Tokio. Mit entblößten Bäuchen stellten sich zwei stellvertretende Gesundheitsminister Japans der eigenen und der zunehmend nationalen Fettleibigkeit in den Weg. Der volle Körpereinsatz ist dringend nötig, denn die einst gesündeste Sushi-Nation der Welt verfällt dem Laster westlichen Essens.
Ein halbes Jahr lang wollen die Bürokraten Keizo Takemi und Noritoshi Ishida der Nation etwas "vorfasten". Der 55-jährige Ishida will sechs seiner 88 Kilo Körpergewicht verlieren, sein gleichaltriger Ministerkollege fünf seiner 84 Kilo. Beide Politiker gehören zu jenen derzeit 13 Mio. Japanern, die nach Berechnungen des Tokioter Gesundheitsministeriums unter dem Metabolischen Syndrom leiden und tendenziell gefährdet sind, an der "Lifestyle-Krankheit" zu sterben. Weitere mehr als 14 Mio. sind stark anfällig dafür - insgesamt über ein Fünftel der Bevölkerung.
Japans Ärzte und Ernährungsspezialisten warnen besonders vor diesem international umstrittenen Stoffwechsel-Syndrom, das nach japanischer Definition auftritt, wenn zu den lästigen Speckringen in der Körpermitte Bluthochdruck oder erhöhte Zucker- sowie Lipidwerte hinzukommen. Männer, die über 85 Zentimeter und Frauen, die mehr als 90 Zentimeter Bauchumfang messen, müssten dringend ins Fitnesszentrum gehen, rät das Gesundheitsministerium.
Auf den ersten Blick scheint zumindest bei den Damen das Thema Übergewicht kein Problem. Auf Tokios Straßen flanieren beneidenswert schlanke Frauen. Mit mageren drei Prozent weisen Japanerinnen die geringste Fettleibigkeitsrate der Welt aus. "Japanische Frauen werden nicht alt und dick. Rezepte aus der Tokioter Küche meiner Mutter", heißt ein Bestseller von Naomi Moriyama, die die traditionelle Ernährung des fernöstlichen Inselreiches als Garant für die Figur beschreibt: viel Gemüse, Obst, Fisch, Soja und Reis, kaum Fett, Fleisch und Zucker.
"Wer die Alltags-Realität genauer betrachtet, sieht sehr beunruhigende Trends", warnte kürzlich die "Japan Times". Japaner würden lieber Fast Food essen anstatt Miso-Suppe und Fisch. Dabei brachte Brot, Butter und Fleisch erst die Besatzungsmacht USA vor rund 60 Jahren nach Japan. Auf zunehmend westliche Ernährung plus Stress folgen zwangsläufig auch die westlichen Zivilisationskrankheiten. Ernährungsexpertin Moriyama sieht bereits eine "Fettsucht-Krise am Horizont", die vor allem Männer im mittleren Alter und den Nachwuchs erfasst.
Dadurch könnten natürlich die Gesundheitskosten weiter explodieren. Schon jetzt werden in Japan jährlich zwei Mrd. Euro für Anticholesterol-Medikamente ausgegeben. Der Chef der japanischen Gesellschaft zum Studium von Fettsucht, Yuji Matsuzawa, bringt die alarmierende Entwicklung auf die einfache Formel: "Die Japaner bewegen sich nicht mehr ausreichend und sie essen zu viel."
Vor allem Kinder sollen sensibilisiert werden. Noch in diesem Jahr werden zehn Pilotprojekte in verschiedenen Präfekturen des Landes in Angriff genommen, in denen Ideen zur Verbesserung der Essgewohnheiten getestet werden. Bauern erklären, warum lokales Gemüse bekömmlicher ist als ein Cheeseburger, und Familien werden angehalten, ihren Kindern wenigstens zweimal in der Woche ein japanisches Frühstück zu bereiten.
Nach Ansicht von Frau Moriyama ist die Menüwahl eine Schicksalsfrage für das Land. "Wenn sich die Masse der Japaner für Fast Food, westliche Portionen und weniger Bewegung entscheidet, wird Japan in zehn Jahren eine fette Nation mit einer nicht mehr zu kontrollierenden Adipositas-Epidemie." Besinnt sich die Bevölkerung auf die Wurzeln ihrer traditionellen Ernährung, "wird sie das gesündeste Volk der Welt bleiben".


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