Toronto/Wien/Ag./Red. Manchmal glaubt man, es könnte nicht mehr schlimmer kommen. Als Research in Motion (RIM), Hersteller des Blackberry, im März die vernichtenden Verkaufszahlen seines vierten Quartals verkündete, glaubten viele, der Tiefpunkt sei erreicht. Doch es geht noch schlimmer: Im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres (bis 2. Juni) brach der Umsatz um weitere 33 Prozent auf 2,8 Mrd. Euro ein.
Damit nicht genug: Der Verlust belief sich auf 518 Mio. Dollar (inklusive Abschreibungen in Höhe von 326 Mio. Dollar). Und auch damit ist es noch nicht getan: Das neue Betriebssystem Blackberry 10 wird nicht, wie geplant, noch heuer auf den Markt kommen, sondern erst 2013. „Wow“, meinte Edward Snyder, Analyst von Charter Equity Research. „Das ist ein Desaster.“ Das dachten andere auch: Die Aktie brach nachbörslich um 18 Prozent ein.
Wie verheerend es für RIM aussieht, weiß man in Waterloo, vielsagenderweise der Firmensitz in Kanada. Der aus Deutschland stammende Vorstandschef Thorsten Heins kündigte den Abbau von 5000 Stellen an, um die Kosten zu drücken – fast ein Drittel der Belegschaft (16.500 Personen arbeiten aktuell für RIM). Das ist bereits die dritte Kündigungswelle.
Sein Heil sucht Blackberry nun angeblich ausgerechnet bei einem Konkurrenten: Angeblich gibt es intensive Gespräche mit Microsoft, berichten Reuters und Bloomberg. Eingeweihten Personen zufolge sei RIM bereit, das eigene Betriebssystem aufzugeben und Microsofts Windows-Variante einzusetzen. Ganz so, wie das zuvor auch schon der finnische Handyhersteller Nokia getan hat. Microsoft könnte sogar das gesamte Unternehmen kaufen, es ist derzeit ein Schnäppchen: An der Börse ist RIM nur noch mit fünf Milliarden Dollar bewertet. Binnen Jahresfrist hat der Hersteller der ersten echten Smartphones somit drei Viertel seines Werts verloren. Hauptgrund dafür ist die fehlende Strategie, wie man auf Apples iPhone und Googles Android reagiert.
„Wie wenn ein Welpe stirbt“
Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten für die Kanadier, die ihre eigene Software und Hardware herstellen und ein eigenes Netz für den E-Mail- und Nachrichtendienst betreiben. Dieses Netz hat es der Konkurrenz angetan, mit einem Verkauf könnte man zumindest die Hard- und Software-Sparte retten. Doch hätte dann auch der Käufer die schnellen und sehr sicheren E-Mail-Dienste Blackberrys zur Verfügung. Oder man verkauft den Hard- oder Softwarebereich. Auch das werde intern diskutiert, hieß es.
Heins will davon nichts wissen: Er bleibe dabei, dass Blackberry nur als Ganzes funktionieren könne, meinte er in der Nacht auf Freitag vor Analysten.
Die befürchten jedenfalls das Schlimmste für den von vielen noch immer bevorzugten und geliebten Maildienst und die Handys mit Tastatur. „Es ist, wie einen Welpen sterben zu sehen“, meinte Analyst Matthew Thornton von Avian Securities. „Es ist furchtbar.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)
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