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Jimmy Wales: "Wikipedia ist das Rote Kreuz für Wissen"

12.01.2009 | 11:58 |  Sara Gross (DiePresse.com)

Der Gründer der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia erklärt im Interview mit DiePresse.com, wie man im Internet Geld machen kann und warum er "One Laptop per Child" nicht gut findet.

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Am 26. und 27. Jänner findet in Wien der 6. Internationale Management & Consulting Congress Com.sult statt. Das Thema des diesjährigen Kongresses ist "Ressourcen der Zukunft". Zum Auftakt am 26. Jänner holt Veranstalter David Ungar-Klein Jimmy Wales auf die Bühne. Dem Com.sult Medienpartner "Presse" gewährte der Wikipedia-Gründer vorab ein Interview in seinem New Yorker Appartment.

DiePresse.com: Wie ist die Wikipedia entstanden?

Jimmy Wales: Zunächst habe ich Nupedia gegründet. Nupedia basierte auf derselben Idee wie Wikipedia: Eine freie Enzyklopädie geschrieben von tausenden Volontären, allerdings mit einer sehr hierarchischen Struktur und hohen Einstiegshürden. Dieser akademische Ansatz scheiterte. Wir benötigten ein einfacheres System. Mein Mitarbeiter Larry Sanger hat schließlich die Wiki Idee gefunden. Wikis werden schon seit 1995 um Erstellen von Webseiten verwendet. Wir haben das Wiki System adaptiert, um eine Enzyklopädie zu schreiben, was schnell zu einem großen Erfolg wurde.

Obwohl alle Internet-Nutzer Wikipedia-Einträge erstellen und ändern können, hält das freie Internet-Lexikon dem Vergleich mit herkömmlichen Enzyklopädien stand. Die Idee, dass eine große Masse an Autoren jeden Fehler aufspürt, kommt ursprünglich aus dem Open Source Software Bereich. Wie sind sie auf die Idee gekommen, dieses Prinzip auf die Textproduktion anzuwenden?

Open Source ist für die Softwareentwicklung sehr wertvoll. Wenn in einer Software ein Fehler auftritt, kann man sich üblicherweise nur beschweren. Als Programmierer könnte man den Fehler aber gleich für alle Nutzer beheben. Das geht allerdings nur, wenn die Software für den Programmierer frei zugänglich ist. Bei Texten ist das noch viel einfacher, weil es wesentlich mehr gute Autoren als Programmierer gibt.

Sie haben Finanzwissenschaften studiert und dann als Broker an der Börse gearbeitet. Warum haben Sie ein erfolgreiches Internet-Projekt einer Non-Profit-Organisation übergeben?

Das war mitten im Dotcom-Crash [lacht]. Die Wikipedia ist das Rote Kreuz für Wissen und sollte daher non-profit sein. Wenn wir unseren Job gut machen, werden die Menschen in 500 Jahren zurückblicken und sagen „wow, Wikipedia, das war eine große Sache“.

Die bekanntesten und erfolgreichsten Internet-Projekte haben nie Werbung gemacht.

Ich denke es ist heutzutage leichter als je zuvor, sehr große Marken über Mundpropaganda aufzubauen, weil wir in einem Zeitalter leben, in dem jeder mit jedem kommuniziert. Wir haben die Wikipedia nie beworben – ich reise lediglich viel und rede viel mit der Presse. Die Wikipedia ist erfolgreich, weil sie so einfach ist. Jeder versteht das Konzept, findet es gut und erzählt es weiter. Bei Google ist es genau das gleiche.

Wenn man mit Google nach einem Begriff sucht, ist unter den ersten Ergebnissen meist ein Wikipedia-Eintrag. Ist Google wichtig für den Erfolg der Wikipedia?

Ja, sehr. Google ist für jeden wichtig. Google hat eine absolut marktbeherrschende Stellung im Bereich der Internet-Suche.

Warum greifen Sie Google mit einer eigenen Suchmaschine „Wikia Search“ an?

Ich bin ein Verfechter des freien Wettbewerbs und ich glaube an das Konzept der Offenheit. [lacht] Am meisten beunruhigt mich, dass Suchmaschinen bisher viel zu verschlossen sind und niemand genau weiß, wie sie funktionieren. Die Suche muss geöffnet werden, damit Menschen die Ergebnisse beurteilen, kommentieren und ändern können.

Wikia Search generiert Umsatz, indem Werbeanzeigen von Google gezeigt werden. Ist das ein erfolgreiches Konzept?

