Wie Google zum Zentrum der Welt wurde

Kaum ein Unternehmen beeinflusst stärker, was wir lesen, kaufen oder wählen als Google. Zwei Jahrzehnte brauchte die Garagenfirma zur umstrittenen Geldmaschine.

Inside Google Inc.´s Berlin Campus
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Google Berlin Campus – (c) Bloomberg (Krisztian Bocsi)

Wien. „Ich kaufe sicher nicht.“ Für Apple-Mitgründer Steve Wozniak war die Sache im Sommer des Jahres 2004 scheinbar sonnenklar: Google, dieses junge Unternehmen aus Kalifornien, mag zwar ein paar gute Ideen haben, aber die 27 Millionen US-Dollar, die es beim bevorstehenden Börsengang gern einsammeln würde, sei es dann doch nicht wert. Der Technik-Guru ließ – wie viele andere Investoren – die Finger davon. Zu unwirklich schien das rasante Wachstum, das die kleine Garagenfirma in den Jahren zuvor hingelegt hatte. Zu frisch war noch die Erinnerung an die kolossale Geldvernichtung auf den Aktienmärkten durch die Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende. Doch Steve Wozniak sollte sich irren. Das kleine Projekt der beiden Stanford-Studenten Larry Page und Sergey Brin hat nicht nur deutlich länger überlebt, als der Apple-Gründer dachte. Es hat Tausende, die schon früh an die Idee glaubten, zu Millionären gemacht. Heute ist Google an der Börse knapp 364 Milliarden US-Dollar wert – seit Jahren rangiert es auf den Spitzenplätzen der wertvollsten Unternehmen der Welt.

Google ist eine Geldmaschine. 2015 überrascht das niemanden mehr. Aber Google ist viel mehr als das. Gegründet, um Ordnung in das Chaos des World Wide Web zu bringen, ist das Unternehmen selbst zum Zentrum des Internets geworden. Mit Armen, die weit in die reale Welt hineinreichen. Kaum ein zweiter Konzern sammelt mehr Daten über uns als Google, kaum ein Unternehmen hat mehr Einfluss darauf, was wir lesen, kaufen, hören, sehen und sogar wählen. Google durchdringt unser Leben so sehr, dass viele vor einer scheinbaren Allmacht des US-Konzerns warnen.

 

Gefährdet Google die Demokratie?

Wie das geht? Der Kern von Googles Erfolg ist eine gar nicht so simple Formel – jener Suchalgorithmus, den die Google-Gründer entwickelt haben, um den Menschen das Durchforsten des Internets zu erleichtern. Die Formel entscheidet, welche Internetseiten so relevant sind, dass sie bei Suchanfragen ganz oben erscheinen – und welche auf die hinteren Ränge ins digitale Nirwana verbannt werden. Die Nachfrage war enorm. Schon 1998, Google bestand noch aus drei Mitarbeitern und residierte in einer Garage in Menlo Park, wollten täglich Zehntausende die neue Suchmaschine nutzen. Die damaligen Platzhirsche konnten einfach nicht mit.

Heute ist die weiße Google-Startseite für zwei Drittel aller Internetnutzer weltweit der Navigator durch die digitalen Datenhalden. Google investiert enorme Summen in die Weiterentwicklung dieses Schatzes. Im Schnitt feilt der Konzern zweimal am Tag an der Suchformel, um den Abstand zur Konkurrenz zu halten. Mit Erfolg. Obwohl es technisch ausgereifte Konkurrenz gibt, ist Googles Macht im Internet ungebrochen.

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(C) DiePresse

Und genau hier liegt das Problem, das viele Politiker vor allem in der EU mit dem US-Konzern haben. Google missbrauche seine Wettbewerbsmacht bei der Suche, um eigene Unternehmen zu bevorzugen. Noch streiten sich die Ökonomen darüber, ob der Quasimonopolist dem Wettbewerb eher nützt als schadet – und vor allem, ob ihm mit Kartellklagen überhaupt beizukommen ist.

Fakt ist: Googles Einfluss geht weit über die Geschäftswelt hinaus. Google gefährdet die Demokratie, warnte etwa der amerikanische Forscher Robert Epstein kürzlich auf der Computermesse Cebit. Er kritisierte das Eigenleben des Google-Algorithmus: „Das Programm entscheidet schon heute über den Ausgang von Wahlen in aller Welt.“ Die Reihenfolge, in der Kandidaten bei Googles Suchergebnissen auftauchen, entscheide bei jedem vierten unentschlossenen Wähler darüber, wo er sein Kreuz setzt. Die Politik sei dringend aufgefordert, Google hier strengere Vorschriften zu machen, so Epstein.

 

„Don't be evil“: Traum und Realität

Google verweist all diese Bedenken ins Reich der Fantasie. Für den börsenotierten Konzern ist der Algorithmus vor allem eines: der Schlüssel zu gigantischem Gewinn. Die Suchmaschine ist dabei nur Mittel zum Zweck. Seine Millionen verdient das mittlerweile gut 50.000 Mitarbeiter starke Unternehmen mit bezahlten Anzeigen neben den Suchergebnissen. Kleiner Wermutstropfen: Um Werbung wirklich zielsicher platzieren zu können, sammelt das Unternehmen eine Unmenge an Daten über seine Nutzer.

Im Gegenzug kann es sich Google leisten, andere Projekte wie etwa selbstfahrende Autos oder fliegende Windräder frei von unmittelbaren Renditeerwartungen zu entwickeln. Doch Google hat es in den vergangenen Jahren geschafft, sich ein zweites – weniger heikles – Standbein zu schaffen als das Werbegeschäft. Googles mobiles Betriebssystem Android läuft heute auf vier von fünf Smartphones weltweit. Ähnlich wie bei der Suchmaschine kostet das Programm nichts. Dafür schneidet Google bei jedem Spiel, jedem Lied und jeder App, die Android-Nutzer aus dem Play-Store kaufen, mit.

Den Vorwurf, zu viele Daten an sich zu reißen, hat Google gleich zu Beginn seiner Geschichte relativ pragmatisch versucht zu entkräften. „Don't be evil“ – sei nicht böse, lautet das Motto, das Larry Page und Sergey Brin ihrem Konzern verpasst haben. Dass die Realität mit dem Selbstbild der freundlichen Internetsuchmaschine von nebenan so gar nicht zusammenpassen will, haben sie allerdings selbst zu verantworten.

Denn Google sammelt personenbezogene Daten seiner Nutzer oft auch gegen deren Willen. So wurde das Unternehmen dabei erwischt, kleine Spione (Cookies) auf den Computern von Menschen zu platzieren, die mit Apples Safari-Browser im Internet unterwegs waren, um deren Verhalten im Netz aufzuzeichnen. Alles nicht so schlimm, rechtfertigte sich das Unternehmen. Schließlich habe bessere Werbung noch niemandem geschadet. Überhaupt sei das alles ein großes Missverständnis. So wie damals, als Google flächendeckend Straßen und Menschen fotografierte – und dabei Daten über E-Mails und Passwörter absaugte. Solang die Reaktion auf die Empörung ein lächelndes Schulterzucken bleibt, darf sich auch die beste Suchmaschine nicht wundern, wenn sie mit unseren Daten auch neue Feinde sammelt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2015)

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