Der letzte Schrei? Twittern aus dem Jenseits

DeadSocial, ein neuer Dienst, ermöglicht es, auch nach dem Tod Nachrichten über Facebook, Twitter und Co. zu verschicken.

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(c) REUTERS (� Albert Gea / Reuters)

Auf der Homepage prangen die Porträts verstorbener Berühmtheiten wie Marilyn Monroe, Steve Jobs und Amy Winehouse. „Register forever free“, wird der User eingeladen. Dead Social ist ein Dienst zur Verbreitung von Nachrichten, die Menschen nach ihrem Ableben über diverse Sozial Networks wie Facebook, Twitter und Google+ versenden können. „Das ermöglicht es, unser digitales Leben im Netz zu verlängern“, sagt Gründer James Norris. 

Wie das funktioniert? User können sich bei deadsoci.al registrieren und Botschaften verfassen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt (nach ihrem Tod) an bestimmte Leute verschickt werden. Mit DeadSocial kann ein Vater nun seinen Kindern jedes Jahr zum Geburtstag gratulieren, auch Jahre nach seinem Tod. Damit das System weiß, dass man tot ist, muss man einem Vertrauten den Zugang ermöglichen, der die notwendigen Änderungen vornimmt.

„I'm dead“, postet einer der User: Auf dem Profilfoto ist ein älterer Herr zu sehen, dem eine Giraffe über das Gesicht leckt. „OK, ich bin jetzt tot, also vergesst die Regeln nicht: Kein Geheule auf meiner Beerdigung – niemand weinte für mich, als ich noch am Leben war, wieso also jetzt anfangen? Und: Es sollte Bier geben.“ Und eine Nutzerin freut sich über den neuen Webdienst: „Gott sei Dank kann ich meine Facebook-Freunde jetzt auch als Tote noch belästigen.“ Ein Anderer schreibt: „Seht her, ich stehe über dem Jordan und lächle... gesund und munter. Wir sehen uns später ;-p.“

Auch Gruppen können gegründet werden. „Vegans and Vegetarians of the Afterlife“ heißt eine von ihnen: „Für Menschen die zu ihren Lebzeiten Tiere liebten und damit auch nach ihrem Tod nicht aufhören werden!“

Nachrichten für Ungeborene

Ende April präsentierte Norris seine Idee bei der Internetkonferenz „The Next Web“ in Amsterdam. Die Reaktionen reichten von Verwirrung bis Empörung, Kritiker merken an, dass man den Verlust einer Person akzeptieren sollte, anstatt auf Nachrichten aus dem Jenseits zu hoffen. Norris ist selbstverständlich anderer Meinung. „Es wäre doch unglaublich, eine Nachricht von einem bereits verstorbenen Freund oder Angehörigen zu bekommen“, sagt er. „DeadSocial kann auch therapeutisch sein, für den Verfasser der Nachrichten und für den, der sie nach seinem Tod liest.“

Ob Norris Recht behält mit seiner Annahme, DeadSocial könne für viele nützlich sein, das werden am Ende die User entscheiden. Im Moment versucht DeadSocial noch, neue Nutzer anzuwerben, „einige Tausend“ wären es bereits, wie viele genau will Norris nicht verraten. Wie das Unternehmen einmal Profit abwerfen soll, scheint selbst ihm noch nicht ganz klar: „Wahrscheinlich durch Werbung, aber da müssen wir vorsichtig sein. Wenn, dann werden wir nur Schaltungen akzeptieren, die angebracht sind und relevant.“ Zur Zeit arbeitet er an einer Anwendung, die es erlaubt, Nachrichten für noch nicht Geborene abzuspeichern und zum richtigen Zeitpunkt zu verschicken. Dann wird es möglich, Botschaften zu verfassen, die sogar noch Enkelkindern und deren Nachkommen gelten.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2012)

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