Nach dem Launch von Windows 8 Ende der Vorwoche setzte Microsoft am Montag eines drauf und präsentierte in San Francisco sein neues Handybetriebssystem Windows Phone 8. Während Windows 8 eine tief greifende Revolution darstellt, wirken die Neuerungen beim Handypendant auf den ersten Blick weniger spektakulär. Die Kacheln mit Live-Infos sind schon vom Vorgängersystem bekannt.
Trotzdem sprachen Windows-Phone-Manager Joe Belfiore und Microsoft-Boss Steve Balmer von einer „Neuerfindung des Smartphones“ und dem „persönlichsten Betriebssystem“.
Damit ist vor allem gemeint, dass die Kacheln nun nicht nur – wie bei anderen Handyoberflächen auch – beliebig angeordnet, sondern auch in der Größe variiert werden können. Das bedeutet bei den Windows-Kacheln neben unterschiedlich auffälliger Präsenz auf dem Display auch verschiedene Mengen an Infos, die diese Live-Kacheln über die jeweilige Anwendung geben. Ob das schon als „Neuerfindung des Smartphone“ gilt, sei dahingestellt, als interessantes Feature geht es jedenfalls durch. Ebenso wie der Umstand, dass auch der Bildschirmschoner „live“ ist, also auf Wunsch bestimmte Infos anzeigt.
Die wohl größte Stärke des Windows-Systems, die vor allem im Businessumfeld entscheidend sein könnte – das Zusammenspiel mit anderen Windows-8-Geräten und der Windows-Welt an sich –, wurde nur vergleichsweise kurz angerissen.
People Hub und Kids Corner
Dafür wurden umso mehr die Themen Freunde und Familie getrommelt, etwa mit dem neuen „People Hub“, bei dem nun Personengruppen wie Familie oder Arbeitskollegen in eigene „Räume“ gruppiert werden, deren Mitgliedern gemeinsame Kalender, Notizzettel und Fotoalben zur Verfügung stehen. Teile wie der gemeinsame Kalender können dann auch mit Handys anderer Plattformen genutzt werden.
Eine Funktion, die vor allem Eltern schätzen werden, ist der „Kids Corner“. Hier sind Bereiche des Handys gesperrt, sodass man das Teil auch mal in die Hand eines Sprösslings geben kann, der damit etwa fotografieren oder Videos ansehen kann, ohne dass der Besitzer sich wegen verstellter Einstellungen oder an alle Welt versandter Nachrichten sorgen muss.
Weitere große Themen sind Fotos – hier sei vor allem das Teilen und Synchronisieren per Skydrive erwähnt – und Musik. Xbox Music, der hauseigene Shop inklusive Streaming-Service, ist auf allen Windows-(Phone)-8-Geräten integriert. Ob das in den USA auf allen WP8-Handys für ein Jahr frei geschaltete Musikservice Pandora auch in Europa verfügbar sein wird, ist fraglich.
Zudem will Microsoft die Hürde für einen Wechsel zu WP8 senken: iPhone-Nutzer können ihre iTunes-Playlists mitnehmen. Dabei werden nur die Titelnamen von Apple kopiert, die Songs selbst werden – so vorhanden – aus dem 30 Millionen Titel umfassenden Repertoire von Xbox Music eingefügt.
Sparen bei Datenverbrauch
Ein interessantes Feature, das allerdings noch auf sich warten lassen wird, ist Datasense. Diese Anwendung überwacht nicht nur – wie bei anderen Plattformen auch – detailliert die Menge der via Mobilfunk übertragenen Daten, dank komprimierter Übertragung soll der Datenverbrauch beim Surfen um bis zu 45 Prozent gesenkt werden. Das erfordert aber die Unterstützung des Providers. In den USA startet Verizon zu Weihnachten, die heimischen Mobilfunker geben sich vorerst abwartend.
Auf technischer Seite wäre noch zu erwähnen, dass Windows Phone nun (endlich) Mehrkern-Prozessoren und NFC unterstützt. Last but not least die Apps: Hier hinkt Windows der Konkurrenz zahlenmäßig weit hinterher, Microsoft verweist aber darauf, dass 46 der 50 beliebtesten Apps auch im Windows Store zu finden sind.
Erste Windows-Phone-8-Handys sind bereits in Österreich erhältlich (siehe Kasten), das damit eine internationale Vorreiterrolle übernimmt. Das Gros der wichtigsten Märkte wird ab Mitte/Ende November bedient.
Samsung Ativ S: Das Ativ S ist mit 4,8-Zoll-Amoled-Display (1280 x 720 Pixel ) das größte der derzeitigen Windows-Phone-8-Modelle und dennoch sehr schlank. Zudem verspricht es lange Akku-Laufzeit. Es ist für Mitte November bei Drei und T-Mobile, für Ende November bei A1 angekündigt.
Nokia Lumia 820/920: Nokia macht sich mit spätem Marktstart selbst zum Stiefkind. Das Flaggschiff Lumia 920 verfügt über 4,5 Zoll-Display (1280 x 768 Pixel). Besonders stolz ist man bei Nokia auf die „Pure View“-Kamera mit optischem Bildstabilisator. Das Mittelklassemodell Lumia 820 hat 4,3 Zoll und nur 800 x 480 Pixel. Beide Modelle haben ein sehr helles OLED-Display und können drahtlos geladen werden.
Das Lumia 820 wird Anfang 2013 bei Orange verfügbar sein. Auch A1 und T-Mobile wollen Windows Phone-P8-Modelle von Nokia bringen, wann ist aber noch offen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2012)
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