Deep Web: In den dunklen Ecken des Internets

Das Internet ist weitaus mehr, als der Nutzer annimmt. Vieles in der digitalen Welt spielt sich unter der Oberfläche ab. Dort bietet sich ein Umschlagplatz für Drogen, Waffen und falsche Pässe. Eine Reise in das verborgene Netz.

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(c) REUTERS (KACPER PEMPEL)

In den Tiefen des Internets gibt es versteckte Ecken und Gassen, da schlagen sich jene durch den Info-Highway, die abseits digitaler Sichtbarkeit agieren. Eine der wichtigsten Adressen dieser Unsichtbarkeit ist die Domain kpvz7ki2v5agwt35.onion. Dahinter verbirgt sich die Seite des Hidden Wiki, einer Linkliste, die überhaupt erst eine Orientierung im Deep Web bietet. User dieses Netzes sind Menschen und Gruppen, die anonym bleiben wollen. Aber warum? Sind es politisch Verfolgte, Kriminelle oder einfach nur Leute, die sich jener systematischen Durchleuchtung entziehen wollen, wie sie im Zuge des NSA-Skandals offenkundig wurde?

Das unsichtbare Web soll bis zu 550-mal größer sein als das sichtbare, das visible Net. Eine genaue Schätzung gibt es nicht. Der Programmierer Mike Bergman, von dem der Begriff Deep Web stammt, sagte: „Die Weiten des tiefen Netzes raubten mir völlig den Atem. Wir machten uns weiter daran, Steine umzudrehen und Dinge zu entdecken.“ Doch wovon ist die Rede? Wie genau gelangt man dorthin? Wir beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen und eine Reise in das mysteriöse Deep Web anzutreten.

Das Zwiebelprinzip. Den Zugang zum Deep Web ermöglicht ein spezieller Browser, der sich Tor (The Onion Router) nennt. Onion wie Zwiebel, denn genauso vielschichtig wie bei Zwiebelhäuten läuft die Datenübertragung ab. Die Information wird anonym und verschlüsselt über verschiedene Server geschickt. Am Ende ist alles wieder in Klartext lesbar. Zunächst für Journalisten und Organisationen gedacht, die von Zensur bedroht waren, wird Tor heute von Leuten genutzt, die anonym bleiben wollen. Wer mit Tor surft, verwischt Surfspuren. Tor gibt es für Windows und Apple. Das Torpaket ist kostenlos und leicht zu installieren.

Aber was nun? Keine Suchmaschine, die bei der Navigation hilft. Was immer wir jetzt tun, wir müssen es ohne Reiseleitung schaffen. Das ist der Preis für die Anonymität. Genauso wie die Geschwindigkeit, denn surfen mit Tor dauert spürbar länger.

Um sich im Deep Web des Tornetzwerks bewegen zu können, braucht man Adressen. Diese bestehen aus langen Zahlen- und Buchstabenkombinationen. Eine Möglichkeit zur Orientierung ist dabei das Hidden Wiki, eine manuell gepflegte Linkliste. Was auffällt, ist die Adressierung. Keine Topleveldomains, bei der die letzte Stelle das Land verrät oder einen generischen Hinweis gibt, wie etwa org. für Organisation. Die Eingabe eines von uns zufällig gewählten Links in den Torbrowser führt uns rasch in dunkle Ecken des Netzes. Wir betreten das Dark Web, den Umschlagplatz für Drogen, Waffen und falsche Pässe.

Kriminalität unter der Oberfläche. Die Angebote des Dark Web sind breit. Hier tauscht man sich über Kannibalismus genauso aus wie über sexuelle Abartigkeiten. Die Portale und Märkte sind zahllos. Sie tragen kryptische Namen wie Hydra Market, RAMP, Dark Bay oder Hard Candy. Bekommt man hier, was immer man will? Die Angebote, die uns ins Auge springen, sind unterschiedlichster Natur: Hackerdienste, Waffen, Sex. Die gesamte Bandbreite menschlicher Phantasien, auch der dunkelsten.

Wir lassen uns weiter treiben, wissen zunächst nicht, welcher der unzähligen Spuren wir folgen sollen, um zu begreifen, womit wir es hier zu tun haben. Die Sprachen variieren, Spanisch, Englisch, Russisch. Kinderpornografie, Experimente mit Menschen, geheime Forschungsergebnisse. Auch ein Link zur Silk Road findet sich, jener vielleicht bekannteste illegale Marktplatz für Drogen im Dark Web. Dieser Link führt heute ins Leere, denn der Marktplatz wurde nach der Verhaftung des Silk-Road-Gründers Jan Ulbricht im Oktober 2013 geschlossen. Von Jänner 2011 bis zur Festnahme Ulbrichts sollen hunderte Millionen Dollar umgesetzt worden sein. Drogen zu kaufen ist allerdings trotzdem kein großes Problem, 0,25 g Heroin kosten 0,155 Bitcoins (100 Dollar).
Von Waffen bis zu Kennedys FBI-Akte.
tuu66vrbb30f7.onion führt auf einen kleinen Markt, der sich Out Law Market nennt. Er erfreut sich offensichtlich großer Beliebtheit. Denn innerhalb der letzten 24 Stunden gab es 9083 Zugriffe, aktiv wurden 595 unterschiedliche Produkte angeboten. Bezahlt wird mit der Kryptowährung Bitcoin. Es handelt sich um ein virtuelles Tauschsystem, die Übertragung der Beträge erfolgt direkt von Teilnehmer zu Teilnehmer (Peer-to-Peer). Jede Transaktion ist für alle Teilnehmer des Netzwerks nachvollziehbar, das soll Fälschungssicherheit garantieren. Die Identität der handelnden Personen bleibt verborgen, alles ist anonym und verschlüsselt.