Natürlich! Suchanfragen lassen sich immer leicht in Geld umwandeln. Das ist einer der Gründe, warum Google finanziell so gut dasteht. Manche Suchanfragen lassen sich natürlich nicht einfach in Geld umwandeln. Wenn jemand nach „Thomas Jefferson“ sucht, ist er vermutlich einfach nur an Geschichte interessiert. Aber bei einer Suche nach „Wien“, weil man eine Reise plant, ist das anders. Dann kann man davon ausgehen, dass dieser Nutzer vielleicht an Flugtickets, Hotels und Eintrittskarten interessiert ist. Der Moment in dem Menschen etwas Suchen, ist also ein guter Moment, sie anzusprechen und dadurch Geld zu machen.

Was für andere Möglichkeiten gibt es, im Internet Geld zu machen?

Bei der Internet-Werbung wird sehr viel Wert auf Klicks und direkte Kaufreaktionen gelegt. Was ich online vermisse ist reine Marken-Werbung. Was ich meine ist, wenn Coca Cola Plakatwerbung macht, ist es nicht ihr Ziel die Kunden direkt in das nächste Geschäft zu locken. Sie wollen lediglich, dass die Marke öfter ins Gedächtnis gerufen wird. So funktionieren zahlreiche Werbemethoden. Im Internet fehlt uns das.

Fortsetzung auf Seite 2 »

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6 Kommentare
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Bis zu 89 % entscheiden sich wegen Internet zu einem Kauf

Die Studie von Fleishman-Hillard und Harris Interactive analysiert das Verhalten und die Entscheidungsprozesse der Internetnutzer in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Für die Studie wurden rund 5.000 Internetnutzer aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien über ihre Surfgewohnheiten befragt... http://www.em-multi-shop.at/pg168.html

Gast: Jacky
14.01.2009 10:24
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interessant

interessant was hier geschrieben wird. interessant wäre es auch zu wissen wie viel hr. wales bezahlt bekommt damit er am kongress spricht. kann nur davos empfehlen, dass ist der kongress von visionären - hr. wales wäre dort besser aufgehoben.

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Ambiverhältnis zu Wikipedia

positiv: man braucht sich keine Riesenwälzer mehr zu kaufen (da sind Brockhaus und die Britannica: sie heulen), wo man bei weitem nicht so aktuelle Infos bekommt (z.B. über bei uns total unbekannte Künstler, Filme etc.)
negativ: bei emotional vorbelastete Themen, besonders über Kulte und Sekten, ist es nahezu unmöglich irgendwelche Kritikpunkte anzubringen oder wenigstens zu verhindern, dass betreffende Artikel zu einer Werbebroschüre für Totalitaristen verkommen

IronicMan
12.01.2009 14:14
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Meine Meinung, Herr Wales!

In einem Land wie Niger, wo annähernd vier von fünf Menschen nicht schreiben bzw. lesen können, kann der Großteil der Menschen wohl erst recht nichts mit einem Laptop anfangen. Man muss sich die Gesellschaft eines solchen Landes einmal vor Augen führen: Wie soll hier Bildung erfolgen, wie soll die Bevölkerung Wissen und Fähigkeiten erlernen, ohne lesen und schreiben zu können? Diese Menschen sind dazu verdammt, "primitiv" zu bleiben und vom besser gebildeten Rest der Welt ausgebeutet zu werden.

Es braucht also zuerst die Finanzierung eines Mindestmaßes an Grundbildung (Lesen, schreiben), um überhaupt einen Bedarf an Computern entstehen zu lassen, den man dann ja ohne weiteres durch Hilfsprojekte befriedigen könnte!

Gast: conscientia
12.01.2009 13:40
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Wikipedia - One Laptop per Child

Ich finde den Kommentar sehr substantiiert und wertvoll, stelle mir allerdings die Frage hinsichtlich der Kritik am Projekt "One Laptop per Child" und des alternativen Vorschlages eine Schulausbildung zu finanzieren, ob zum Einen nicht gerade für die Schulausbildung one Laptop per child notwendig ist und ein eigener Computer den Wertvollen Lerneffekt des Erwerbs von Privateigentum birgt.

Ansonsten kann natürlich die jeweilige Schule einen Gemeinschaftscomputer betreiben (sowie Bücher , usw) - ob das jedoch nachhaltig sinnvoll erscheint, bleibt zu hinterfragen

Peregrin
12.01.2009 20:23
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Re: Wikipedia - One Laptop per Child

Für Schulausbildung ist natürlich kein Laptop nötig. Auch bei uns werden die Kinder nur immer blöder, seit sie sich in der Klasse hinter den surrenden Dingern verstecken dürfen. Aber das kommt halt raus, wenn ungebildete Politiker den Lobbyisten der Computerindustrie auf den Leim gehen.