DiePresse.com: In den letzten Wochen hat ja einiges gebrodelt, insbesondere das Patentverfahren mit Apple. Wird sich das Urteil auch auf den österreichischen Markt auswirken?
Martin Wallner: Ich kann es schlichtweg nicht sagen. Bis heute hat es noch nie eine Klage in Österreich gegeben, oder eine, die die europäische Union getroffen hätte, sondern immer sehr länderspezifisch mit sehr unterschiedlichem Ausgang. Bis heute dürfen wir noch jedes Gerät verkaufen.
Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass Samsung nur für den US-Markt seine Geräte anpasst, um Apple-Patente zu umgehen und für den Rest der Welt die alten weiterhin verkauft.
Soweit ich informiert bin, sind diese acht Geräte nicht die neuesten und man muss schlichtweg abwarten, wie es endgültig ausgeht. Aber für Österreich sehe ich keine Auswirkung. Selbst wenn es hält, gilt dieses Urteil nur für den amerikanischen Markt.
Man hat das Gefühl, US-Konsumenten sind stärker Apple-affin als Österreicher. Sie haben sich ja sehr positiv in Österreich entwickelt. Wie schaut es mit aktuellen Verkaufszahlen aus, speziell mit dem Galaxy S3?
Wir haben das S3 im Mai gelauncht. Im Juli war es das meistverkaufte Smartphone in Österreich. In Summe ist jedes zweite in Österreich verkaufte Smartphone ein Samsung. Natürlich macht uns das zufrieden. Es wird manchmal in der Presse so dargestellt, als ob das ein Kampf zwischen A und B wäre. Wir sehen das ehrlich gesagt nicht so. Wir sind daran interessiert, so viele Kunden wie möglich mit einer Vielzahl an Geräten glücklich zu machen. Bei uns gibt es nicht die Maßgabe "das ist jetzt der Böse". Der Markt dreht sich so schnell, es werden immer wieder andere kommen.
Ist genau das nicht auch ein bisschen Grund zur Besorgnis? Wenn man sich ansieht, wie schnell Samsung seine Position erreicht hat, besteht doch auch die Gefahr, dass andere bisher nicht so starke Konkurrenten Sie wieder verstoßen.
Ich bin jetzt fast schon ein Dinosaurier in der Branche. Ich war selbst einmal bei Siemens Mobile, die es nicht mehr gibt. Wir sind nicht arrogant oder größenwahnsinnig. Bei uns gibt es einmal ein "Gratuliere, gut gemacht!", aber dann heißt es weitermachen. Ich denke schon, dass andere Hersteller ihre Chance haben. Aber ich bin jetzt sechs Jahre dabei und wir haben uns drei Jahre vorbereitet, bevor es für uns erst so werden konnte, wie es jetzt ist. Wir haben viel Geld in die Marke und den Aufbau des Teams gesteckt. Bei uns arbeiten - das muss man sich einmal vorstellen - mehr Menschen als bei allen anderen Herstellern zusammen, wenn man nur die Handyproduzenten hernimmt. Es schaut von außen leichter aus, aber wir haben drei Jahre hart gekämpft.
Jetzt haben Sie mit dem Galaxy Note 2 ein technisch interessantes Gerät vorgestellt. Was mir aufgefallen ist: Viele Hersteller wollen immer neue Funktionen in ihre Geräte bringen. Oft sind aber die Dinge erfolgreich, die nur das notwendigste gut aufbereitet bieten, wie eben das iPhone. Besteht nicht die Gefahr, durch einen Feature-Wahn den User durch die Komplexität zu überfordern?
Ich denke, dass jeder User das nutzt, was er braucht. Es ist wie wenn einer sagt, das Galaxy Note ist zu groß. Ich benutze kein Galaxy S3 aus dem einzig und alleinigen Grund, weil mir das S3 zu klein ist. Wenn du einmal ein Note verwendet hast, greifst du kein anderes Telefon mehr an. Ich liebe diese Displaygröße. Wir bauen die unterschiedlichsten Geräte, wir haben um die 100 im Portfolio. Jeder kann, aber muss nicht.
Samsung stellt sich sehr diversifiziert auf. Insofern ist Apple ja mit seinem einzigen Handy fast schon der geborene Antagonist. Ist der Entwicklungsaufwand nicht zu groß, dass man dermaßen viele Bedürfnisse auf einmal bedienen will?
Der Unterschied ist der, wir sind Handwerker. Wir entwickeln wirklich etwas.
Apple entwickelt nichts?
