Die Welt in 3D: Microsofts 196-Megapixel-Cam entgeht kein Detail

Die Welt dreidimensional nachzubauen war Bill Gates ambitionierte Vision, als 2005 der Internet-Dienst „Virtual Earth“ startete. Jahre später ist dieses Ziel beinahe erreicht. Virtual Earth heißt nun „Bing Maps“ und zeigt zahlreiche Städte weltweit als 3D-Modell, das aus Fotos gebildet ist.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Als Betrachter kann man aus der Vogelperspektive in virtuelle Häuserschluchten eintauchen und dank der hohen Qualität der Aufnahmen selbst noch kleinste Fassadendetails erkennen. Die dreidimensionale Welt wird im Gegensatz zu Google Earth vollautomatisch aus hochauflösenden Luftaufnahmen gebastelt. Die Technik dazu liefert das kleine Grazer Unternehmen Vexcel, das 2006 von Microsoft gekauft wurde.

Die Kameras von Vexcel würden wohl so manchen Fotografen vor Neid erblassen lassen. Die neue UltraCamXp knipst mit neun Objektiven Bilder mit einer Auflösung von 196 Megapixeln. Zum Vergleich: Die Durchschnittskamera bringt es heute auf fünf bis zehn Megapixel.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Ebenso stolz ist auch der Preis. Eine Dreiviertelmillion kosten die Großformat-Kameras und das Geschäft läuft gut: Vexcel hält einen Marktanteil von 50 Prozent – Leica und Intergraph sind die einzigen Mitbewerber. Die Kunden von Microsofts kleiner Kamera-Tochter sind sogenannte Befliegungsunternehmen wie die Salzburger FMM. Sie fotografieren die Erdoberfläche und verkaufen die Bilder an Karten-Firmen.

Im Bild: UltraCam-Erfinder Michael Gruber(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Auch Microsoft kauft diese hochauflösenden Fotos. Hier kommt wieder Vexcel ins Spiel. Eine spezielle Software - die Microsoft exklusiv zur Verfügung steht - bildet aus Tausenden Aufnahmen ein 3D-Modell von der Erdoberfläche und allem, was sich darauf befindet.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Dieser Prozess funktioniert in etwa so, wie „wenn ein Riese mit seinen zwei Augen auf die Erdoberfläche blickt“, erklärt Michael Gruber, der Erfinder der UltraCam. Die Kamera erstellt beim überfliegen eines Gebäudes vier Fotos im Abstand je einer Millisekunde. Dadurch ergeben sich verschiedene Ansichten, aus denen ein dreidimensionales Gebilde errechnet wird.(c) Microsoft

Erst dann werden Farbe und Textur von Fassaden und Dächern hinzugefügt. Selbst Vegetation - Bäume und Grashalme - können dreidimensional dargestellt werden. Dafür werden allerdings Standardtexturen über die 3D-Modelle gelegt - Bing unterscheidet also lediglich zwischen Laub- und Nadelbaum. „Man kann also nicht nachsehen, ob auf einem bestimmten Baum gerade Äpfel hängen“, erklärt UltraCam-Chef Alexander Wiechert.(c) Microsoft

Soviel Detailreichtum ist natürlich nur mit besonders guten Aufnahmen möglich. Für solche Fotos muss das Wetter stimmen. In Europa ist das nur an rund 40 Tagen pro Jahr der Fall. An diesen Tagen fliegt Andreas Offenhauser für Vexcel und die Firma FMM mit einem Kleinflugzeug, um frisches Bildmaterial zu liefern.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

In dem Boden des Fliegers ist ein großes Loch eingeschnitten, in das die Kamera eingehängt wird. Zu diesem Zweck musste eine ganze Sitzreihe ausgebaut werden.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Auch sonst bleibt nur wenig Platz in dem Flugzeug. Ebenfalls mit an Bord ist ein Speicher, der aus zwei Festplatten zu je 4,2 Terabytes und 14 Industrie-PCs besteht.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Ein Foto hat rund 600 Megabytes, was etwa der Datenmenge eines kurzen Spielfilms entspricht. Um eine Stadt wie Graz entsprechend abzulichten, sind etwa 3000 Bilder notwendig.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Andreas Offenhauser muss einen genauen Flugplan beachten. In Schlangenlinien wird die Stadt überflogen - die Aufnahmen müssen eine Überschneidung von 60 Prozent haben, damit später das 3D-Modell berechnet werden kann.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Der Autopilot bleibt ausgeschaltet, erklärt Offenhauser. „Beim Präzisionsflug läuft alles manuell“.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Neben dem Wetter ist auch die Flughöhe entscheidend - einen Zoom sucht man bei der UltraCam nämlich vergeblich. Für Bill Gates' virtuelle Zweit-Welt ist eine Flughöhe von etwa 2500 Metern notwendig. Dafür braucht es selbst in Österreich eine Sondergenehmigung, um die bei der jeweiligen Gemeinde angesucht wird. In anderen Ländern, vor allem aber in Asien, kann es schon einmal vorkommen, dass das Militär oder der Geheimdienst mitfliegen will, meint der für die Entwicklung zuständige Martin Ponticelli.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Sind die Bilder im Kasten, werden sie in Graz verarbeitet und auf eine Festplatte übertragen. Das 3D-Modell wird von Microsoft mit der Software aus Graz in den USA berechnet. Wie die Datenübertragung zwischen den beiden Standorten geschieht, mutet gerade in diesem Zusammenhang beinahe altertümlich an. Die Festplatte wird schlicht per Post versandt. Ganz einfach, weil das bei diesen Datenmengen noch immer schneller geht, als per Internet.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

„Bing Maps“ ist im Vergleich zu Googles Kartendienst zwar noch wenig bekannt, hat die Konkurrenz im Funktionsumfang jedoch längst überholt. Seit gestern sind für rund hundert Städte in den USA auch Straßenaufnahmen verfügbar. Google Maps hat diese Umgebungsbilder zwar schon länger, in Bing Maps sind aber einige erstaunliche Spezialfunktionen integriert. So können zum Beispiel einige Gebäude wie Kirchen oder Museen betreten werden. Die Innenräume werden aus zahlreichen Aufnahmen gebildet, die Microsoft zu 360-Grad-Panoramen zusammensetzt.(c) DiePresse.com (Sara Gross)

Außerdem kann man sich direkt in den Umgebungsaufnahmen von Bing Maps Nachrichten anzeigen lassen, die von Nutzern der Blogging-Plattform Twitter an dieser Stelle erstellt wurden. Hinter der digitalen Zweitwelt steckt übrigens auch ein Geschäftsmodell. Der virtuelle Globus ist nämlich eine nahezu uneingeschränkte Werbefläche.

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.