Robert Chvátal ist seit 1. März 2007 Chef von T-Mobile Österreich. Mit 1. September des heurigen Jahres wird er diesen Posten an den ehemaligen AUA-Vorstand Andreas Bierwirth übergeben. DiePresse.com traf sich mit Chvátal zum vermutlich letzten Gespräch in seiner Funktion als Geschäftsführer des Mobilfunkbetreibers.
DiePresse.com: Sie verlassen T-Mobile demnächst und ziehen nach Prag. Wissen Sie schon, was Sie dort machen werden?
Robert Chvátal: Das kann und will ich noch nicht sagen. Ich möchte nach 15 Jahren Tätigkeit in drei verschiedenen Ländern jetzt eine Balance mit meiner Familie finden. Die Entscheidung ist nicht über Nacht gefallen. Dass es bereits einen Nachfolger gibt, ist natürlich gut.
Was ist in Ihren Augen eine der wichtigsten Herausforderungen für ihren Nachfolger Andreas Bierwirth?
In Österreich muss man die Frage beantworten, wie man in diesem Markt wirtschaften kann, so dass Investitionen möglich sind. Netzausbau ist dringend notwendig, da besonders die Datennutzung exponenziell ansteigt, während die Umsätze schrumpfen. Daher ist auch die Konsolidierung des Marktes unvermeidbar. Die Firmen dürfen nicht ohne Ende Verluste schreiben.
Der geplante Kauf von Orange durch 3 wird von den Behörden derzeit ja kritisch beurteilt. Wäre es für T-Mobile nicht sogar besser, wenn der Deal platzt und einer der beiden aufgeben müsste?
Wir fahren keine "Ätsch-Strategie". Klar ist aber, dass erst nach der Konsolidierung neue Investitionen möglich sind. Man benötigt diese "economies of scale", um langfristig überleben zu können.
Es heißt, die Eigentümer von Orange würden kein Geld mehr zuschießen wollen. Wäre das dann das Aus? Und könnte T-Mobile dann nicht von den Kunden, die dann einen neuen Betreiber suchen, profitieren?
Dass eine solche Investition total abgeschrieben wird, glaube ich nicht. Es wäre auch für die Kunden sehr unangenehm, wenn ein Anbieter den Betrieb einstellen muss.
Was ist eines Ihrer wichtigsten Erkenntnisse aus den Jahren in Österreich?
Wir müssen damit leben, dass die Preise sehr niedrig sind. Und es ist verdammt hart, die Preise wieder zu erhöhen. Ich glaube nicht sehr daran. Wir müssen einfach mehr anbieten. Musik-Streaming ist ein gutes Beispiel, wie man Dienste bündeln kann. Dazu auch ein Gerät, das viel machen kann.
Gerade Online-Dienste belasten die Netze aber wieder.
Das stimmt. Aber auf der anderen Seite sollen wir den Kunden das anbieten, was unsere Netze können, nämlich Daten transportieren. Die Herausforderung ist, zu welchem Preisniveau das funktioniert. Mein Glaube für die Zukunft bei den Daten ist, dass es für die Branche zwingend notwendig ist, die Differenzierung der Preisgestaltung über Quality of Service zu gestalten.
Das heißt, dass man einen gewissen Basis-Datendienst hat, und bestimmte Arten von Datenübertragungen besser funktionieren, wenn man einen Aufpreis zahlt?
Ich kann mehr anbieten für einen ein bisschen höheren Preis. Ähnlich wie bei Sprachtelefonie. Wenn ich jemandem 300 Minuten oder 3000 Minuten anbiete, zahlt man unterschiedlich.
Sie haben Geräte angesprochen. T-Mobile war das erste Unternehmen, das das iPhone nach Österreich gebracht hat...
Wir waren immer Verfechter von neuen Betriebssystemen. Wir waren die ersten, die damals Blackberry eingeführt haben. Wir waren die ersten, die iOS mit dem iPhone eingeführt haben. Und wir waren die ersten, die Android eingeführt haben. Ich kann mich erinnern, wie die Konkurrenten darüber gelächelt haben, weil das Gerät damals nicht mit dem iPhone zu vergleichen war. Jetzt denkt niemand mehr daran, dass Android lächerlich sei.
Was ich eigentlich fragen wollte: Sie haben mit dem allerersten iPhone begonnen, das die 3G-Netze noch nicht nutzen konnte. Das war ein wichtiger Prestige-Sieg für Sie, aber war es nicht ein bisschen zu früh, auf genau dieses Gerät zu setzen und nicht erst auf das iPhone 3G?
Ich denke das war einer der besten Erfolge, die wir erzielen konnten. Man sah, wie schnell sich diese ganz andere Art, wie man ein Mobilgerät nutzen kann, durchgesetzt hat. Wenn wir etwas meistern müssen, sind es die Preiskonzepte, aber nicht einschränken, was die Leute benutzen wollen, weil etwa das Netz nicht mehr bei der Kapazität mithalten kann.