Wir haben in Summe 57.000 Entwickler. Bei uns gibt es eine Firma, die die Displays baut und die Chipsätze. Und bei uns ist man stolz darauf, vieles zu bauen. Ich sage jetzt nicht, dass diese Strategie besser als eine andere ist. Wenn man sich die Geschäftsergebnisse anschaut, machen die schon gute Dinge. Sie werden von keinem Samsung-Manager hören, dass das schlecht ist. Aber wir fahren eine ganz andere Strategie. Wir bauen auch Kühlschränke, Staubsauger und Waschmaschinen. Und wir wollen in allen Bereich das Beste machen.
Kann man überhaupt "das Beste" machen, wenn man nicht alle Energien auf eine Sache konzentriert?
Da müsste man Samsung ein bisschen von innen kennen. Die einzelnen Produkteinheiten sind wie kleine Firmen in der Firma aufgestellt. Da wird nichts quersubventioniert, jede einzelne Division muss mit ihrem Geschäft Geld verdienen. Und die werden gebenchmarkt. Wenn der eine gut verdient ist das noch nicht automatisch gut für den anderen.
Aber die Abteilungen reden ja wohl mit einander. Sonst könnte Ihnen ein Schicksal wie Sony drohen, wo mögliche Synergien nicht genutzt wurden.
Das ist mit Sicherheit ein Ziel der Zukunft, diese Synergien noch stärker zu nutzen. Ich darf seit 1. Juni auch die IT in Österreich verantworten.
Mobile und IT wachsen ja immer stärker zusammen.
Ja, aber wenn man heute noch ins Headquarter geht - ich war im Sommer zweimal dort - dann sitzen die in verschiedenen Gebäuden. Da wird noch nicht gemeinsam entwickelt. Das beginnt jetzt. Wenn man sich unsere Windows-8-Geräte anschaut, dann sieht man, dass das zusammenwächst, aber da haben wir noch Potenzial.
Haben Sie Windows 8 schon näher ausprobieren können? Was ist Ihr persönlicher Eindruck als User?
Ich glaube, dass es eine Berechtigung hat und ich denke - das sagen auch gescheitere Menschen als ich - , dass 2015 Microsoft mit Apples gleichauf ist. Ob das wirklich so ist, weiß ich nicht und wissen die in Wahrheit auch nicht. Microsoft ist ein mächtiges Unternehmen. Wenn sie alle ihre Ressourcen darauf ansetzen, damit erfolgreich zu sein, denke ich mir schon, dass das auch so sein wird.
Gerade im Handybereich haben viele Microsoft und auch Nokia bereits abgeschrieben. Ein Sprichwort lautet "Totgesagte leben länger"...
Aber hundertprozentig! Eine Firma wie Microsoft totzusagen ist Schwachsinn. Die haben Milliarden an Cash und verdienen mit ihrem Stammgeschäft noch immer gutes Geld. Es ist schlimm genug, dass sie die Entwicklung so spät angefangen haben. Aber ich denke, die sollte man nicht abschreiben.
Microsoft macht Milliardenumsätze, trotzdem rasseln die Aktien in den Keller, wenn das Ergebnis um ein paar Millionen von den Prognosen abweicht. Könnte das Samsung nicht ebenfalls blühen?
Samsung ist immer noch ein Familienunternehmen. Diese kurzfristige Denkweise gibt es bei uns nicht. Wir haben zum Beispiel eine Agenda 2020, wo man sich vornimmt, wo die Firma in zehn Jahren ist. Diese Strategien werden konsequent umgesetzt. Wir müssen nicht jedes Quartal nur den Shareholder befriedigen. Das ist bei den Silicon-Valley-Unternehmen extrem ausgeprägt.
Sie haben eine Agenda 2020 angesprochen. Was ist da geplant?
Die Idee ist, die Geschäftsfelder zu erweitern. Samsung will etwa in die Medizintechnik einsteigen, hört man. Wir müssen schauen, wo wir Kompetenzen haben, etwa bei Halbleitern, und das ausbauen.
Gerade bei Chips arbeitet Samsung nach wie vor gut mit Apple zusammen, trotz des Patentstreits. Ich nehme einmal an, die iPhone-5-Chipproduktion läuft auf Hochtouren?
Die Geschäftsfelder Halbleiter und Handys sind komplett getrennt. Ob uns das jemand glaubt oder nicht, es ist so. Wenn die Halbleiter-Sparte einen großen Kunden namens Apple hat, werden die alles tun, um den zufrieden zu stellen und gutes Geschäft zu machen. Dass wir derzeit der größte Mitbewerber bei Smartphones sind...
Das haben Sie höflich ausgedrückt.
Gerade Sie in der Presse schreiben martialischer darüber als wir das intern sehen. Wenn man Samsung weglässt und dann vom hundertsten iPhone-Killer liest, zum Beispiel. Wir bauen keinen iPhone-Killer, wir wollen gute Handys bauen, die letztendlich Kunden kaufen. Mich interessiert es nicht, ein iPhone zu killen. Oder irgendwelche Weltherrschaftstheorien, die kursieren.