Inzwischen haben wir eine Liste von Waffen vor uns, die man wie bei Amazon via one-click-buy kaufen kann. Eine Glock 19-9mm, „new and unused“. Der Preis dafür: 1,289 Bitcoins. Die Kugeln gibt es auch dazu: 100x9mm um 0,129 Bitcoins. Wer sich für diese Transaktion interessiert, muss sich mit einem Nickname samt Passwort registrieren. Davon sehen wir ab, wollen wissen, was es sonst noch gibt. Auch ein Hacker bietet seine Dienste an. E-Mail-Hacking wird in der Kategorie Small Job um 0,410 Bitcoins angeboten. Will man eine Person ruinieren, indem man ihren Ruf schädigt, ist das ein Large Job, er kostet 1,047 Bitcoins. Die Garantie, die wir bekommen: „I'll do anything for money. If you want me to destroy someone's business or a person's life, I'll do it!“

Ob es sich dabei um eine von einer Behörde gesteuerte Seite handelt oder ob die Dienstleistung wirklich buchbar ist, überprüfen wir nicht und beschließen, in eine andere Sphäre des Netzes einzutauchen, die der konventionellen Daten und Informationen. Ganz einfach ist es jedoch nicht, diese auch zu finden. Nachdem das Deep Web auch unveröffentlichte Forschungsergebnisse beinhaltet, bieten einige deutsche Universitäten seit Kurzem eigene Rechercheseminare an, um derartige Erkenntnisse auch zu nutzen.

Wir begeben uns daher auf die Suche nach einer Bibliothek. Relativ einfach gelangt man über den Browser zur Adresse am4wuhz3zifex5u.onion, eine übersichtlich gestaltete Bibliothek. Diese eröffnet uns eine neue Perspektive des Web. Man entdeckt unterschiedliche Publikationen zu diversen Themenstellungen. Geheimberichte, verbotene Literatur und Forschungsergebnisse umfasst das Angebot. In diesem Fall zögern wir nicht und beschließen, einen Test zu machen. Die Entscheidung fällt auf die FBI-Akte von John F. Kennedy, welche wir problemlos im pdf.-Format downloaden können.

Nicht nur Kriminalität. Das Deep Web birgt weitaus mehr in sich und es wäre die falsche Schlussfolgerung, das Netz nur mit Kriminalität zu verbinden. Es bietet unzählige Informationen in speziellen Foren und Dokumenten, unsichtbare Websites wie Datenbanken großer Bibliotheken, Websites, die durch Passwörter geschützt sind, große Mengen des Inhalts sozialer Netzwerke. Onlinebanking, App-Stores oder Formate, die verhindern, dass sie von Suchmaschinen gefunden werden. Das alles zählt zum Deep Web.

Das Internet ist ein Ozean, voller fetter Fische und giftiger Tiere. Wie bei einem Eisberg ragt das visible Net über der Wasseroberfläche hervor, der größere, interessantere Teil liegt allerdings unter der Oberfläche. Dieser unglaublich riesige Datenspeicher ist zugleich Ort einer neu zu entdeckenden Privatheit.

Elisabeth Hödl und Martin Zechner sind Gründer und Partner von Watchdogs – The Data Company (www.watchdogs.at). Das Unternehmen ist auf Datenrecherche sowie Datenanalyse spezialisiert und Kooperationspartner der „Presse“.

Glossar

Deep Web: Teile des Internet, die mit Suchmaschinen nicht auffindbar sind.

Invisible Web: Webseiten, die technisch zwar indexiert werden könnten, aus ökonomischen oder strategischen Gründe aber nicht indexiert werden (z. B Datenbanken mit einem Webformular).

Dark Web: Teile des Deep Web, auf denen illegale Aktivitäten, wie Waffen- oder Drogenhandel stattfinden.

Surface Web (Visible Web): Teile des WWW, die allgemein zugänglich sind und von konventionellen Suchmaschinen erfasst werden.

Tor (The Onion Router): Netzwerk, das über die Anonymisierungstechnik „Onion-Routing“ anonymen zensurfreien Datenaustausch zulässt.

Hidden Wiki: Website mit Linksammlung zu verschiedenen Onion-Routing-Seiten.

Silk Road (Seidenstraße): Eine als Hidden Service im Tor-Netzwerk ausgeführte E-Commerce-Plattform, die als Schwarzmarkt genutzt wird.

Krypto-Anarchismus: Im Cyberspace praktizierter Anarchismus insbesondere im Dark Web.

Grams – Dark Net Markets Search: Geplante Suchmaschine für das Dark Web.

Bitcoin: Globales Zahlungssystem in Form von virtuellem Geld, bei dem kryptografische Techniken zum Einsatz kommen (Kryptowährung).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2014)

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