Smartphones sind eigentlich ziemlich dumm. Klug werden sie erst durch Apps, die billigen Zusatzprogramme, mit denen man das Handy zur Spielkonsole, zum Navi, zum Fahrradcomputer oder auch zur Wasserwaage machen kann. „Apps“, schrieb das „Wall Street Journal“, „sind die Butter auf dem Handy-Brot.“ Und ziemlich gute Butter kommt ausgerechnet aus Österreich.
„Wir waren die am meisten heruntergeladene App in Deutschland, der Schweiz, in Österreich, Frankreich, Spanien und Italien“, sagt Florian Gschwandtner, und wer mit dem ehrgeizigen 28-Jährigen spricht, der weiß, dass es nicht dabei bleiben wird. Gut möglich, dass seine App Runtastic im Fitnessbereich bald ist, was Angry Birds bei den Spielen ist.
Apps haben den Markt für Computer- und Handysoftware in den vergangenen Jahren gehörig durcheinandergewirbelt. Früher bedeutete Geld im Softwarebereich oft auch Erfolg: Große Firmen brachten ihre Programme mit enormem Marketingaufwand in die Geschäfte. Heute entfällt das Vertriebsproblem. Jemand kann in seinem Zimmer sitzen, ein Programm schreiben, in die Internetgeschäfte von Apple oder Android hochladen und damit millionenfachen Erfolg haben.
2,8 Millionen Downloads. Wie Runtastic, das 2009 von vier Oberösterreichern für Sportler entwickelt wurde. Die App zeichnet mit Hilfe des im Handy eingebauten GPS die Strecke eines Läufers auf, errechnet die zurückgelegten Kilometer, die Durchschnittsgeschwindigkeit, die überwundenen Höhenmeter und die verbrauchten Kalorien. Ende 2009 wurde die App für das iPhone vorgestellt, mittlerweile gibt es Runtastic auch für Android-Handys, für Blackberry und Windows Phone. 2,8 Millionen Mal wurde das Programm schon heruntergeladen und ist damit mit Abstand Österreichs erfolgreichster Beitrag auf dem weltweiten App-Markt. Für die vier Oberösterreicher, alle unter 30, macht sich der Erfolg seit Mai bezahlt: Seit dem Monat schreibt man Gewinn.
Haben es die Linzer auf hunderttausende iPhones und Android-Handys geschafft, kommt aus ihrem Nachbarbundesland Salzburg eine App, die auf allen neuen Blackberrys (erhältlich ab Herbst) vorinstalliert sein wird: Der Wikitude World Browser. Die Salzburger sind einer der Marktführer im Bereich der erweiterten Realität. Wer die App installiert, hält die Kamera seines Handys beispielsweise auf ein Museum oder eine Statue und erhält aus dem Internet Informationen dazu – oder sieht, wo das nächstgelegene Irish Pub ist oder ein Restaurant.
20 Mitarbeiter sitzen in Salzburg und Wien und entwickeln den Browser und die Kamera-Navigation Wikitude Drive (die Fahrtstrecke wird auf dem Videobild angezeigt) ständig weiter. Man müsse „stets etwas besser sein und etwas mehr bieten als die Konkurrenz“, sagt Geschäftsführer Martin Hedina. „Das App-Geschäft ist ein schnelllebiges Geschäft.“
Das haben zwei junge Tiroler erfahren, die 2010 die Idee für die Taxi-App „Get a Taxi“ hatten. Als sie im heurigen Mai online gingen (verzögert unter anderem wegen einer Einberufung zum Zivildienst) gab es schon etliche andere Unternehmen, die ähnliche Programme anboten, über die man Taxis bestellen und Bewertungen abgeben kann. „Als wir die Idee dazu hatten, gab es noch nichts“, berichtet der 25-jährige Fabian Rauch, der die App mit George Parth entwickelte und mit Innsbrucker Taxifahrern erprobte. Derzeit bereitet man den Sprung in die anderen Landeshauptstädte vor, doch in Wien hat sich schon die App MyTaxi etabliert.
„Früher wurden gute Apps automatisch erfolgreich. Das ist heute nicht mehr so“, erklärt Daniel Cronin. Er hat eine Agentur gegründet, die den vielen kleinen App-Entwicklern Hilfe anbietet: Er bewirbt Programme und versucht, sie zu Geld zu machen. „Die meisten Programmierer sind Solisten“, sagt Cronin. Da gebe es viele junge, talentierte Menschen. Ohne die richtigen Kontakte sei es aber immer schwieriger, weiterzukommen.
App fürs Krankenhaus. Das habe auch damit zu tun, dass die App-Welt dabei sei, sich zu professionalisieren. So kommen die „Top 25“-Apps in Apples iTunes-Store – eine Art Hitparade der weltweit beliebtesten Apps – alle aus professionellen Software-Schmieden und nicht mehr von Einzelgängern, die „im Keller des Elternhauses“ programmieren, erklärt Cronin. Er rät Entwicklern, sich auf eine Idee zu konzentrieren. Erfolgreich seien nicht die Alleskönner, sondern Programme, die eine Sache besonders gut können.
Oder die auf eine spezielle Nutzerschicht zielen, wie die Firma Exthex aus Graz. Sie entwickelte die Spezialsoftware E.M.M.A. – „Excellent Mobile Medical Application“. Die App unter anderem für Apples iPad ist „der lange Arm des Krankenhausinformationssystems“, erklärt Firmenchef Peter Danner. Ärzte können damit Medikamente verschreiben, über das eingebaute Mikrofon Befunde diktieren und Patienten entlassen, notfalls auch vom Golfplatz aus. In drei österreichischen Krankenhäusern wird das System gerade implementiert, bei mehr als zehn weiteren liefen die Projekte an, berichtet Danner. Auch im arabischen Raum gebe es großes Interesse an dem System.
Riskantes Geschäft. Geld verdient Exthex mit jeder verkauften Lizenz von E.M.M.A. und hat damit einen großen Vorteil gegenüber anderen App-Herstellern: Deren Programme sind nämlich meist kostenlos, die Entwickler verdienen entweder an vermittelten Taxifahrten, wie „Get a Taxi“, an reservierten Tischen und gebuchten Hotelzimmern, wie Wikitude, oder an geschalteter Werbung innerhalb der Apps.
„Es ist sehr riskant, wenn man allein von einer App anhängig ist“, erklärt Gschwandtner. Deswegen belassen es die Linzer auch nicht bei bezahlten Profiversionen von Runtastic, die mehr können als die Gratisversion. „Wir bauen ein ganzes Geschäftsfeld rund um unsere App.“ Für fünf Euro pro Monat bietet das Unternehmen beispielsweise die Möglichkeit, die Daten vom Handy auf eine Webseite hochzuladen und eine detaillierte Auswertung zu erhalten. Sportler können sich einen Trainingsplan herunterladen, der einem persönlichen Trainer auf dem Handy gleichkommt – inklusive mehr oder weniger motivierender Anfeuerungsrufe aus dem Lautsprecher. Über die Plattform vertreibt Runtastic zudem Laufzubehör, und demnächst „werden wir auch mit einer eigenen Hardware auf den Markt kommen“, kündigt Gschwandtner an.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2011)
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