Aber so große Unternehmen haben doch einen gewissen Einfluss.
Gerade wenn man über das Thema Cloud redet, würde ich mir bei den Googles, Apples und Facebooks dieser Welt mehr Sorgen machen. Wo führt das hin, wenn da überall unsere Daten hinterlassen werden? Ich unterstelle nicht einmal einer Firma, das in einer bösen Form zu verwenden. Wir wollen nur, dass unsere Kunden besser fernsehen oder besser fotografieren können. Da würde mir noch der Plan fehlen, wo da die Weltherrschaftstheorie herkommen würde.
Sie setzen hauptsächlich auf Android, siehe auch die bei der IFA vorgestellten Geräte. Jetzt haben Sie aber auch ein Modell mit Windows Phone 8 angekündigt. Alle haben erwartet, dass Nokia die ersten sind, die ein solches Handy vorstellen. War das nicht auch ein kleiner Seitenhieb auf die Konkurrenz? Gab es ein bisschen Schadenfreude?
Schadenfreude ist eine Emotion, die wir uns schlichtweg sparen. Aber wir wollen immer die ersten sein. Wir sind die größte Elektronikfirma der Welt mit der größten Entwicklermannschaft. Wir haben das Potenzial, mehrere Betriebssysteme gleichzeitig zu betreuen. Und wenn ein neues kommt, wollen wir damit die ersten sein.
Aber nur ein Gerät bei einer Messe hochhalten und es tatsächlich auf den Markt bringen, sind zwei verschiedene Paar Schuh. Es gibt weder einen Termin noch Preise, die bekannt wären.
Ich weiß alles, darf es aber noch nicht sagen. Früher haben wir vier bis fünf Monate vor dem Marktstart die Vorstellung gemacht. Wenn man sich das Galaxy S3 anschaut, waren wenige Wochen dazwischen. Mit dem Note 2 ist es auch so. Der Launch von Windows Phone 8 ist Ende Oktober, dann wird man sich ungefähr ausrechnen können, wann es erscheint. Die Leute, die es sich unter den Weihnachtsbaum legen wollen, werden die Chance dazu haben.
Windows Phone ist im Vergleich zu anderen Systemen nicht so stark vertreten. Nokia hat das Segment aber stark für sich beansprucht. Hat Sie das geärgert? Ist das eine Herausforderung für Sie?
Man kann darüber diskutieren, ob Nokia eine richtige oder falsche Entscheidung gefällt hat. Es steht mir auch nicht zu, deren Firmenentscheidungen zu kommentieren. Ich persönlich denke mir, und damit bin ich nicht alleine, dass es wahrscheinlich andere Wege auch gegeben hätte, um die größte europäische, letzte verbleibende Firma nicht so dastehen zu lassen wie sie jetzt dasteht. Ich bin auch Europäer. Und - da sind wir wieder bei Schadenfreude - ich freue mich nicht, wie es Nokia jetzt geht.
Was ich eigentlich meinte ist, dass im reinen Bereich Windows Phone Nokia sehr stark geworden ist.
Wir haben uns bisher ja überhaupt nicht engagiert. Wir haben zwar zwei, drei Geräte mit Windows Phone 7 gehabt, aber im Grunde haben wir uns nicht wirklich engagiert.
Das wird jetzt anders?
Das wird anders werden und dann beginnt das Spiel von neuem. Und dann ist die Frage, ob der Kunde ins Geschäft geht und ein Nokia-Gerät kauft oder ein Samsung-Gerät. Ich bin guter Dinge, dass unsere Marke und unsere Geräte die Kunden überzeugen werden.
In Österreich steht vielleicht eine Konsolidierung am Mobilfunkmarkt an. Hat das für Sie auch Auswirkungen?
Wir haben einen verrückt umkämpften Markt. Wenn man sich anschaut, dass sich alle Großen dieser Welt - eine Vodafone mit A1, T-Mobile, Orange und eine Hutchison - in einem 8-Millionen-Markt bewegen. Das ist schon Wahnsinn. Aber zum Vorteil des Konsumenten, der nirgends billiger telefonieren kann. Aber man muss aufpassen, dass man Innovationen nicht verschläft. Wenn die Industrie sich es nicht leisten kann, in Technologien zu investieren, dann ist das ein fadenscheiniger Gewinn für den Konsumenten. Dann hat er es zwar billiger, aber nicht die Leistung dahinter. Die Investitionen kosten mehrere hunderte Millionen. Wir bewegen uns aber bei einem Preisniveau von 6,50 pro Monat. Aber selbst bei einer Konsolidierung wird sich nicht viel ändern. Wir haben den alteingesessenen Platzhirsch, den deutschen großen Bruder und einen extrem aggressiven chinesischen Teilnehmer, der nicht aufhören wird, bis sie Nummer eins sind.
(db)
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