Stars machen Klatschpresse 2.0

Demi Moore und Ashton Kutcher tun es, Stephen Fry schon längst. Die Stars haben das Twittern entdeckt. Und wofür ist das Gezwitscher gut?

Schließen
(c) AP (Markus Schreiber)

Die Skepsis ist natürlich da. Und auch berechtigt. Kann es wirklich sein, dass Weltprominente, wie die 46-jährige Demi Moore und ihr jugendlicher Freund Ashton Kutcher im Stundentakt (manchmal auch alle paar Minuten) eine Textnachricht in ihre iPhones touchscreenen und somit die OnlineWelt an ihrem Leben teilhaben lassen? Es kann.

Das Tool, mit dem sich das Hollywood-Paar die Zeit vertreibt, nennt sich Twitter und ist das jüngste Kommunikationsnetzwerk im Internet. Hierzulande ist es noch wenig bekannt – die Österreicher sind ja gerade erst dabei, mit Facebook warm zu werden. Twitter heißt so viel wie Gezwitscher (das Logo ist folgerichtig ein gezeichneter Spatz) und umschreibt ganz gut, wofür der Online-Nachrichtendienst taugt: Maximal 140 Zeichen darf eine Nachricht haben, so viel wie eine SMS. Da geht sich also nicht viel mehr aus als ein Satz, der verrät, wo man ist und womöglich noch, wie man sich gerade fühlt. Wer den Dienst verstanden hat, twittert alle paar Minuten – nicht nur Texte, auch WebLinks, Fotos oder Videos – ins System.

So wie Demi Moore und Ashton Kutcher. Die machen noch schnell ein Bild von sich im Flugzeug, bevor es nach Berlin (und zur Berlinale, wo Moore am Mittwoch ihren neuen Film „Happy Tears“ vorstellte) geht, oder filmen sich gegenseitig bei ihrem Auftritt auf dem roten Teppich. Das kleine Video, das dabei entsteht, ist technisch (noch) nicht besonders ausgereift (um nicht zu sagen: fast nicht ansehbar), aber man erkennt, was man erkennen soll: zwei Stars bei ihrem Promi-Alltag, am roten Teppich, beim Autogramme geben, im Hotelzimmer. Wobei gerade die schlechte Qualität wieder vielfach Skepsis auslöst: Sind das wirklich Moore und Kutcher oder bloß zwei ziemlich gut gecastete Doubles? Und stammt das Foto, das sie auf Moores Twitter-Seite stellen – die man unter dem Spitznamen „Mrs. Kutcher“ findet –, wirklich von ihnen? Oder doch nur von der eifrigen PR-Assistentin, die vielleicht auch mitgeflogen ist? Wohl kaum. Ein Foto aus der Suite im Hotel Adlon, mit Blick auf das Brandenburger Tor, lässt sich doch recht schwer von irgendjemandem machen.


Zudem gibt es bereits Online-Plattformen, die eruieren, ob die TwitterSeiten Prominenter von den Stars persönlich oder nur von ihrem PR-Stab betreut werden – oder gar von einem Fremden stammen, der sich als Promi ausgibt. Demnach gehören die US-Sängerin Erykah Badu, die Band Coldplay, der Radrennsportler Lance Armstrong und der britische Schauspieler Stephen Fry zu denen, die ihre Twitter-Einträge selbst produzieren.

Was bei Letzterem zu folgender Episode führte, die man am Wochenende schon in mehreren deutschen Zeitungen, etwa der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nachlesen konnte: Stephen Fry fuhr im Londoner Hochhaus Centre Pont mit dem Lift und blieb stecken. „O. k. Das ist verrückt. Ich stecke auf der 26.Etage fest. Verdammt“, schrieb Fry per Handy an seine über 195.000 Twitter-Abonnenten. Ein Teil von ihnen stand ihm in den folgenden 20 Minuten bei, schickte aufmunternde Nachrichten und fragte nach Livefotos aus dem Lift.

Die Boulevardzeitungen berichteten freilich erst am nächsten Tag darüber. Und zwar nicht sehr positiv. So sind sie über die rasante Ausbreitung von Twitter unter Stars „not amused“. Im „Mirror“ wurde tags darauf prompt der Leitartikel dazu verfasst. Es sei ein Skandal, dass Prominente nun schon Fotos von sich selbst veröffentlichen würden. Der Job der Klatschpresse scheint diesmal in ernster Gefahr.

Auf einen Blick

Twitter ist das jüngste Mitglied in der Familie der Social Networks. Im März 2006 als Forschungsprojekt einer Podcasting-Firma gegründet, gelangt es im Laufe des Jahres 2008 zu großer Bekanntheit.

Auffälligstes Phänomen:Viele Stars scheinen ein Faible für diese Online-Spielerei zu haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2009)

Kommentar zu Artikel:

Stars machen Klatschpresse 2.0

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen