Facebook: Die digitale Chronik unseres Lebens

Mit seinem neuen Design will Facebook nicht nur mehr Übersicht schaffen, sondern das gesamte Online-Leben für alle gut sichtbar darstellen. Die eigene Chronik beginnt bei der Geburt. So auch auf Facebook.

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(c) Dapd (Joerg Koch)

Wer Facebook nutzt, kann ab sofort eine Funktion aktivieren, die das Benutzerprofil zum Chronisten des eigenen Social-Media-Lebens macht. Mit der passenderweise als „Chronik“ (im Original „Timeline“) bezeichneten Funktion bereitet Facebook die Anzeige nicht nur optisch auf, sondern bietet einen leichten Zugriff auf alles, was man je in dem Netzwerk von sich gegeben hat. Das mag für manche, die nach durchzechten Nächten die eine oder andere Indiskretion online verbreitet haben, nicht so vorteilhaft sein. Immerhin hat man sieben Tage ab Aktivierung der Facebook-Chronik Zeit, seine eigenen Einträge zu durchforsten und diverse Einstellungen vorzunehmen.

Wer schon bisher recht restriktiv verwaltet hat, wer was auf Facebook sehen darf und was nicht, wird hier nur wenig Aufwand investieren müssen. Die grundlegenden Datenschutz- und Privatsphäre-Einstellungen bleiben nach wie vor erhalten. Die „Timeline“ ist nur eine neue Möglichkeit, wie die Dinge innerhalb des Social Network dargestellt werden. Noch hat man die Wahl, ob man das neue Profildesign nutzen will. Einmal aktiviert, gibt es aber kein Zurück mehr.


Von der Wiege an. Die eigene Chronik beginnt bei der Geburt. So auch auf Facebook. Ein kleines Neugeborenen-Symbol am untersten Ende des Zeitstrahls zeigt das Geburtsdatum. Hier können Nutzer bei Bedarf eigene Babyfotos und Informationen über Geburtsgröße etc. angeben. Der nächste automatische Eintrag ist dann der Beitritt zu Facebook. Wer möchte, kann die Lücken dazwischen ebenfalls auffüllen. Einige Nutzer scheinen das Bedürfnis zu haben, etwa ihren Schulabschluss oder andere wichtige Erlebnisse mit ihren Online-Freunden zu teilen.

Auf der rechten Seite der neuen Ansicht findet sich eine Zeitleiste. Diese soll es erleichtern, ältere Beiträge aufzufinden. Bisher ist das im eigenen Profil nur recht mühsam möglich. Mit der Chronik lässt es sich also leichter in der eigenen Vergangenheit oder jener von Freunden herumstöbern. Das ist unter anderem ein Grund für Datenschützer, vor der Umstellung zu warnen. Sie sehen hier das Potenzial, dass Kriminelle sich so genauer über die Person informieren, um ihr Opfer später besser täuschen zu können.


Gewohnheitstier. Facebook hat schon sehr oft in seiner inzwischen siebenjährigen Geschichte das Profil neu gestaltet. Fast immer hagelte es daraufhin zahlreiche Beschwerden von Nutzern, die das alte Design zurückhaben wollten. Weniger aber deswegen, weil das neue schlechter funktionierte oder weniger Sicherheit bot. Vielmehr sind Facebook-Nutzer – obwohl sie in der volatilen Online-Welt beheimatet sind – erstaunlich konservativ. Das ist insofern verständlich, als das Social Network für sie doch zu einer Art zweiten Wohnung geworden ist. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wollte daher auch nicht nur einfach ein Werkzeug schaffen, das er „Chronik“ nennen kann, sondern gewissermaßen tatsächlich einen virtuellen Lebenslauf für die inzwischen mehr als 800 Millionen Nutzer seines Netzwerks. Gewissermaßen den Stammbaum im eigenen Wohnzimmer, den man stolz herzeigt.

Ob das neue Konzept gefällt oder nicht, ist den Schöpfern aber egal. In wenigen Monaten sieht wohl wieder alles anders aus. Insofern besteht doch ein Unterschied zur eigenen Wohnung. Nur die wenigsten Menschen tapezieren diese alle paar Wochen neu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2011)

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