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Blackberry 10: Hoffen auf den Wow-Effekt

18.01.2013 | 18:34 | NORBERT RIEF (Die Presse)

RIM präsentiert in zehn Tagen neue Handys und ein neues Betriebssystem. Für den Blackberry-Hersteller geht es ums Überleben.

Wien. Nur selten sind es singuläre Ereignisse, die über die Zukunft eines Unternehmens entscheiden. Am 30. Jänner wird es so ein Ereignis geben. An dem Mittwoch wird Thorsten Heins auf eine Bühne treten und zwei neue Blackberry-Handys vorstellen – und ein paar Wochen später wird man wissen, ob es Research in Motion (RIM) am Ende des Jahres noch geben wird oder nicht.

Die Einschätzung ist nicht übertrieben. „Wir haben eine einzige Chance“, meinte RIM-Chef Heins vor einigen Wochen in einem Interview mit einer kanadischen Zeitung. „Blackberry 10 entscheidet über unsere Zukunft.“ Die neuen Handys samt dem neuen Betriebssystem sollen wettmachen, was das kanadische Unternehmen über Jahre versäumt hat: ein attraktives Konkurrenzprodukt zu Apples iOS und Googles Android anzubieten.

Und dafür genügt eine gute Kopie der beiden Bestseller nicht, man braucht schon einen Wow-Effekt, um aus der Masse der Mobiltelefone herauszustechen.

Den bringe das neue Betriebssystem, meint der Wiener Peter Mayer, Betreiber der Webseite telekom-presse.at, der als erster Journalist weltweit ausführlich einen der neuen Blackberrys testen konnte. Bekommen hat er ihn über Umwege von einem Mobilfunkbetreiber (sehr zum Ärger von RIM).

„Die Bedienung ist leichter und flüssiger als bei einem iPhone oder Android“, erklärt Mayer. „Alles ist einen Schritt einfacher, etwas unkomplizierter und etwas angenehmer zu bedienen.“ So könne man etwa neu eingetroffene Nachrichten mit einer kurzen Daumenbewegung prüfen, ohne das Programm beenden zu müssen, in dem man gerade arbeitet. „Technisch“, urteilt Mayer, „ist Blackberry 10 auf jeden Fall eine neue Klasse.“

 

Touchscreen und Tastatur

Heins wird zwei Modelle vorstellen, Fotos von den Prototypen kursieren seit einiger Zeit im Internet. Das Z10 ist ein reines Touchscreen-Handy mit einem 4,2 Zoll Bildschirm (Auflösung 1280 x 768 Pixel). Innen werkt ein Dualcore-Prozessor mit 1,5 GHz und zwei GB RAM, es gibt zwei Kameras mit zwei und acht Megapixel. Über das X10 ist weniger bekannt, es wird aber das von Blackberry-Usern geliebte Keyboard haben und einen Touchscreen in der Größe des aktuellen Modells Bold 9900.

Ein Mitarbeiter eines österreichischen Mobilfunkbetreibers, der das neue Betriebssystem ebenfalls bereits getestet hat, schwärmt, wie leicht es sei, zwischen der privaten und der beruflichen Nutzung zu wechseln. Das sei „einzigartig“.

Viele Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Handys zur Verfügung stellen, haben wesentliche Funktionen ausgeschaltet, um die Datensicherheit zu garantieren. Bei den Blackberrys der Pentagon-Mitarbeiter ist beispielsweise sowohl die Bluetooth- als auch die WLAN- und die Kamerafunktion deaktiviert.

Mit dem einfachen Wechsel zwischen privater und beruflicher Nutzung könne man die Datensicherheit weiterhin garantieren, ohne dem Besitzer aber den Spaß an anderen Funktionen zu vermiesen. RIM nennt es „Work-Life-Balance“, es soll eines der großen Pluspunkte der neuen Geräte sein.

Investoren scheint das, was sie bisher von Blackberry gesehen haben, zu überzeugen. Die Aktie des Unternehmens legte seit Jahresbeginn um 24 Prozent zu. Freilich von einem niedrigen Stand: An der Börse ist das kanadische Unternehmen mit etwa 15 Dollar pro Aktie nur noch zehn Prozent dessen wert, was man noch im Juni 2008 bezahlte (der Spitzenwert lag damals bei 148 Dollar).

 

79 Millionen User weltweit

Die Kanadier hatten über viele Jahre allein auf ihre einzigartige E-Mail-Funktion gesetzt, die Nachrichten ohne Verzögerung auf das Handy übermittelt. Die vielen Möglichkeiten, die ein iPhone in Kombination mit zehntausenden Apps bot, tat man als Spielerei ab und unterschätzte die Wünsche der Kunden. Die wechselten in Massen zu iPhones und Androids, selbst Manager, die sich früher ohne Blackberry amputiert fühlten, wandten sich ab. Im vergangenen Jahr zählte RIM weltweit noch 79 Millionen Blackberry-User. Zum Vergleich: Apple verkaufte von seinem iPhone allein in den ersten drei Monaten des vergangenen Jahres 37 Millionen Stück.

Die Wochen nach dem 30. Jänner werden zeigen, ob es noch einen Markt für Blackberry gibt. Ein User auf crackberry.com geht auf jeden Fall auf Nummer sicher: Er werde sich zwei oder drei der neuen Handys kaufen – einerseits, um RIM zu unterstützen. Andererseits aber, „weil das vielleicht die letzten Handys mit Tastatur sind“.


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