Wenn Sie irgendwo, in einem Antiquariat etwa, ein zerfleddertes Exemplar von Wilson Tuckers „Das Jahr der stillen Sonne“ finden, schlagen Sie zu. Die Kosten sind voraussehbar gering – die Science-Fiction-Taschenbücher der Siebzigerjahre sind ja heutzutage aus der Mode. Und Tucker zählte nie zu den Stars. Immerhin wurde er in die amerikanische Science Fiction Hall of Fame aufgenommen. „Das Jahr der stillen Sonne“ ist einer von einem halben Dutzend Zeitreiseromanen aus seiner Feder. Und meinem Geschmack nach der spannendste. Das gilt für das gesamte Genre, in dem Zeitmaschinen keine geringe Rolle spielen. Und, das können Sie mir glauben, ich habe fast alle gelesen, die mir im Alter zwischen zwölf und 18Jahren in die Hände fielen.
An Tuckers Roman erinnerte ich mich, als ich diese Woche eine Meldung aufschnappte: Wissenschaftler aus Hongkong hätten in einem Experiment nachgewiesen, dass sich nichts schneller als Licht bewegen könne. Die Umkehrung des Kausalitätsprinzips – Ursache zeitigt Wirkung – sei unmöglich. Zeitreisen, bis dahin nicht gänzlich undenkbar, werden so endgültig ins Reich der Fabel verwiesen. „Unsere Ergebnisse belegen, dass sich auch die Quanten des Lichts an das Geschwindigkeitslimit der Speziellen Relativitätstheorie halten“, so Forschungsleiter Shengwang Du. Ich erspare Ihnen die Details, aber das Urteil der Quantenphysiker klingt apodiktisch.
Jammerschade. Denn: Wenn mir ein Gadget noch fehlt, dann eine schnuckelige Zeitmaschine. Ich würde einiges dafür geben, auf einer Anzeige etwa das Jahr 1612 einstellen zu können. Und auf einen Knopf zu drücken, der mich als „Time Tourist“ in jene Ära schleudert. Sagen wir: auf den Marktplatz der stolzen Bürger- und Bauernstadt Retz in Niederösterreich, wo ich mich gerade aufhalte. Und, nein, ich würde natürlich einen Teufel tun und keinesfalls versuchen, ins Geschehen einzugreifen. Etwa, in dem ich meiner Urururgroßmutter schöne Augen mache. Paradoxa dieser Art waren ja auch immer die Fußangeln aller einschlägigen Groschenromane.
„Das Jahr der stillen Sonne“ ist mir deswegen in Erinnerung geblieben, weil es keine gloriose Space Opera ist. Sondern eine depressive Vision des Zerfalls der USA. Eventuell ist es ja ein Glück, nicht in die Zukunft schauen zu können. Über die Vergangenheit wissen wir Bescheid – und lernen doch nichts draus.
Mehr unter: groebchen.wordpress.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2011)
Lumia 800 im Test Solider Neuanfang für Nokia
Ego-Geschenke Zubehör für die Weihnachtsbeute
Galaxy Nexus Android-Supermodel im Test