In Zukunft soll die Checkliste beim Verlassen der Wohnung wesentlich kürzer werden. Zumindest, wenn es nach den Befürwortern der Technologie NFC geht. Near Field Communication überträgt Daten auf Distanzen über wenige Zentimeter und steckt bereits in so gut wie allen neuen Smartphones. Bisher schenkten Handybesitzer der unscheinbaren Funktion kaum Aufmerksamkeit – das könnte sich aber bald ändern. Der Kurzdistanzfunk lässt das Smartphone mit Geräten kommunizieren, die bisher eher als dumm oder zumindest schwerhörig eingestuft werden mussten. Türschlösser zum Beispiel. Eine Forschungsgruppe an der TU Wien hat ein System entwickelt, das jedes NFC-Handy zum Schlüssel machen kann. Also: Handy knapp vor das Schloss halten, Zylinder entriegeln. Einbauen lässt sich ein solches elektronisches Schloss in praktisch jede Türe, erklärt Karin Kappel, die das neue System an der TU testet.
Ein Schlüssel nur für Dienstage. So ein Hightech-Schloss hat viele Vorteile: Der Wohnungsbesitzer kann jedes NFC-fähige Smartphone zu einem Schlüssel für seine Türe machen, auch zum Beispiel vom Urlaub aus. Digitale Schlüssel können zeitlich begrenzt werden. So könnte ein Schlüssel für die Putzfrau zum Beispiel nur Dienstagvormittag sperren. Wenn diese kein NFC-Smartphone hat, ist das kein Problem, dafür gibt es Plastikkarten mit einem entsprechenden Chip. Solche Karten können auch mit einmaligen „Eintritten“ belegt werden – etwa für Handwerker. Praktisch ist auch, dass sich diese Karten einfach über ein NFC-fähiges Handy mit einer entsprechenden App bespielen lassen.
Auch wenn man zweifeln könnte – sicher scheint ein solches NFC-Schloss auch zu sein. Eine 100-prozentige Garantie könne man nicht abgeben, meint TU-Professor Thomas Grechenig, weil dazu einfach noch die Erfahrung fehlt. Es gibt aber doch einige gute Gründe, dem Smartphone-Schlüssel zu trauen. Einerseits liegt das zuständige Element auf der SIM-Karte und nicht im Handy selbst, erklärt Kappel. Die Kommunikation ist so sicher gestaltet, wie es die Technik eben derzeit ermöglicht. Einbrecher werden aber ohnehin eher versuchen, das Schloss zu knacken, als das Smartphone. Mit einem Dietrich und ähnlichen Werkzeugen wird das nicht funktionieren, das Schloss ist schließlich elektronisch, erklären die Forscher. Geht das Handy verloren, kann man dem Gerät recht einfach die Berechtigung entziehen – bei einem verlorenen oder gestohlenen Schlüssel wäre das nicht möglich. Der Anbieter des Systems kann außerdem einen Schlüsseldienst bei Bedarf mit einem digitalen Schlüssel für das Schloss ausstatten.
EVVA bringt nächstes Jahr ein solches Schloss auf den Markt. Bereits Realität ist hingegen das NFC-Smartphone als Geldbörserl-Ersatz. Bezahlen kann man mit einem entsprechenden Handy (derzeit nur mit A1-SIM-Karte) oder einer NFC-Kreditkarte bereits bei einigen Supermärkten und McDonald's-Filialen. Laufen solche Transaktionen über das Smartphone, können zudem automatisch Gutscheine oder Rabatte einbezogen werden. Vorteilscards müsste man dann auch nicht mehr mit sich herumschleppen. Eines der spannendsten Projekte läuft derzeit mit der ÖBB, erzählt Grechenig. Mit NFC-Smartphones könnten künftig Tickets am Automaten gekauft und mit dem NFC-Gerät eines Kontrolleurs quasi automatisch kontrolliert werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)
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