26.05.2012 16:03 | Meine Presse Merkliste 0

Internet-Zensur: Google sprengt die Große Mauer

13.01.2010 | 17:31 |  Von Jutta Lietsch, Peking (Die Presse)

Der US-Konzern will sich nicht länger eine Selbstzensur unterwerfen und droht mit einem Rückzug aus China. Ausgangspunkt war ein Hacker-Angriff auf E-Mail-Konten.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Peking war gestern Schauplatz einer Internet-Sensation – zumindest für einige Stunden: Wer sich am Vormittag online über politisch heikle Themen wie das Tiananmen-Massaker informieren wollte, konnte mit dem Suchdienst Google ohne Mühe Fotos vom blutigen Einsatz der Armee im Juni 1989 finden. Sonst sind diese Informationen gesperrt. Doch die kurze Morgenröte verblasste so schnell wie sie gekommen war: Gegen Mittag waren die Zensoren aufgewacht. Die unter den 338 Millionen chinesischen Internet-Nutzern verhasste Botschaft „ . . . kann die Seite nicht öffnen“ erschien wieder auf den Bildschirmen der Computer.

Den kurzen Blick über die „Great Firewall“ („Große Feuermauer“) der Zensur erlaubte ein Ereignis, dessen Folgen für den US-Online-Giganten Google noch nicht abzuschätzen sind; es löste international eine neue Debatte über Informationsfreiheit in China aus. In einer bemerkenswert offen formulierten Erklärung hatte die US-Suchmaschine angekündigt, sie „erwäge“ einen kompletten Rückzug aus China. Gleichzeitig setzte Google die Selbstzensur außer Kraft, mit der Google.cn bislang auf Wunsch der chinesischen Behörden unliebsame Informationen gesperrt hatte.

Unter der Überschrift „Ein neuer Umgang mit China“ berichtete Google-Chefjurist David Drummond im Firmenblog über eine Serie von Hacker-Attacken: „Mitte Dezember haben wir einen sehr ausgeklügelten und gezielten Angriff von China auf die Infrastruktur unseres Unternehmens entdeckt, der zu einem Diebstahl von Googles geistigem Eigentum führte.“ Das Hauptziel der Angreifer sei offenbar der Zugang zu den Gmail-Adressen von chinesischen Bürgerrechtlern gewesen, schrieb Drummond. Unter diesen Umständen habe die Firma entschieden, „dass wir nicht länger bereit sind, unsere Suchergebnisse auf Google.cn zu zensieren“.

Der Konzern wolle nun mit den Behörden klären, ob die lokale Google-Suchmaschine fortan frei zugänglich gemacht werden könne. Drummond: „Wir sind uns bewusst, dass dies bedeuten kann, dass wir die Website Google.cn und möglicherweise auch unsere Büros in China schließen müssen.“

Facebook und Twitter gesperrt

Der Google-Konflikt mit der chinesischen Regierung kommt zu einer Zeit, in der vor allem Bürgerrechtler eine deutliche Vereisung des politischen Klimas spüren. Erst vor wenigen Wochen ist der Ehrenpräsident des unabhängigen PEN-Schriftstellerverbands, Liu Xiaobo, wegen des im Internet verbreiteten Reformappells „Charta 08“ und sechs weiterer Internet-Aufsätze zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Mit immer neuen Kampagnen, die sich offiziell vor allem gegen Pornografie und kriminelle Machenschaften im Cyberspace richteten, wurden in den vergangenen Monaten Tausende Websites geschlossen. Facebook und Twitter sind ebenfalls gesperrt.

Chinas kommunistische Partei hat das Internet von Anfang an als Chance und Gefahr zugleich begriffen: Um ihr Land so schnell wie möglich zu modernisieren, neue Industrien anzusiedeln und die Kommunikation über tausende Kilometer hinweg zu vereinfachen, ließ sie die entferntesten Gegenden verkabeln und mit Sendemasten ausrüsten. Breitband-Anschlüsse  sind selbst in kleinen Ortschaften die Regel.
Zugleich entwickelte Peking ein komplexes System der Zensur: Dazu gehören immer wirksamere Filter, die auch ausländische Firmen wie das US-Unternehmen Cisco lieferten. Sie tasten die Internet-Verbindungen zum Ausland nach unliebsamen Informationen ab und blockieren Kontakte zu unerwünschten Internet-Adressen weltweit.

Viel effektiver als diese technischen Hilfsmittel ist jedoch der Zwang zur Selbstzensur, mit dem jeder Internet-Provider und jede Online-Firma in China konfrontiert ist: Ihre Manager erhalten von den Sicherheitsbehörden und den Propaganda-Abteilungen der KP allwöchentlich Listen mit Themen und Online-Adressen, die blockiert werden müssen. Wer sich an diese Vorgaben nicht hält, muss mit saftigen Geldstrafen rechnen – oder sogar mit Lizenzentzug und damit dem Verlust des gesamten Geschäftes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.1.2010")

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

36 Kommentare
 
1 2
Gast: GuanYu
13.01.2010 21:43
0 0

Wenn man in china eine search engine nutzt dann

ist das normalerweise Baidu und selten google..

