Vergesst Fake News, jetzt kommen die Fake Friends

KolumneIn Japan bietet eine Agentur schöne, coole Menschen an, mit denen man sich für soziale Netzwerke fotografieren lässt. Das folgt einer Tradition.

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(c) imago/ZUMA Press

Beim schönen, schwierigen Thema Freunde galt bisher in der Geschichte der Menschheit: Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht. Die Japaner haben im dritten Jahrtausend nach Christus diese scheinbar unumstößliche Regel umgestoßen. Fortan muss es heißen: Man hat sie – oder man mietet sie. Die japanische Agentur Family Romance bietet neuerdings einen tollen Service an: Die Kunden können sich aus einem Onlinekatalog falsche Freunde zum Zwecke der gemeinsamen Ablichtung aussuchen. Zur Auswahl stehen Angestellte des Unternehmens, sorgsam sortiert nach Geschlecht, Alter und Optik. Mit dem oder der Erwählten gibt es dann ein echtes Treffen samt Selfies. Die Fotos schmücken und schärfen das eigene Profil in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Snapchat.

So kann auch der Einsame ein fröhlich erfülltes Sozialleben vorgaukeln. Und man muss zugeben: Um nichts anderes geht es ja auf diesen Seiten. Kühle Skeptiker mögen einwenden: Der Einsame hat, quasi per definitionem, kaum Freunde auf Facebook und Follower auf Instagram, die er beeindrucken könnte – weshalb die Schummelei ins Leere laufe. Aber auf diesen Einwand ist der Anbieter gut vorbereitet. Er schlägt eine ganze Reihe von Einsatzgebieten vor, bei denen er seinen asozialen Kunden echten Nutzen bietet. Man denke an den Schüchti, der seinen Arbeitskollegen vermitteln will, er sei nach Feierabend viel weniger langweilig, als er von neun bis fünf wirkt. Oder an die Chatbekanntschaft, bei der man Eindruck schinden möchte – sie muss ja vorerst glauben, was sie im Internet sieht. Besonders raffiniert ist die emotionale Manipulation des Expartners. Frisch getrennt und schon wieder glücklich liiert, mit einem umwerfend attraktiven Wesen: Verflossene, denen man solches vorsetzt, kehren im Idealfall reumütig zurück.

Damit die Illusion gelingt, muss die neue Beziehung aber Beständigkeit suggerieren. Zu diesem Zweck lässt sich der Fotopartner auch für wiederholte Sessions anheuern. Das hat freilich seinen Preis: Schon ein einziges Shooting mit nur einem „Freund“ kostet umgerechnet rund 66 Euro. Eine ausgelassene Samstagabend-Sause mit einer kompletten Partygesellschaft geht mächtig ins Geld, zumal ja auch stimmungsfördernde Getränke zu berappen sind. Neu ist an der Geschäftsidee aber nur der Social-Media-Kontext. Denn Freunde zu mieten hat in Japan Tradition. Die Palette reicht, je nach Bedürfnis und Budget, vom Herzausschütten im Kaffeehaus bis zur nachgestellten Familienfeier. „Freundschaft lässt sich nicht kaufen“, erweist sich so als antiquierte Stammbuchweisheit. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Wir freuen uns schon auf den Freund 4.0: den Roboter, der uns auf die Schulter klopft. Made in Japan, versteht sich.

E-Mail an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2017)

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