine-Beziehung in den Vordergrund getreten.
"Global vernetzte Computer sind bedeutend unübersichtlicher als jene Geräte, die man sich früher als ­Rechenautomaten vorstellte", meint Hrachovec. "Soziale Interventionen – Viren zum Beispiel – haben einen Einfluss gewonnen, der die planbaren Abläufe konterkariert." Die ursprüngliche Unbekümmertheit im Entwurf des Internet-Mail-Protokolls "hat zu endlosen Spam-Kaskaden geführt: Es ist eine Protokollkonvention und keine Maschineneigenschaft, die die Kontrolle unmöglich macht." Insofern, betont der Philosoph, ­"sehen wir heute deutlicher, dass auch die mit Hilfe von Maschinen transportierte Semantik in gesellschaftliche Prozesse eingebettet ist".
Nach der Aufgabe der Philosophie in diesem techniklastigen Umfeld gefragt, wehrt Hrachovec ab: "Der Eindruck, eine Entwicklung sei technik­lastig oder kulturlastig, hängt vom jeweiligen Standpunkt ab." Es gehe nicht um Rettungsaktionen in einer Sturmflut oder bei einem Erdbeben. Und man müsse auch nicht "Bedrohungsszenarien" wie Datenschutzverletzung gegensteuern: "Wir sind nicht in eine dramatische weltweite Verfolgungsjagd verstrickt, in der sich Geisteswissenschaftler als ­Kapitäne betätigen."

Viele Zukünfte

Auch die Frage nach der Zukunft in der Vielfalt von Web 2.0 und 3.0 sieht Hrachovec philosophisch: "Es gibt so viele Zukünfte ... sagen wir zumindest drei: die nächste Überraschung, die nächste Herausforderung und die große Frage ,Worauf läuft das alles hinaus?‘."
Frage eins sieht Hrachovec bei Trendforschern am besten aufgehoben. "Zweitens ziehe ich die Konsequenzen aus dem bisher Gesagten. Es ist nicht so, dass wir im Lehnstuhl sitzen und warten. Was kommt, bestimmt sich in der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit den technischen Vorgaben innerhalb verschiedener Gesellschaftssysteme. Dazu ist beides beim Wort zu nehmen, die Errungenschaften der Maschinensteuerung und die Umstände, in denen wir uns ihrer bedienen."
Der breite Weg sei die Arbeitsteilung, "in der die Vertreter der getrennten Lager einander Komplimente und Schimpfworte zurufen". Schmaler sei der Durchgang zu Fragestellungen, an denen mehrere Fachrichtungen mitwirken können. Und schließlich: "Semantik, die Lehre von der Bedeutung, ist dabei gut platziert. Nehmen Sie eine Fehlermeldung, sie ist unverständlich und/oder instruktiv. Sie ist eine (schwankende) Brücke aus Sinn, die von der Technik zur Lebensweise der Normalverbraucher führt."
Und die große Aussicht "jenseits der Google-Abfrage 'Was bringt die Zukunft?'" Hrachovec: "Da müssen Sie einen Philosophen fragen ..."

(Die Presse, 23.04.2008)

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