Samsung: Krieg der Sterne im Reich des Konfuzius

Der Familienstreit um das Erbe bei Samsung erschüttert den Milliardenkonzern und könnte den Aufstieg des Elektronikriesen bremsen. Nicht nur beim Konkurrenten Apple wird der Machtkampf mit Argusaugen verfolgt.

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Kun-Hee – (c) REUTERS (NEWSIS)

Als er im September die Nachricht von der Milliardenstrafe im Patentstreit gegen Apple erhielt, soll Samsung-Chef Lee Kun-hee keine Miene verzogen haben. Wie auch – lehrt doch der Südkoreas Gesellschaftssystem dominierende Konfuzius vor allem eines: Gleichmut. Auch wenn die Niederlage gegen den Erzfeind jenseits des Pazifiks den allmächtigen Boss des größten südkoreanischen Konzerns sicher wurmt – die Milliarde zahlt der mit einem geschätzten Vermögen von 8,6 Milliarden Dollar reichste Südkoreaner locker aus der Portokasse.

In geschäftlichen Dingen hat Lee seine Gelassenheit, zumindest nach außen, noch nie verloren – dabei hatte der als äußerst ehrgeizig geltende dritte Sohn des Unternehmensgründers Lee Byung-chull in den vergangenen Jahren schon härtere Kämpfe überstanden. Es ging um Korruption in großem Stil, um Kartellbildung, um Preisabsprachen, um miserable Arbeitsbedingungen in den Fabriken und zuletzt um Kinderarbeit. Zwei Mal wurde Lee sogar verurteilt: wegen Bestechung (1996) und wegen Steuerhinterziehung (2008). Aber beide Male wurde er begnadigt und verblieb an der Spitze des Chaebol, wie die einflußreichen, familiengeführten Megakonzerne in Südkorea genannt werden.

Ein Konflikt scheint den 70-jährigen Boss, den seine 344.000 Mitarbeiter mehr fürchten als verehren, aus der Fassung zu bringen. Seine Geschwister, allen voran sein ältester Bruder Lee Maeng-hee, haben ihn geklagt. Sie fordern Anteile im Wert von rund 850 Millionen Dollar am Konzernherzstück. Das ist die Lebensversicherung Samsung Life, über die das aus rund 80 Firmen bestehende Konzerngeflecht gesteuert wird. Wer die Versicherung kontrolliert, hat die Macht über die „Drei Sterne“ – das bedeutet das Wort Samsung auf Koreanisch.

Der „Krieg der Sterne“ erschüttert das Samsung-Imperium viel mehr als Lee lieb ist – er droht das Machtgefüge in dem diktatorisch geführten Imperium aufzubrechen und es im rasenden Aufstieg zu schwächen. Im Match um die Führungsrolle in der IT-Welt gilt es eigentlich, die Kräfte zu bündeln. Der Konflikt eskaliert nun just zu dem Zeitpunkt, an dem Lee Kun-hee dabei ist, das Milliardenimperium an seinen Sohn Jay Yong Lee zu übergeben. Wenn nicht die „liebe“ Familie wäre.

Asiaten, so sagt man, verlören nie ihr „Gesicht“. Umso schlimmer, wenn ihnen dieses genommen wird. Noch schlimmer, wenn der so Düpierte der mächtigste Industrieboss des Landes ist, der aus der als Greißlerladen gestarteten Firma den größten Elektronikkonzern der Welt entwickelt hat. Vielleicht war das der Grund, warum Lee zuletzt selbst für die Eskalation des Konflikts sorgte. Er schimpfte in aller Öffentlichkeit über seinen Bruder. Und er ließ diesmal das Ritual zum Todestag des Konzerngründers platzen. Die Familie von Lee Maeng-hee musste durch den Nebeneingang zum Grab gehen. Angesichts dieses Affronts war es mit der Diskretion vorbei.

Tradition gebrochen. Der Riss begann sich schon vor fünf Jahren abzuzeichnen, als im Zuge des Korruptionsskandals Gerüchte kursierten, Lee habe sich über Strohmänner größere Teile des Erbes des 1987 verstorbenen Vaters gesichert. Das wurmte Lee Maeng-hee offenbar sehr, zumal er beim Rennen um den Chefsessel übergangen worden war. Denn nicht er als ältester Sohn übernahm, wie in der koreanischen Tradition üblich, die Konzernführung, sondern sein Bruder Lee Kun-hee.

Die Entscheidung sollte sich als weise herausstellen, zumal Lee Maeng-hee keine Führungsqualitäten zeigte. Umso mehr tat dies sein jüngerer Bruder. Als er 1987 den Konzern übernahm, rüttelte er zwar nicht viel an der hierarchischen Struktur. Er verpasste aber dem Gemischtwarenladen, der Autos, Maschinen, Schiffe, Immobilien, Lebensmittel bis hin zu Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik produzierte, eine innovative Ausrichtung.

Flachbildschirme waren der erste Coup, wobei Sony und Panasonic bald das Nachsehen hatten. Inzwischen ist Samsung der größte Produzent. Nicht nur bei TV-Bildschirmen, sondern seit Kurzem auch bei Mobiltelefonen. Den Anstoß gab die Asien-Krise in den 1990er-Jahren. Wie viele Konzerne musste auch Samsung Federn lassen und zog sich aus vielen Geschäftsfeldern zurück. Lee Kun-hee erkannte den Zug der Zeit, den er mit dem legendären Satz einläutete: „Lasst uns alles verändern, bis auf unsere Frauen und Kinder.“ Samsung Electronics wurde der wichtigste Zweig des Imperiums.

Samsung ist Korea, daneben hat nicht viel Platz, LG und Hyundai am ehesten. 220 Milliarden Dollar Umsatz (2010) entsprechen einem Fünftel des Bruttoinlandsprodukts des Landes.


Alle zehn Jahre neu erfinden.
Die Strategie von Lee: Samsung setzt auf bekannte Technologien, die aber noch teuer sind. Geld und Innovationskraft werden dahingehend gebündelt. Dann schlägt das Imperium mit eigenen, zum Teil billigeren Produkten zurück. Jetzt wird in den Labors unter anderem an Batterien für Elektroautos, Leuchtdioden und Biotechnologie getüftelt.

Der Konzern müsse sich alle zehn Jahre neu erfinden, lautet das Credo des Chefs, dessen Führungsstil jedoch alles andere als modern ist. Der Machtkampf innerhalb der Familie ist daher ein gefundenes Fressen für alle jene, die für offene Firmenstrukturen plädieren. Wobei die Befürworter ja nicht unbedingt in Cupertino sitzen. Denn auch bei Apple herrscht ein strenges Regiment – auch wenn die coolen Produkte anderes vermitteln.

Aber nicht nur in der Zentrale von Apple und anderen Mitbewerbern wird der Machtkampf mit Argusaugen verfolgt. Für die südkoreanische Bevölkerung ist die „Family Soap“ ein amüsantes Novum, das freilich auch beunruhigende Züge hat. Denn an dem Konzern hängen viel mehr als die direkten 344.000 Jobs. Die Folgen eines Strauchelns will sich daher niemand ausmalen. Da hofft man schon eher auf einen positiven Effekt – dass der Machtkampf das hierarchische Gefüge aufbricht. Und damit Samsung zu einem wirklich modernen Konzern macht – wer auch immer die Führung übernehmen wird. Ein Familienmitglied ist es sicher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2013)

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