Wem sag ich, dass ich krank bin?

Wir teilen unser halbes Leben auf Social Media. Doch bei Krankheiten sollte man aufpassen. Das Bekanntmachen im Netz kann helfen, aber auch Schaden anrichten.

Die Menschen auf Facebook spenden Trost – aber sie wollen auch Antworten haben.
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Die Menschen auf Facebook spenden Trost – aber sie wollen auch Antworten haben.
Die Menschen auf Facebook spenden Trost – aber sie wollen auch Antworten haben. – (c) Kike Arnaiz / Westend61 / picturedesk.com

Bruno Kreisky wollte es um keinen Preis tun. Dabei hätte er einen Vorteil davon gehabt: „Kreisky war ja bekanntlich schwer nierenkrank und ist von seinem Umfeld bekniet worden, das öffentlich zu machen, da er auf ein Transplantationsorgan wartete“, erzählt Patricia Göttersdorfer, klinische Psychologin und Gesundheitstherapeutin mit Schwerpunkt Psycho-Onkologie. Doch der Politiker schwieg. Denn das Reden, „das wäre zu seiner Zeit für einen Politiker und starken Mann noch undenkbar gewesen“.

Jahrzehnte später hat sich die Situation geändert. Die beiden mittlerweile verstorbenen Politikerinnen Barbara Prammer und Sabine Oberhauser haben ihre Krebserkrankung etwa sehr rasch öffentlich gemacht, andere Personen des öffentlichen Lebens ebenfalls. Und nicht nur sie, wer heute einen durchschnittlichen Tag auf Facebook verbringt, findet sie immer wieder: Postings, in denen Eltern Knochenmarkspender für ihre Kinder suchen, Einträge von Kranken, die sich für die Zuwendung bedanken – oder um Hilfe bitten, um sich Therapien leisten und ebenfalls Betroffene finden zu können.

Für manche mag das Bekanntmachen von Krankheiten noch befremdlich wirken, doch in Zeiten, in denen das halbe Leben auf Social Media geteilt wird, stellt sich die Frage immer häufiger: Wann sage ich öffentlich, dass ich krank bin – oder soll ich es doch lieber für mich behalten? Die Antwort ist wie immer vom Fall abhängig. „Das Alter spielt eine Rolle und wie sehr ich die sozialen Medien auch sonst nutze“, sagt Therapeutin Göttersdorfer. Bei manchen Erkrankungen liegt es in der Natur der Sache, dass eine Verbreitung hilfreich sein kann, etwa wenn es um die Suche nach Organ- oder Knochenmarkspendern gehe, wie der Neuropsychologe Paul Wicks, Vizepräsident des US-Netzwerks „Patients like me“ kürzlich gegenüber der „New York Times“ erklärte: „Wenn man eine Spenderniere benötigt, sollte das jeder wissen – so schwierig, wie es ist, ein passendes Organ zu finden.“ Wicks hat erst kürzlich untersucht, wem gegenüber Kranke sich am häufigsten offenbaren. Dabei gehören – wenig verwunderlich – die Familie und enge Freunde zu jenen, die am ehesten ins Vertrauen gezogen werden. Kollegen rangieren im Mittelfeld, wohingegen Nachbarn und Kindheitsfreunde als Letzte von der Krankheit erfahren. Allerdings kommt es laut Wicks auch auf die Art der Erkrankungen an. So werden beispielsweise die Nervenkrankheit ALS, Multiple Sklerose und Epilepsie häufiger mitgeteilt als Gemütserkrankungen oder eine HIV-Infektion. Letztere stehen aufgrund der potenziell negativen Reaktionen der Mitmenschen am unteren Ende der Skala.

Information und Anteilnahme

Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum es einen Vorteil bringen kann, öffentlich über eine schwere Erkrankung zu reden: Der Betroffene kommt an mehr Informationen. Denn sobald das Wort die Runde macht, werden die Erkrankten über Facebook und Co. auf die unzähligen Foren anderer Betroffener verwiesen, die ein enormes Wissen aus eigener Erfahrung zur Verfügung stellen. „Selbst der netteste Arzt hat nicht so viel Zeit und kann manchmal gar nicht all das wissen, was in Selbsthilfegruppen zu einzelnen Erkrankungen an Wissen vorhanden ist“, erklärt Göttersdorfer. Dieser „exponentielle Wissenszuwachs“ helfe laut Wicks auch dabei, die Krankheit „besser einzuschätzen und weniger zufällig“ zu erleben. Außerdem werden die Betroffenen meist binnen kurzer Zeit selbst zu Ratgebern, „und anderen helfen zu können, fühlt sich einfach gut an“.

Ein weiterer großer Vorteil des öffentlichen Umgangs mit der eigenen Erkrankung liegt in der emotionalen Unterstützung. „Zu den ersten Dingen, die die Menschen aus dem Öffentlichmachen generieren, gehört ein Gefühl des Trostes, das durch diese Verbindung mit anderen entsteht“, erklärt Soziologin Stefanie Vicaria von der britischen Universität Leicester gegenüber der „New York Times“.

Wobei es wichtig ist, sich genau zu überlegen, was und auch wann Informationen veröffentlicht werden. So kann die Idee, einen Biopsietermin mit der ganzen Facebook-Gemeinde zu teilen, sich als Fehler erweisen, wenn das Ergebnis tatsächlich schlecht ist und man sich einer Anzahl von – anteilnehmenden – Nachfragen gegenübersieht, die im ersten Schock emotional kaum bewältigbar scheinen.


Das Netz vergisst nicht

Denn selbst wenn man sich auf Facebook erklärt, erspart man sich damit nicht schwierige Einzelgespräche im persönlichen Umfeld. „Die muss man trotzdem führen, und ein Freund wird andere Fragen haben als der Chef“, sagt Göttersdorfer. „Der eine wird wissen wollen, wie er helfen kann; der andere auch, wie lang der Mitarbeiter ausfallen wird und was das für das Unternehmen bedeutet.“

Denn bei aller Solidarität und allem Mitgefühl kann das Wissen um eine schwere Erkrankung auch die Bank dazu bringen, sich eine Kreditzusage noch einmal zu überlegen, oder den Chef abhalten, einen kranken Mitarbeiter zu befördern. Und das nicht nur, wenn es wirklich zu einer schlimmen Erkrankung gekommen ist, sondern manchmal auch dann, wenn sich die geteilte Furcht glücklicherweise als unberechtigt herausgestellt hat: „Da bleibt dann manchmal ein ,Da war doch was‘“, warnt Göttersdorfer. Und das Netz vergisst das ewig nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2017)

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