Pinterest: Setzkasten für Netzfundstücke

17.03.2012 | 18:28 |  von Sara Gross (Die Presse)

In Pinterest wird das Sammeln und Zurschaustellen schöner Dinge zelebriert. Statt der Echtzeit-Credos von Facebook und Twitter steht Zeitlosigkeit im Mittelpunkt.

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Eigentlich sind Frauen nicht die typischen „early adopters“ der Technikbranche. Das neue Online-Angebot Pinterest ist da anders – wie auch in vielen anderen Dingen. 70 bis 80 Prozent der Nutzer sind Frauen. Geschätzte zehn bis elf Millionen Mitglieder sind es insgesamt und das, obwohl sich das Social Network noch in einer geschlossenen Beta-Phase befindet, also nur für eingeladene Personen zugänglich ist. Dass Pinterest der neue Darling der Internetszene und der Investoren ist, liegt an dem enormen Wachstum. Es ist schon ungewöhnlich, dass es der Dienst in nur einem Jahr und trotz der geschlossenen Testphase bereits unter die Top 20 der meistbesuchten Websites in den USA geschafft hat. Allein seit Jahresbeginn haben sich die Zugriffe laut der Web-Analyseseite Alexa mehr als verdoppelt.

Einfach schön. Warum es Pinterest gelingt, in dem von Facebook und Twitter mehr als stark besetzten Social-Media-Bereich Fuß zu fassen? Vielleicht, weil die Grundidee eine ganz andere ist, und Pinterest einen Bedarf deckt, der von Facebook und Twitter ignoriert wird. Statt schneller Echtzeitkommunikation geht es um Zeitlosigkeit. Pinterest-Nutzer legen Sammlungen aus Bildern an, die sie im Internet gefunden haben. Sammlungen zu bestimmten Themen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, die vorherrschenden Themen sind aber Heimdekoration, Design, Mode und Rezepte. Als weiteres Erfolgsgeheimnis gilt die Einfachheit der Sache. Ist ein neues Objekt der Begierde gefunden, kann es unabhängig davon, ob es in der Form eines BlogEintrages oder Online-Shop-Eintrages vorliegt, mit einem Klick in einen Pin verwandelt werden. Pinterest fügt dann lediglich das Bild zu einer beliebigen Sammlung hinzu und verlinkt mit dem originalen Beitrag. Die letzte Zutat zum Erfolg des Angebots ist Schönheit. Einen Begriff, den Ben Silberman, einer der Gründer von Pinterest, in Interviews immer wieder verwendet. An dem Layout der Seite, das passenderweise an gute alte Setzkästen erinnert, hat das Team lange gearbeitet. Es ist aber auch auffällig, dass die Sammlungen selbst meist einfach schön sind. Sie bestehen aus schönen Farben, Mustern, Formen, bezaubernden Kleidern, lecker aussehenden Torten, farbenfrohen Blumen und schönen Menschen. Kein Wunder, dass viele Nutzerinnen mit Pinterest Ideen für ihre Hochzeit sammeln, zumal solche Sammlungen auch gemeinsam befüllt werden können. Auch Kommentare und Likes sind möglich.

Viele „Boards“ – so heißen die Sammlungen – helfen dabei, persönliche Projekte umzusetzen. So lassen sich nicht nur Ideen für Hochzeiten sammeln, es gibt auch Boards für Einrichtung und Dekoration von Haus, Wohnung oder Garten, für die Familienweihnachtsfeier oder den Fitnessplan für das kommende Jahr. „Was man sammelt, sagt etwas darüber, wer man ist“, erklärt Silberman, der selbst schon als Kind Briefmarken und Käfer gesammelt hat.


Private Projekte? Pinterest ist schön, hat einen gewissen Suchtfaktor, ist aber in einigen Bereichen noch nicht perfekt. So fehlen zum Beispiel private Boards. Alle Sammlungen sind öffentlich und können von anderen Nutzern abonniert werden. Gelegentlich aber will man vielleicht Ideen für ein Projekt sammeln, das privaterer Natur ist. Gut denkbar, dass auch das bald möglich ist, schließlich befindet sich Pinterest noch in der Beta-Lernphase.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2012)

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