25.05.2013 01:06 Merkliste 0

Verantwortungsvakuum in Wien

24.02.2012 | 18:53 |   (Die Presse)

Das Wirtschaftsressort war Verhandlungsführerin bei Acta, das Justizministerium gab den Ton an, ein Diplomat unterschrieb. Verantwortlich fühlt sich jedoch niemand für Acta.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien/Cu/Awe. Irgendwie dabei waren fast alle österreichischen Ministerien, doch verantwortlich fühlt sich niemand für Acta. Unterzeichnet hat das Abkommen ein Diplomat: Thomas Loibl, Geschäftsträger der Botschaft in Tokio, setzte am 26. Jänner 2012 in Tokio seine Unterschrift unter das multilaterale Handelsabkommen zum Schutz gegen Produktpiraterie. Grünes Licht hatte ihm ein, zwei Tage zuvor der Ministerrat auf Antrag des Außenamts erteilt.

Warum in Tokio? Dort hatten Japan, Australien, Kanada, Marokko, Neuseeland, Singapur, Südkorea und die USA das Abkommen am 1. Oktober 2011 zum ersten Mal unterfertigt. Heuer folgten die Unterschriften der EU sowie von 22 Mitgliedstaaten, darunter auch Österreich.

Von 2007 bis 2010 wurde um Acta gerungen. Verhandlungsführer war von österreichischer Seite nicht das Außen-, sondern das Wirtschaftsministerium. Eine Beamtin nahm in Brüssel an Sitzungen einer Arbeitsgruppe teil, in denen die EU-Mitglieder ihre Positionen koordinierten. Doch es wird noch komplizierter: Der EU-Rat trat das Verhandlungsmandat an die Kommission ab, die in elf Runden mit den USA, Japan und anderen Staaten um das Abkommen feilschte. Bei diesen Sessionen waren immer auch sechs bis acht Vertreter von EU-Mitgliedern dabei, manchmal auch Österreich. Das Wirtschaftsressort hatte die Aufgabe, Stellungnahmen aus anderen Ministerien einzuholen. Inhaltlich tonangebend war das Justizministerium, vor allem beim Urheberrecht. Als der Protest gegen Acta losbrach, herrschte in Wien das große Schweigen. Ein Ministerium schob dem anderen die heiße Kartoffel zu. Zu Wort meldete sich dann Staatssekretär Wolfgang Waldner per Twitter aus dem Urlaub. Er empfahl eine Neuverhandlung. Auf Nachfrage bezeichnete seine Sprecherin dies als „Privatmeinung“. Diese Naivität brachte ihm einen Rüffel im Außenamt ein, das sich bei der heiklen Materie im Hintergrund halten wollte.

Übernehmen soll die Kommunikation künftig das Wirtschaftsressort. Inhaltlich setzt das Justizministerium die Akzente. Beim Urheberrecht mache Acta gar keine gesetzlichen Änderungen in Österreich nötig. Die Ängste der User seien unbegründet, hieß es auf Anfrage der „Presse“. Trotzdem treibt Acta auch in Österreich Aktivisten auf die Straße. Für heute, Samstag, sind Demos in Wien, Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt und Bregenz geplant.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

6 Kommentare
Gast: Kein_gast
25.02.2012 15:10
1 0

Zusperren, abschaffen

Ministerien, die nicht wissen was, warum, für wen sie etwas tun, sind überflüssig und eine Geldverschwendung. Sie gehören umgehend abgeschafft, mitsamt ihrer zahlreichen Mitarbeiter mit fragwürdigen Kontakten und Loyalitäten.

1 0

Re.: "[Justizministerium läßt ausrichten:] Beim Urheberrecht mache Acta gar keine gesetzlichen Änderungen in Österreich nötig."


Diese Aussage ist entweder heuchlerisch oder strohdumm. Natürlich bleibt das Urheberrecht selbst ungeändert, - niemand von Vernunft hätte etwas anderes behauptet.

Kritisiert wird einzig und allein das Bündel von Maßnahmen, das u.a. privaten Einrichtungen massive Vorrechte und Sonderverfahren auf Kosten der Bürger einräumen soll zur Aufklärung und Verfolgung mutmaßlicher Rechteverletzungen.

Gast: gast xy
25.02.2012 13:17
0 0

mich...

...kotzt das land und seine mentalität schon so an....

Gast: glozar
25.02.2012 09:26
1 0

"Irgendwie dabei"

Den Eindruck hat man bei österr. Ministerien und Gesetzgebern stets, "irgendwie dabei". Pro forma halt, sind sie dabei, aber sie wissen meist nicht, was sie tun, sofern sie überhaupt etwas anderes tun als abnicken.

Geschrieben werden Gesetze außer Haus, sofern nicht die jeweilige Interessensorganisation ohnehin schon ihr Lager aufgeschlagen bzw. die Mitarbeiter im Ministerium untergebracht hat.

Nur der Bürger, der eigentliche Auftraggeber seiner Vertreter in der Gesetzgebung, der wird nicht gefragt, was er will und ob ihm das recht ist.

Gast: tigerenter
24.02.2012 21:16
0 0

na servas. die teilnahmslos überforderte ergebnislose chaostruppe am werkeln

wo die linke nicht weiß was die rechte tut.

welche meinung hat die anonyme beamtin vom wirtschaftsministerium denn in brüssel vorgetragen? ihre eigene? meine? die von irgendeinem wirtschaftskonzern? oder eh nur inhaltsloses quaqua als lästige pflichtunterbrechung eines luxuriösen ausflugs ...

so schauts nämlich aus.
grauenhaft und blamabel.

„I woa's ned“

könnte ja glatt unser Staatsmotto sein, wenn diesen Status nicht schon „Wos woa mei Leistung?“ innehätte.

JobNavi3 Jobs auf

» Mehr Tech-Jobs auf Karriere.DiePresse.com