0 0

Re: Wenn man in china eine search engine nutzt dann

Wenn Baidu immer verwendet wird, wie kommt dann Google auf einen Marktanteil von ca. einem Drittel?!

Antworten Antworten Gast: GuanYu
14.01.2010 14:28
0 0

Re: Re: Wenn man in china eine search engine nutzt dann

nach 6jahren in china sag ich nur was ich sehe und dass ist nun mal dass die meisten leute hier baidu benutzen..marktanteil von baidu liegt in china nun mal bei 76%...

0 0

Re: Re: Re: Wenn man in china eine search engine nutzt dann

Ja, nach EIGENEN Angaben hat Baidu 76%, andere sehen Google bei 35%. Und selbst wenn, 24% würde ich nicht als "selten" bezeichnen...

Weiters sagen Sie ganz richtig: "was ich sehe". Ich würde schätzen, die meisten Chinesen verwenden Baidu, sobald ihnen jemand dabei zuschaut. Nur um sicher zu gehen.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: GuanYu
14.01.2010 18:07
0 0

Re: Re: Re: Re: Wenn man in china eine search engine nutzt dann

das mit den 76-77% marktanteil kann schon stimmen, es hat sich hier einfach etabliert baidu zu benutzen... baidu bietet den leuten hier hald lokale news informationen an zu den events und der jugend bietens hald an haufen applications, popstars und weiß der teufel was noch alles an, die jugend interessiert sich hier hald auch eher weniger für politik...wikipedia zu öffnen usw is auch kein problem nur youtube funktioniert ohne proxy net...

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: derinformatiker
15.01.2010 11:06
0 0

Re: Re: Re: Re: Re: Wenn man in china eine search engine nutzt dann

da muss Ich Ihnen recht geben, google hat bis jetzt sehr wenig für den chin. markt getan und die "Suchmaschine" Baidu die sich mittlerweile auch in japan und korea heimisch fühlt, besitzt sehr viele features die von dem chin. ottonormalverbraucher gerne genutzt werden siehe dazu -> http://en.wikipedia.org/wiki/Baidu

Antworten Gast: gast
13.01.2010 22:51
0 1

Re: Wenn man in china eine search engine nutzt dann

danke für den hinweis prokommunistischer linientreuer

Antworten Antworten Gast: GuanYu
14.01.2010 14:39
0 0

Re: Re: Wenn man in china eine search engine nutzt dann

was hat mein statement mit kommunismus zu tun?

1 0

hm

ich sach ma, dass es nicht wirklich um freiheit geht, die google unterstützen will, das war ihnen bis heute wurscht.
ich vermute mal, dass die chinesen, wie immer, patente missachten, verträge auslaufen ließen usw und es für die google krake kein (so großes) geschäft mehr ist.

denen ist nur $ wichtig, moral kommt nach dem fressen.
drum=> in ost und west nichts neues


Antworten freeman
14.01.2010 13:40
0 0

Und?

Warum bemüht man sich krampfhaft, die Absichten zu bewerten anstatt das Ergebnis?

Mir ist "ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und doch das Gute schafft" beim Teufel lieber als das Gegenteil - die klassische Gutmenschenphilosophie.


0 0

Re: hm

Ein Drittel des Markts ist für Google nicht mehr interessant? Glaub ich nicht.

Und bisher war Google der Ansicht (meiner Meinung nach zu Recht), dass es besser und dem Freiheitsdenken förderlicher sei, den Chinesen 99,99% der Google-Datenbank zur Verfügung zu stellen statt 0%.

Gast: Fidel Gastro
13.01.2010 14:23
0 0

"Google droht mit Rückzug aus China"

Möchte Google sich dann auch aus westlichen Ländern zurückziehen, wo solche Hackerangriffe an der Tagesordnung sind und sogar offiziell von Staatsorganen ausgeführt werden?

0 0

Interessant: Google zensiert nicht mehr?!

Oder wie sonst kommen Bilder des Dalai Lama auf google.cn?!

http://bit.ly/5gvXsW

0 0

Interessant: Google zensiert nicht mehr?!

Oder wie sonst kommen Bilder des Dalai Lama auf google.cn?!

http://bit.ly/5gvXsW

Antworten Gast: derinformatiker
14.01.2010 00:27
0 0

Re: Google zensiert noch

wenns so einfach wär warum surft nicht jeder chinese einfach auf "google.com"?
ich kann gerade bestätigen dass man in china auch viva "google.at" suchen kann und es is trotzdem zensiert, bin nämlich grad in china. das ganze hat nix mit der endung ".cn" zu tun falls es sie interessiert.

0 0

Re: Re: Google zensiert noch

Weil es da die Große Chinesische Feuermauer gibt, die genau kontrolliert, auf welche IP-Adressen ausserhalb Chinas zugegriffen werden kann.

