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Wikipedia: Die größte werbefreie Zone im Netz wird zehn

13.01.2011 | 18:32 | NORBERT MAYER (Die Presse)

Seit zehn Jahren wird gratis am umfangreichsten Lexikon der Welt gearbeitet. Es begann als Spaßprojekt von Jimmy Wales. Inzwischen wurde diese größte werbefreie Zone im Internet zum Hobby von Millionen Wissbegieriger.

Die Idee war einfach genial: Am 15.Jänner 2001 stellte Ex-Börsianer Jimmy Wales unter „wikipedia.com“ eine Plattform zur Erstellung von Enzyklopädieartikeln ins Netz. Er ermunterte Menschen in aller Welt, unbezahlt Artikel beizutragen. Deren Konzepte sind individuell, auf der Plattform wird gemeinschaftlich korrigiert, erweitert und aktualisiert. Administratoren und auch Rechthaber beseitigen beständig Fehler, Meinungen, Fälschungen.

Das Wort „wiki“ kommt, wie man der Enzyklopädie entnehmen kann, aus Hawaii und bedeutet „schnell“. Wofür Denis Diderot im 18.Jahrhundert 30 Jahre brauchte – für ein „durchdachtes Wörterbuch über die Wissenschaften, die Künste und die Handwerke“ zur Propagierung der Aufklärung –, dafür benötigten seine digital ausgerüsteten Urururenkel nur Monate. Nach einem Jahrzehnt sind nun alle gedruckten Lexika zumindest quantitativ längst überholt – durch die Freude von Millionen Mitarbeitern am geteilten Wissen.

50 bezahlte Angestellte

Wales und sein Partner Larry Sanger dachten, als sie mit der Software von Ward Cunningham ans Werk gingen, an ein Spaßprojekt, ein Hobby Freiwilliger. Doch inzwischen gehört Wikipedia zu den meistbesuchten Websites weltweit. 17 Millionen Artikel in 260 Sprachen wurden bisher verfasst. Damit kann nicht einmal der große Brockhaus mithalten (300.000Einträge) – oder die renommierte „Encyclopædia Britannica“, die in eine tiefe Krise gestürzt ist. Die umfangreichste Wikipedia-Sammlung ist die englische, gefolgt von der deutschen. Die hat  schon mehr als eine Million Artikel.

Die Wikipedia-Organisation, die 2007 von Florida nach San Francisco umzog, ist im Gegensatz zu Netzgiganten wie Google oder Facebook bemerkenswert schmal geblieben. Kein Marketing, keine Werbung, nur Spenden. 20Millionen Dollar braucht Wales im Jahr, um das Projekt am Laufen zu halten. Unlängst hat Google zwei Millionen Dollar überwiesen. (Immerhin sind Wiki-Artikel meist an der Spitze der Google-Suche.) 50bezahlte Angestellte gab es bei Wikipedia im Vorjahr, Mitte 2011 sollen es 91 sein, davon 38Techniker.

Einer der Freiwilligen in Österreich ist Christoph Breitler, 26. Der Grazer Biologiestudent stieß zufällig 2007 über Mitarbeit an Wiki-Artikeln dazu. Heute ist Breitler hierzulande Vizeobmann von Wikimedia: „Ich widme mich dieser Aufgabe rund 20Stunden pro Woche, das ist recht viel Zeit für ein Hobby.“ Die Hauptaufgabe des „Vereins zur Förderung freien Wissens“ besteht im Spendensammeln. „Wir brauchen das Geld für internationale Projekte, helfen auch Nachbarstaaten im Osten beim Aufbau.“ Man suche starke Partner, die zur Wissensvermehrung beitragen, sei nun mit dem AKH und Stift Admont im Gespräch. In Österreich schreiben ca. 50 Menschen täglich für Wikipedia. „Insgesamt sind es maximal 600, die regelmäßig etwas beitragen.“

Fehlende Transparenz bei Quellen

„Die große Community gleicht Verfälschung gut aus“, sagt Breitler zu einem Netzproblem. „Jeder kann schreiben, die Beiträge sollen aber objektiv sein. Dafür gibt es ein striktes Regelwerk. Die Qualitätssicherung hat sich stark entwickelt.“ Sie ergebe sich aus vielen Stimmen: „Falschmeldungen und Polemiken halten sich nicht lange.“

Andy Kaltenbrunner, Gesellschafter von „Medienhaus Wien“, das praxisbezogene Forschungsprojekte über Journalismus betreibt, rät trotzdem zur Vorsicht: „Die Recherche darf auf keinen Fall bei Wikipedia stecken bleiben.“ Es fehle nämlich die Quellentransparenz. „Die Kontrolle bei Wikipedia ist relativ schwierig. Man geht einfach von der Schwarm-Intelligenz aus und dem großen Interesse der Beiträger.“ So seien zum Beispiel mehr als 300 Biografien österreichischer Nationalratsabgeordneter auf Wikipedia von einem einzigen User erstellt worden.

Kaltenbrunner nennt eine Umfrage, nach der über drei Viertel von Österreichs Politikjournalisten regelmäßig Wikipedia nutzen. „Nachschlagewerke und Bücher werden bei Jüngeren weniger wichtig, das hat sich stark verändert.“ Man könne durch digitale Daten zwar schneller produzieren, doch werde die traditionelle Recherchemöglichkeit beschränkt. „Es gibt einen Generationswechsel, statt jener, die Munzinger, Hausarchiv und Zettelwirtschaft nutzen, sind jetzt die digital Geschickteren dominant, die aber wesentlich lässiger im Umgang mit Quellen sind.“

Wichtig für neues Lesepublikum

„Für uns ist Wikipedia eine zentrale Quelle der Erstinformation, bevor wir möglichst breit recherchieren“, sagt Bettina Kann. Die Leiterin der „Digitalen Bibliothek“ der Österreichischen Nationalbibliothek sieht Wikipedia als „Chance, unsere Inhalte nutzbar zu machen. Die Verlinkung ist sehr wichtig für uns, weil wir so auch ein anderes bzw. neues Publikum erreichen.“ Als alleinige Quelle genüge Wikipedia aber nicht. „Nicht alles wird redigiert, also sollte man auch die Verläufe von Artikeln beobachten. Die Diskussionsforen sind ein wichtiges Korrektiv.“ Archivare schätzen Wikipedia vor allem, wenn es um harte Fakten geht, um Technik und „Science“. In Politik und schönen Künsten wird aber oft Geschichtsklitterung betrieben: Fakten werden schöngeschrieben, es wird parteiisch. Der zäheste Kampf soll um den Begriff „Neoliberalismus“ geführt worden sein. Und ist ganz objektiv noch nicht entschieden.


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