Gerade in einem Markt wie Österreich bietet dann aber ein Mitbewerber das iPhone für 0 Euro an. Ärgert Sie das?
Unsere Kernkompetenz ist, leistungsstarke Netze zu betreiben, die mit neuesten Technologien ausgestattet sind und die Bündelung von verschiedenen Dienstleistungen. Und nicht, um jeden Preis jedes Gerät um Null anzubieten. Das war ein Schwachsinn unserer Branche. Man sieht auch in einigen Ländern, dass die Branche sich davon wegbewegt. Wir müssen viel stärker darauf schauen, dass wir mit unseren Netzen mit den Bedürfnissen der Kunden mithalten.
Da möchte ich gleich weitermachen. Stichwort Frequenzen und LTE: Bedauern Sie es, dass Sie die Frequenzvergabe nicht mehr als aktiver CEO in Österreich miterleben werden?
Dann müsste ich viele andere Dinge auch bedauern. Ich bedauere mehr, dass ich nicht mehr mit den vielen tollen Leuten hier arbeiten werde. Ich habe schon einige Frequenzvergaben miterlebt. Wir haben unsere Strategie für die Ausschreibung schon diskutiert, da wir sie schon für heuer erwartet hatten. Wir haben ein gutes Gefühl dafür, welches Spektrum wir zu welchen Bedingungen haben wollen.
Was werden Betreiber in die Hand nehmen müssen bei der Neuvergabe der Frequenzen? Es wird eine dreiviertel Milliarde Euro kolportiert, die das Finanzministerium damit einnehmen wird können.
Das glaube ich nicht. Wenn man solche Vorstellungen hat, hat man kein Verständnis für Industriepolitik. Man schwächt die ganze Branche in Österreich und es scheint den Verantwortlichen egal zu sein, welche Infrastruktur ausgebaut werden soll. Wir werden versuchen, Bedingungen anzubieten, die nach dem Prinzip funktionieren: Je mehr man bereits investiert hat, desto weniger muss man zahlen. Wenn man ein wirtschaftliches Verständnis hat und eins und eins zusammenzählen kann, sieht man, dass die Kunden superniedrige Preise genießen. Und die Branche schrumpft, mehr als in anderen Ländern. Ich würde uns aber noch als Zukunftsindustrie und nicht als Auslaufmodell bezeichnen, wir produzieren ja keine analogen Filme.
Europa galt früher als Innovationsführer beim Mobilfunk. Sehen Sie das immer noch so?
Momentan ist es so in der Branche, dass auf Basis des Superwettbewerbs, der geschaffen worden ist, "over the top" Player unheimlich viel Geld machen können. Die "Magnificent Five", Apple, Google, Amazon, Yahoo, Microsoft, sind alle Amerikaner. Ich finde es bedenklich, dass Europa die Telekommunikations-Führerschaft verloren hat. Derzeit spielen wir die zweite Geige.
Wie ist das passiert?
Wir haben uns auf Regulierung fokussiert und es gab keine Industriepolitik. Und die Telekomunternehmen wie Nokia waren so groß, dass sie es nicht nötig hatten, in andere Bereiche zu investieren. Firmen wie Google haben früher nicht existiert, die sind aus dem Nichts gekommen. Es ist immer schwierig, diese Größe zu verlassen und etwas neues zu machen.
Haben Sie noch Hoffnungen für Nokia?
Die Hoffnung muss sein, dass sie eine Hardware und Software mit Microsoft gut verbinden können. Wenn das nicht passiert, wird das schwierig. Ich habe natürlich Hoffnungen für Nokia, weil ich denke, dass sie früher ein Paradebeispiel für Benutzerfreundlichkeit waren. Das haben sie gegen Apple verloren. Momentan verdienen - mit unserer Unterstützung - nur Apple und Samsung. Alle anderen sind, soweit ich das beobachte, bestenfalls nahe an der schwarzen Null.
Abschließende Frage: Was wünschen Sie sich für die Branche, sowohl als Noch-Chef von T-Mobile als auch als Kunde?
Für die Branche allgemein wünsche ich mir, dass eine Balance zwischen Regulierung und Industriepolitik existiert. Die Politik muss klarstellen, was sie überhaupt von der Mobilfunkbranche will. Der Konsumentenschutz ist zumindest schon sehr entwickelt in Österreich. Persönlich wünsche ich mir, dass die Kunden bereit sind, neue Dinge auszuprobieren. Es erfüllt mich mit Hoffnung, dass unsere Musikstreaming-Angebot von tausenden Kunden positiv aufgenommen wird. Ich glaube, das ist der Weg in die Zukunft.
(db)
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