Und wer sagt, dass google.at innerhalb Chinas nicht auf google.cn-IP-Adressen auflöst?

Aber nachdem Sie in einer Position sind, das Ganze zu verifizieren: wie sieht es denn aus mit einer Bildersuche nach "Tianamen"? Auf google.cn und auf google.at und auf google.com? Was liefern die?

Antworten Antworten Antworten Gast: der informatiker
14.01.2010 14:34
0 0

Re: Re: Re: Google zensiert noch

natürlich wie sie schon sagen ist das ganze ein wenig komplizierter
die0 eingabe von "tiananmen" liefert zwar ergebnisse allerdings können die seiten und bilder nicht geöffnet werden, aber das war auch schon vor einem halben jahr so als ich das letzte mal hier war. es hat sich meiner ansicht nach nichts verändert o_O

0 0

Re: Re: Re: Re: Google zensiert noch

Das liegt dann wohl nicht mehr an Google, sondern da wird wohl die Große Chinesische Feuerwand dazwischen funken und die Bilder und Seiten blockieren. Die Bilder im Google-Cache kann man anschauen?

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: derinformatiker
15.01.2010 10:42
0 0

Re: Re: Re: Re: Re: Google zensiert noch

nein hat sich nichts verändert, ich hab gestern noch routing-protokolle gecheckt und die sehn aus wie das letzte mal im sommer 2009 und februar 2009. bilder sind bei google nachwievor im chache nicht sichtbar, das war aber auch schon immer so.

0 0

Google scheint wirklich ernst zu machen!

Die Suche nach "Tianamen" liefert den Studenten vor dem Panzer: http://j.mp/7fRHTU http://j.mp/4CYBGl

Gast: gast
13.01.2010 10:58
1 18

in china ist ein sack reis umgefallen

interessiert uns das wirklich?

Antworten AM
13.01.2010 12:19
8 1

Re: in china ist ein sack reis umgefallen

bitte verschonens uns mit der "geht mich nix an" Philosophie. Das sollte Sie eigentlich brennend interessieren, wir reden hier von der künftigen Supermacht #1 auf unserer gemeinsamen Erde. Nur weil wir jetzt gerade außerhalb des Einflussbereiches Chinas liegen, heißt das noch lang nicht, das wir niemals deren Politik zu spüren bekommen werden.

Appesamentpolitik war der Grund für den größten Krieg der Geschichte und auch heute ist einfaches wegschauen der Grund für viel Elend auf dieser Welt.

Seien Sie mir also nicht böse wenn ich Ihren Kommentar zum erbrechen finde.

Antworten Antworten Gast: gast1
13.01.2010 22:53
1 3

künftige supermacht 1

sie lesen wohl zu viele science fiction romane oder glauben alles was so im fernsehen erzählt wird

0 0

Re: künftige supermacht 1

also ich lebe hier, glauben Sie mir
in 10 - 15 Jahren ist China die Supermacht #1

Antworten Antworten Antworten Antworten renmin
14.01.2010 11:38
0 0

Re: Re: künftige supermacht 1

Warum? Was macht Sie da so sicher? Ich denke, dieses Land wird total ueberschaetzt. Die haben Null Fundament unter ihrem Wirtschaftswachstum, das zum Grossteil mit Bauprojekten erwirtschaftet wird. Wenn Sie in China sind, werden Ihnen sicher die leerstehenden Buerohaeuser und Einkaufszentren aufgefallen sein. Momentan gibt es in Peking eine Ueberkapazitaet von nahezu 40%!!
Und es wird weitergebaut. China vergleicht sich mit Amerika oder Europa? Laecherlich! Die Welt sollte sich nicht von den kommunistischen Politmumien blenden lassen. Ein grosser Teil des momentanen Glanzes in diesem Land ist Fassade. Lug und Trug. Das weiss die Regierung natuerlich. Darum sind die auch so nervoes.

0 0

Re: Re: Re: künftige supermacht 1

Nun, zum einen einen Heimmarkt mit 1,54 Milliarden Menschen die konsumieren als obs morgen nichts meh gäbe, ein Grund warum die Wirtschaftkrise das Chinesische Wirtschftswachstum auf nur 6,8% gdrückt hat während Europa und Amerika sogar negative Zahlen aufweist. Zum anderen die Lern- und Wissbegierigkeit der Chinesen. Üblicherweise sehen wir in den Chinesen ja nur die keinen Arbeitsameisen die für uns für einen Hungerlohn die Bekleidung anfertigen, aber die Wirklichkeit ist eine Andere. Eine Armee von hochgebildeten und Motivierten Menschen steht auch dahinter. Mit Sicherheit wird die Bauboomblase in einiger Zeit zuschlagen wie auch @AM angemerkt wird aber da<s wird die wirtschaft nicht nachhaltig schädigen. Man kann vom Politischen System halten was an will, aber erst das System hat das Wachstum Chinas in diesem Ausmaß ermöglicht.

 
1 2